Waltraud Reinhardt

Waltraud Reinhardt, geboren 1936 in Oberflockenbach bei Weinheim, Sintezza. Sie überlebte geschützt in einem städtischen Kinderheim, ihre Mutter starb in einem Konzentrationslager. Nach dem Krieg heiratete sie mit 15 Jahren den Sinto Daweli Reinhardt, der Auschwitz, Ravensbrück und Sachsenhausen überlebt hatte.

Eine alte Frau sitzt vor einer Holzwand.
Foto: Waltraud Reinhardt im Interview mit dem Erinnerungsort Topf & Söhne, 2012 Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Jeder Mensch möchte jemanden, mit dem er verwandt ist. Wenn du Kinder hast, die helfen dir in jeder Beziehung. Ich bin richtig froh darüber. Das ist das Einzige, was ich überhaupt habe.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Historische schwarz-weiß Fotografie einer jungen Frau.
Foto: Waltraud Reinhardt, ungefähr 15 Jahre alt, Anfang 1950er Jahre Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Waltraud Reinhardt wurde am 1. Mai 1936 in Oberflockenbach bei Weinheim in Baden geboren. Dort lebte sie mit ihrer Mutter Mathilde Reinhardt und den zwei Geschwistern Siegfried und Thea auf einem Wohnwagenplatz zusammen mit anderen Sinti-Familien.

Um 1941 räumte die Polizei gewaltsam den Platz. Waltraud wurde von ihrer Familie getrennt, sie kam in ein Kinderheim in Ladenburg und dann nach Neckargemünd. Dort war sie bis Kriegsende im Viktor-Lenel-Stift, einem von der Stadt Mannheim betriebenen Kindererholungsheim, und besuchte die Schule.

Wie sie viel später erfuhr, war die Mutter Mathilde inzwischen mit den anderen Kindern auf der Flucht. Um Thea, das jüngste Kind, zu retten, gab die Mutter sie in ein Heim. Das Mädchen kam in eine Pflegefamilie und überlebte. Der Sohn Siegfried blieb bei der Mutter. Die Kriminalpolizei verhaftete Mathilde Reinhardt im Februar 1942, wenig später wurde sie in das KZ Ravensbrück eingeliefert. Ab Juli 1944 musste sie mit tausend anderen Sinti-Frauen im neu gegründeten Außenlager Schlieben Zwangsarbeit für das Rüstungsunternehmen HASAG leisten. Im September wurde sie in das KZ Altenburg verschleppt, ein für die HASAG gegründetes Außenlager von Buchenwald. Dort verliert sich die Spur von Mathilde Reinhardt. Das Schicksal des Sohnes Siegfried ist unbekannt.

Waltraud erinnert sich, in Ladenburg von ihrer Mutter und ihrem Bruder besucht worden zu sein. In Neckargemünd wartete sie jedoch vergeblich – bis die Nonnen ihr vor allen anderen Kindern mitteilten, dass ihre Mutter gestorben sei.

Nach Kriegsende – Waltraud war neun Jahre alt und völlig allein – wurde sie von der Leitung des Kinderheims an einen fahrenden Zirkus übergeben. Die Schule konnte sie nicht mehr besuchen. Sie musste als Kinderartistin auftreten, die Tiere versorgen und schwere Hausarbeit verrichten. Auch wurde sie zum Hausieren gezwungen. Mit 15 Jahren lernte sie den vier Jahre älteren Daweli Reinhardt kennen, ein Sinto aus einer bekannten Musikerfamilie in Koblenz. Waltraud zog zu seiner Familie in die Feste Franz. Dies ist eine ehemalige preußische Festung, wo die Familie Reinhardt schon vor ihrer Deportation nach Auschwitz in den Kasematten untergebracht war. Daweli, seine Eltern und sieben Geschwister hatten die Lager Auschwitz, Ravensbrück, Sachsenhausen, Mauthausen und Bergen-Belsen überlebt. Ein Bruder starb als Kleinkind in Auschwitz.

Mit 16 Jahren wurde Waltraud zum ersten Mal Mutter, sie zog zehn Kinder groß. Ende der 1950er Jahre ließ die Stadt Koblenz die Gewölbe in der Feste Franz sprengen und siedelte die Sinti-Familien zunächst in schlechte Wohnquartiere um. Dank der Initiative eines Priesters konnten sie Ende der 1970er Jahre menschenwürdige Wohnungen beziehen. Waltraud und Daweli Reinhardt haben 31 Enkel und 44 Urenkel. Die Familie engagiert sich für Integration und gegen Ausgrenzung von Minderheiten. Die große kulturelle Tradition der Sinti Musik wird durch die Konzerte der Söhne und Enkel in lebendiger Erinnerung gehalten.