Gespräch mit dem Selbstvertreter-Rat der Lebenshilfe Erfurt: "Warum sind uns Erinnerungen heute wichtig?"

30.10.2020 18:45

"Da wir auch eine Behinderung haben, hätte uns ja auch zu Nazi-Zeiten dasselbe passieren können wie diesen Leuten. Und wir sind stolz, dass wir heute hier sein dürfen."

Vier Personen vor einem Publikum auf einem Podium.
Foto: Anja Schneider (Lebenshilfe Erfurt) im Gespräch mit Sandra Pohlan, Kerstin Albrecht und Lutz Kurzreiter (alle Selbstvertreter-Rat der Lebenshilfe Erfurt, von links) Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Der Landesverband der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung und die Lebenshilfe Erfurt haben gemeinsam "Barrierefrei erinnern – Das Zentrum für Thüringen" ins Leben gerufen. Ein Projekt des Zentrums sind Bildungsangebote in Leichter Sprache zur Sonderausstellung "Wohin bringt ihr uns? 'Euthanasie'-Verbrechen im Nationalsozialismus". Sie werden gemeinsam mit dem Selbstvertreter-Rat der Lebenshilfe gestaltet. Seine Mitglieder sprachen darüber bei der Ausstellungseröffnung.  

Audio: Gespräch mit dem Selbstvertreter-Rat der Lebenshilfe Erfurt: "Warum sind uns Erinnerungen heute wichtig?" © Stadtverwaltung Erfurt

Das Gespräch im Wortlaut:

Anja Schneider: Wir haben jetzt ganz viel gehört und wir wollen Sie teilhaben lassen an unserer Arbeit, die uns mit dieser Ausstellung verbinden wird. Wer sind wir?

Sandra Pohlan: Von der Lebenshilfe Erfurt. Wir sind der Selbstvertreter-Rat.

Kerstin Albrecht: Mein Name ist Kerstin Albrecht. Ich bin auch bei der Lebenshilfe und bin auch im Selbstvertreter-Rat.

Lutz Kurzreiter: Ich bin Lutz und bin auch im Selbstvertreter-Rat.

Sandra Pohlan: Ich bin Sandra Pohlan.

Anja Schneider: Und mein Name ist Anja Schneider, ich bin Mitarbeiterin bei der Lebenshilfe. Wir haben uns in der Vorbereitung auf diesen Abend über das Wort "Erinnern" unterhalten. Unser Projekt, was im Februar gestartet ist, heißt: "Barrierefrei erinnern – das Zentrum für Thüringen".  Erinnern – Warum ist es wichtig, sich mit anderen über gute und auch unangenehme Erinnerungen auszutauschen?

Kerstin Albrecht: Wir erinnern, wie es zu den Nazi-Zeiten war, und an die Leute, die ausgegrenzt worden sind.

Sandra Pohlan: Um der Opfer zu gedenken und dass es sich nicht wiederholt.

Kerstin Albrecht: Und dass den Opfern gedenkt wird und wir uns an sie erinnern.

Anja Schneider: Bei unangenehmen Erinnerungen ist es uns auch wichtig, dass wir uns auch in der Gruppe intensiv darüber austauschen, damit wir auch alle besser mit diesen Erinnerungen lernen umzugehen. Wir sprechen im Projekt auch über die Nazi-Zeit. Haben Sie sich schon einmal in der Vergangenheit mit diesem Thema beschäftigt?

Sandra Pohlan: Ja, also wir hatten schon einmal einen Workshop über "Euthanasie" in der Nazi-Zeit und ich fand das Thema sehr bewegend, weil es unmenschlich ist.

Kerstin Albrecht: Ja, ich hatte auch den Workshop zusammen mit Frau Pohlan und es war sehr interessant, man muss ja mal hören, wie es in der Nazi-Zeit gewesen ist, und ich beschäftige mich auch sehr gut mit dem Thema.

Lutz Kurzreiter: Ich kann dazu gar nichts sagen, ich bin nicht dabei gewesen, bei diesem Workshop. Es ist auch das erste Mal, dass ich dabei sein kann.

Anja Schneider: Wir haben uns unterhalten, was uns hilft, sich zu erinnern und warum ist es besonders wichtig, dass es so einen Erinnerungsort gibt.

Kerstin Albrecht: Wir erinnern uns, wie es zu den Nazi-Zeiten war und man muss sich eben gut mit dem Thema beschäftigen.

Anja Schneider: Was finden wir hier an diesem Ort oder was sehen wir hier?

Kerstin Albrecht: Wir sehen hier an dem Ort die Erinnerung.

Sandra Pohlan: Wir sehen viele Dokumente und Berichte und Fotos.

Kerstin Albrecht: Und viele Erinnerungen, die mal in der Nazi-Zeit gewesen sind.

Lutz Kurzreiter: Und auch viele Fotos und viele Bilder in schwarz-weiß.

Anja Schneider: Genau. Fotos und Dokumente helfen uns zu erinnern und zeigen auch, was wirklich damals passiert ist. Und so wie heute Abend ist es auch wichtig, dass sich Menschen darüber austauschen. Dass die Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Wir haben uns darüber unterhalten, wie Menschen mit Beeinträchtigung heute leben und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Wir haben uns auch unterhalten über das Leben des munteren Willi Kirmes und wie er von den Nazis ermordet worden ist. Die Ausstellung "Wohin bringt ihr uns?" zeigt, was Menschen mit Beeinträchtigungen und Menschen mit psychischen Problemen in der Nazi-Zeit passiert ist. Die Ausstellung zeigt, dass die Nazis eingeteilt haben in wertes und unwertes Leben. Dass Menschen mit Behinderungen aus der Gesellschaft ausgegrenzt worden sind. Viele dieser Menschen sind ermordet worden oder auch zwangssterilisiert.

Kerstin Albrecht: Da wir auch eine Behinderung haben, hätte uns ja auch zu Nazi-Zeiten dasselbe passieren können wie diesen Leuten. Und wir sind stolz, dass wir heute hier sein dürfen.

Sandra Pohlan: Und ich bin eigentlich schon gespannt auf die Ausstellung.

Kerstin Albrecht: Bin ich auch sehr gespannt, interessiert mich dann sehr.

Lutz Kurzreiter: Würde mich auch mal interessieren, weil ich das noch nie gesehen habe.

Anja Schneider: Was haben wir uns für diese Ausstellung im Projekt vorgenommen?

Sandra Pohlan: Wir wollen eine Tandemführung machen – also in Begleitung, also mitbegleiten sozusagen.

Kerstin Albrecht: Wir wollen den Leuten zeigen, wie es in der Nazi-Zeit war und wie wir jetzt mit einer Behinderung leben können.

Anja Schneider: Genau, wir wollen die Führungen zusammen machen und auch zusammen erarbeiten und wir haben hier diese Karten vorgefunden: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich", "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden". Ich denke, das wird auch Teil unserer Führung werden, wie Menschen mit Behinderungen heute selbstbewusst und auch selbstbestimmt in der Gesellschaft teilhaben können.

Kerstin Albrecht: Und dann noch eine Frage zum Publikum: Wer noch gerne uns eine Frage stellen möchte, der kann es tun. Wir versuchen es so gut wie möglich zu beantworten.

Lutz Kurzreiter: Gibt es denn noch weitere Fragen?

Besucherin: Wie ist es zu dem Kontakt gekommen? Also habt ihr euch hier gemeldet? Oder hat sich der Ausstellungsort bei euch gemeldet?

Kerstin Albrecht: Wir sind ein Verein mit einer Behinderung und einer Nicht-Behinderung und wir arbeiten mit Topf & Söhne zusammen und wir sind auch sehr stolz darüber.

Anja Schneider: Die Zusammenarbeit mit dem Erinnerungsort begann schon 2015, zu unserem 25-jährigen Jubiläum, und wir haben hier Workshops durchgeführt für unsere Mitarbeiter mit und ohne Behinderung und aus diesen Workshops in Leichter Sprache ist auch eine Führung am Erinnerungsort entstanden. Dieses Projekt nimmt diesen Gedanken auf und setzt ihn fort und mit den Tandemführungen wollen wir zusammen diesen Ort erschließen.

Kerstin Albrecht: Wir würden die Führung in einer leichten Sprache führen, dass es für jeden richtig verständlich ist und wir werden uns die größte Mühe geben.

Anja Schneider: Vielen Dank Ihnen!