Antwort des Ausstellungsteams auf einen Leserbrief

27.09.2018 12:00

"Es wurde deutlich, dass es manchmal nicht einfach ist, von einer Vorstellung Abschied zu nehmen, an die man über Jahrzehnte fest glaubte und die zur politischen Überzeugung und zur eigenen beruflichen Identität gehörte."

Ein Beitrag zur Diskussion

Fragebögen und ein Stift liegen auf einem Tisch.
Foto: Fragebögen aus der Ausstellung "Die zwei Tode des Paul Schäfer" Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Zu unserer Ausstellung "Die zwei Tode des Paul Schäfer. Legende und Lebensgeschichte eines Erfurter Kommunisten" haben wir in den ersten Wochen ihrer Präsentation zahlreiche positive Rückmeldungen erhalten. Junge Menschen, die an die DDR keine eigene Erinnerung haben,  empfanden die Geschichte als spannend. Auch ältere Erfurter, die zwar von Paul Schäfer gehört hatten, aber abgesehen von einer vagen Vorstellung von ihm als Antifaschisten nichts wussten, betrachteten die Aufklärung über sein Leben und seinen wahren Tod in Moskau als notwendig und bereichernd.

Menschen, die durch ihre Verbindung zum VEB Paul Schäfer jahrzehntelang mit der Legende von seinem Tod in Spanien gelebt hatten, reagierten ganz unterschiedlich und oft emotional: erschüttert, erbost, irritiert, ungläubig. Die Äußerungen reichten von "Da haben sie uns also auch belogen" bis "Was soll ich denn jetzt noch glauben?"

Es wurde deutlich, dass es manchmal nicht einfach ist, von einer Vorstellung Abschied zu nehmen, an die man über Jahrzehnte fest glaubte und die zur politischen Überzeugung und zur eigenen beruflichen Identität gehörte.

Viele Besucherinnen und Besucher, darunter auch ehemalige Beschäftigte des VEB Paul Schäfer, beteiligten sich an der vom Erinnerungsort Topf & Söhne initiierten Diskussion über die Geschichte und die Art und Weise eines zukünftigen Gedenkens an Paul Schäfer. Sie nahmen das Angebot in der Ausstellung wahr, in Fragebögen ihre Meinung nieder zu schreiben. Diese Diskussion wurde nun von Silvia Carpentier, einer ehemaligen Mitarbeiterin im VEB Paul Schäfer, in einem am 14. September 2018 in der Thüringer Allgemeinen und der Thüringische Landeszeitung abgedruckten Leserbrief kritisiert.

Zunächst wirft Frau Carpentier dem Erinnerungsort Topf & Söhne in ihrem Leserbrief vor, die ehemaligen Beschäftigten des VEB Paul Schäfer nicht zur Ausstellungseröffnung und weiteren Veranstaltungen eingeladen zu haben. Dies trifft nun gerade nicht zu: Die ehemaligen Beschäftigten und Frau Carpentier persönlich haben wir explizit und mit dem besonderen Angebot einer exklusiven Führung angesprochen und diese Einladung persönlich, über Internet sowie in der Presse kommuniziert.

Silvia Carpentier selbst lehnt in ihrem Leserbrief die Auseinandersetzung mit der Legende von Paul Schäfer mit folgenden Argumenten ab: "Wir haben das Vermächtnis dieses Erfurter Kommunisten mit unseren Leistungen, unseren Erfolgen und vor allem unserem Kollektivgeist hochgehalten. […] Zur Wende standen wir zu Tausenden plötzlich alle auf der Straße, vor einem Betrieb, der nicht marode war. Und da interessiert man sich heute plötzlich dafür, wie wir die Art des Todes unseres Namensgebers verarbeiten. Ich persönlich habe dafür kein Verständnis. Kann man denn nicht mal endlich Ruhe reinbringen in den Alltag all der Menschen, die immer noch mit den Folgen der Wende zu kämpfen haben?"

Uns als Ausstellungsteam ist durch Gespräche mit ehemaligen Beschäftigten des VEB Paul Schäfer bewusst, dass viele bis heute unter der Schließung ihres Betriebes nach dem Ende der DDR leiden. Unter der Ägide der Treuhand wurde der Betrieb als Lingel GmbH privatisiert, jedoch schon 1992 liquidiert. Damit ging eine für Erfurt und weit darüber hinaus bedeutsame, über hundert Jahre alte Tradition der Schuhproduktion unwiderruflich zu Ende. Es waren vor allem Frauen, die die Mehrheit der Beschäftigten stellten, betroffen. Die Gespräche machten deutlich, dass nicht nur der Verlust des Arbeitsplatzes schmerzt, sondern sich die Menschen auch um die Anerkennung ihrer gemeinsam erbrachten beruflichen Lebensleistung betrogen fühlen. Der Bruch in ihrer Erwerbsbiografie hatte für viele bis heute spürbare negative Konsequenzen. Diese Erfahrungen des Verlustes und der Kränkung können wir gut nachvollziehen. Sie sind eine eigene kritische Aufarbeitung wert, konnten aber nicht Thema unserer Ausstellung sein.

Zwei Männer betrachten Ausstellungstafeln.
Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Uns stellt sich angesichts des Leserbriefs von Frau Carpentier allerdings die Frage: Können diese schmerzlichen Verlusterfahrungen nach dem Ende der DDR ein Grund sein, von einer kritischen Auseinandersetzung mit der Ermordung von Paul Schäfer in Moskau, der Mitwisserschaft der KPD-Exilführung um Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck und der falschen Legende vom Spanientod in der DDR abzusehen?

Frau Carpentier wirft uns Ausstellungsmacherinnen und -machern grundsätzlich unsere wissenschaftliche Beschäftigung mit der Lebensgeschichte und Legende von Paul Schäfer vor. Sie schreibt: "Es werden allen Ernstes immer noch Themen gesucht, für deren Recherchen Geld an Akademiker bezahlt und deren Erkenntnisse dann öffentlichkeitswirksam publiziert werden." Sie unterstellt uns, dass wir damit das Leben und die Lebensleistung der Menschen in der DDR abwerten wollen. Ihrer Vorstellung nach sind hier Westdeutsche am Werk, die von ihrer eigenen kritikwürdigen Geschichte ablenken wollen: "Es wird weiterhin alles Mögliche ausgegraben, was unsere Erinnerungen und unsere Erfahrungen in den Jahren der DDR infrage stellen könnte. Gibt es nicht genügend ungeklärte Themen in den alten Bundesländern? Wird da Geschichte auch so gründlich aufgearbeitet?"

Ja, muss man Frau Carpentier antworten, dies geschieht in den alten Bundesländern und wird weiterhin geschehen - auch wenn sich eine intensive Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen in der Bundesrepublik über Jahrzehnte mühsam gegen den Widerstand jener durchsetzen musste, die sich ihrer eigenen Verantwortung in der Gesellschaft vor 1945 nicht stellen wollten.

Wir fragen uns auch: Sollte man an ein historisches Unrecht allein deshalb nicht rühren, weil womöglich woanders ein anderes historisches Unrecht beschwiegen wurde oder wird?

In den bisher ausgefüllten Fragebögen haben sich alle Besucherinnen und Besucher mit Entschiedenheit dafür ausgesprochen, in Erfurt weiter öffentlich an Paul Schäfer zu erinnern. Das ist – so unsere Meinung – auch schon durch seine Verfolgung als Kommunist und Funktionär der Internationalen Arbeiterhilfe im Nationalsozialismus gerechtfertigt. Doch wie könnten wir heute Paul Schäfers gedenken, wenn wir seinen tragischen Tod in der Sowjetunion ausblenden – dem Land, in dem er auf der Flucht vor der Gestapo seine Rettung sah?

Wir, die Historikerinnen und Historiker, Pädagoginnen und Pädagogen im Ausstellungsteam, stammen aus ost- und westdeutschen Familien und leben alle hier in Thüringen. Gemeinsam erarbeiteten wir eine kritische Ausstellung über den tragischen Tod eines Erfurter Kommunisten als Opfer des Stalinismus und dekonstruierten eine falsche und instrumentalisierte Darstellung in der DDR.

Frau Carpentier wirft unserer Ausstellung vor, "hier würden noch mehr Argumente für Menschen geliefert […], welche sich abgehängt fühlen" und sie verhindere, dass "sich die Menschen in Ost und West verständnisvoller begegnen". Wir denken: Die Begegnung der Menschen aus Ost und West und zwischen den Generationen – jenen, die die DDR erlebten, und den Jüngeren – wird dann Verständnis schaffen können, wenn sie einen kritischen Blick auf die Geschichte und die Auseinandersetzung mit ihr einschließt.

Das Ausstellungsteam:
PD Dr. Annegret Schüle
Thomas Schäfer, Urenkel von Paul Schäfer
Stefan Weise
Rebekka Schubert
Juliane Podlaha