#closedbutopen – Einblicke in die Dauerausstellung: Ein Kommunist als Mittäter in Auschwitz – Heinrich Messing

04.05.2020 10:39

Unsere freiberuflichen Guides geben Einblicke in ihre Arbeit mit Besuchergruppen in der Dauerausstellung "Techniker der 'Endlösung'". In diesem Beitrag spricht Benjamin Grünewald über die Biografie von Heinrich Messing.

#closedbutopen

Farbfotografie, vorne großes Pult mit Glasabdeckung, darunter mehrere alte Dokumente, im Hintergrund weitere Pulte
Foto: Schlüsseldokumente zum Holocaust in der Dauerausstellung „Techniker der ‚Endlösung‛‟ Foto: © Stadtverwaltung Erfurt/Kastner Pichler Architekten

Unsere freiberuflichen Guides geben Einblicke in ihre Arbeit mit Besuchergruppen in der Dauerausstellung "Techniker der 'Endlösung'".  Sie stellen verschiedene Stationen oder zentrale Dokumente vor. Dabei erzählen sie, warum diese für sie besonders wichtig sind, welche Fragen sich in der Auseinandersetzung mit ihnen für unsere Gegenwart ergeben und welche Gespräche sich mit unseren Gästen entwickeln.

Benjamin Grünewald (27) ist seit 2018 als Guide im Erinnerungsort Topf & Söhne tätig. Für ihn ist die Rolle von Heinrich Messing, der als Monteur in den Krematorien von Auschwitz-Birkenau arbeitete, besonders spannend.

"Be- und Entlüftungsanlagen Keller 1 in Betrieb genommen"

Ein älter aussehendes Bild von einem erwachsenen Mann aufgebracht auf einem Ausstellungspult.
Foto: Heinrich Messings Porträt in der Dauerausstellung "Techniker der 'Endlösung'" Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Heinrich Messing schrieb in seinem Lebenslauf, der heute im Landesarchiv Thüringen liegt: "Durch die Gräueltaten des Faschismus, stark geblieben im Klassenkampf, die Schuldigen mit zur Rechenschaft zu ziehen, veranlasste mich, meine Stellung 1945 aufzugeben und trat am 07.07.1945 in den Dienst der Kriminalpolizei Erfurt, um am Aufbau zu helfen, die Polizei das werden zu lassen, was sie sein soll."[1]

In meiner Arbeit als Guide in der Dauerausstellung befasse ich mich intensiv mit der Biografie von Heinrich Messing, geboren 1902 in Erfurt, Sohn eines Schuhmachers und selbst Handwerker. Messing kam 1934 zur Firma Topf & Söhne, nachdem er zuvor zwei Jahre arbeitslos gewesen war. Durch seinen Bruder Wilhelm war er 1930 der KPD und zuvor der Roten Hilfe Deutschland beigetreten, einer Organisation, die sich für politische Gefangene einsetzte. Nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 wurde er unter dem Vorwurf der "Vorbereitung zum Hochverrat" mit anderen KPD-Mitgliedern von der Erfurter Gestapo in Schutzhaft genommen, aus der er nach 11 Wochen ohne Prozess wieder entlassen wurde. Als ehemaliger KZ-Häftling war er froh über die Anstellung bei Topf & Söhne als Reisemonteur 1934. In dieser Funktion wurde er 1943 u.a. fast ein halbes Jahr im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz eingesetzt.

Die Reproduktion einer Arbeitszeitbescheinigung steht im Inneren eines Ausstellungspultes.
Foto: Die Arbeitszeitbescheinigung Heinrich Messings in der Dauerausstellung "Techniker der 'Endlösung'" Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Biografie und Selbstdarstellung von Messing lassen sich in der Dauerausstellung deshalb so gut thematisieren, da dort eine Arbeitszeitbescheinigung gezeigt wird, die von ihm ausgefüllt wurde. In der Zeit vom 8. – 14. März 1943 häufte er 35 Überstunden an, während unter Hochdruck das Krematorium 2 in Auschwitz-Birkenau (Aktenbezeichnung BW30) fertiggestellt wurde. Messings Aufgabe war es u.a., die von Topf & Söhne gelieferten Be- und Entlüftungsanlagen in der Gaskammer (der SS-Tarnbegriff lautete Keller 1) zu montieren. Da diese im Keller lag und nicht auf natürlichem Wege entlüftet werden konnte, musste mithilfe dieser Anlagen die vergiftete Luft abgesaugt und durch Frischluft ersetzt werden. Erst mit dieser Ventilationstechnik von Topf & Söhne konnte der Keller für den kontinuierlichen Massenmord eingesetzt werden. Messing notierte in der Arbeitszeitbescheinigung am 8. März 1942: "Be- und Entlüftungsanlagen Keller 1 in Betrieb genommen". Dahinter verbirgt sich der Massenmord an mehreren hundert polnischen Juden in der Gaskammer, dessen unmittelbarer Zeuge Messing war. Bei dieser Tötung mit Gas setzte er die Lüftungstechnik zum ersten Mal ein und überprüfte ihre Leistungsfähigkeit.

Des Weiteren nutzte Messing in dem Dokument mehrfach den Begriff des "Auskleidekellers". Dort mussten sich die Opfer entkleiden, bevor sie ermordet wurden. Um dies zu vertuschen, benutzte die SS für diesen Raum den Tarnbegriff "Leichenkeller". Indem Messing von "Auskleidekeller" schrieb, offenbarte er sein Wissen über den wahren Zweck der Krematorien in Auschwitz. Messing war also wissentlich als Akteur an dem Aufbau, der Einrichtung und Inbetriebnahme der Vernichtungsanlagen beteiligt.

Das eingangs aufgeführte Zitat Messings erscheint nun in einem anderen Licht. Der Reisemonteur der Firma Topf & Söhne war nicht stark geblieben im Klassenkampf gegen den Faschismus, sondern hatte sich sogar persönlich an dessen Gräueltaten beteiligt. Statt andere zur Rechenschaft ziehen zu wollen, hätte er sich zu seiner eigenen Verantwortung bekennen müssen. Stattdessen inszenierte er sich erfolgreich als ein Kommunist, der den Nationalsozialismus bekämpft hatte und nun als Polizist beim Aufbau einer antifaschistischen Gesellschaft mitarbeiteten wollte. Damit war er in der DDR erfolgreich. Er erhielt die Privilegien eines "Verfolgten des Naziregimes" und starb 1985 in Erfurt, hochgeehrt als Träger der Medaille "Für Kämpfer gegen den Faschismus 1933-1945".

Benjamin Grünewald

[1] Lebenslauf, verfasst von Heinrich Messing, Seite 2, Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Bezirkstag und Rat des Bezirkes Erfurt - VdN 2067, Bl.12v.

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