Reinhard Schramm

Reinhard Schramm, geboren 1944 in Weißenfels, Jude. Er überlebte gemeinsam mit seiner Mutter in den zwei letzten Kriegsmonaten in einem Versteck. Sein Onkel, seine Großmutter und zwei ihrer Schwestern wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

Ein älterer Mann auf einem roten Sofa.
Foto: Reinhard Schramm im Interview mit dem Erinnerungsort Topf & Söhne, 2012 Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Integration ist wichtig. Aber das ist immer noch keine Garantie, dass die Gesellschaft sich anständig benimmt, wenn der Fremde sich integriert hat.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

historische Schwarz-Weiß-Fotografie von einem kleinen Jungen
Foto: Reinhard Schramm, ein Jahr alt, Juni 1945 Foto: © Reinhard Schramm

Reinhard Schramm wurde am 22. Mai 1944 in Weißenfels in Sachsen-Anhalt geboren. Auch wenn der Vater Friedrich Schramm, ein Lehrer, der evangelischen Kirche angehörte, war das Familienleben vom liberalen Judentum der Mutter Rosel geprägt. Deren Mutter Emma war Jüdin, ihr Vater Friedrich Murr Katholik. Der Schuhmacher war mit seiner Frau kurz nach ihrer Hochzeit in die Schuhstadt Weißenfels gezogen. Dort hatten sie 1907 eine eigene Schuhfabrik gegründet, in der später auch die Kinder mitarbeiteten. Rosel Schramm war für die Buchhaltung verantwortlich.

Der Großvater Friedrich Murr starb 1932. Bei den Nationalsozialisten galt der Familienbetrieb nun als „jüdisch“. Die Großmutter Emma Murr verlor den Schutz der „Mischehe“. 1939 wurde das Unternehmen im Rahmen der „Arisierung“ enteignet und von der Weißenfelser Schuhfabrik Arsand übernommen. Die Gestapo verhaftete Emma Murr zusammen mit ihrem Sohn Rudolf. Nach einjähriger Gefängnishaft wurde sie im November 1940 in das KZ Ravensbrück verschleppt und im März 1942 in der „Euthanasie“-Anstalt Bernburg mit Gas ermordet. Sie wurde 56 Jahre alt. Rudolf Murr, den Onkel von Reinhard, hatte die SS 1941 im KZ Neuengamme umgebracht. Eine Schwester der Großmutter, Selma Fiedler, wurde ebenfalls nach Ravensbrück verschleppt und in Bernburg getötet, ihre andere Schwester Elsa Menzel starb vermutlich in Ravensbrück.

Rosel Schramm, die Mutter von Reinhard, blieb als Einzige in ihrer Familie von KZ-Haft verschont. Ihr Mann Friedrich, wegen seiner Ehe mit einer Jüdin selbst mit Berufsverbot belegt, erkämpfte immer wieder ihre Freilassung aus den Fängen der Gestapo. Als zwei Monate vor Kriegsende die Verhaftung seiner Frau und des kleinen Sohnes drohte, versteckte Friedrich Schramm seine Familie zunächst in einer Bodenkammer und dann bei Freunden auf dem Land.

Nach Kriegsende blieb die Familie in Weißenfels. Als Reinhard vier Jahre alt war, verlor er seinen Vater. Seit Jahren herzleidend, starb Friedrich Schramm 1948 mit erst 57 Jahren, nachdem er als angeblicher Nazi denunziert und kurzzeitig in Haft genommen worden war. Rosel Schramm erhielt lediglich das Firmengebäude zurück. Die Familie Arsand verweigerte eine Entschädigung für den Maschinenpark und ging 1958 in die Bundesrepublik. Nach dem Abitur studierte Reinhard Schramm Elektrotechnik in der Volksrepublik Polen. Mit seiner polnischen Frau kehrte er in die DDR zurück und bekam mit ihr drei Kinder. Er arbeitete in einem Berliner Forschungsinstitut, von 1987 bis zu seiner Emeritierung 2010 lehrte er an der Technischen Hochschule in Ilmenau.

Angeregt durch den Eichmann-Prozess 1961 in Israel begann er, sich als Schüler mit der Verfolgung der Juden in Weißenfels zu beschäftigen, doch die Kontakte mit Überlebenden in Israel wurden ihm von den Behörden untersagt. Ein nach jahrelangen Recherchen 1988 fertiggestelltes Buchmanuskript wurde in der DDR nicht veröffentlicht und konnte erst 1990 erscheinen. Seit 1988 ist Prof. Dr.-Ing. habil. Reinhard Schramm in der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen aktiv, seit 2012 ist er ihr Vorsitzender.