Thomas Schäfer: Begleitwort zur Eröffnung der Sonderausstellung "Die zwei Tode des Paul Schäfer"

25.08.2018 17:00

"Gerade in den heutigen Zeiten verstehe ich diese Ausstellung als Mahnung gegen Diktatur und für eine Demokratie, in der Meinungsvielfalt und die Freiheit des Menschen ein hohes Gut sind."

Thomas Schäfer, Urenkel von Paul Schäfer

Mann spricht an einem Rednerpult in ein Mikrofon.
Foto: Thomas Schäfer, Urenkel von Paul Schäfer Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Dirk Urban

Paul Schäfer – für viele Erfurter ein Name, mit dem sie im Laufe ihres Lebens in Berührung gekommen sind. Sei es das nach ihm benannte Schuhwerk, der Kindergarten, oder die nach ihm benannte Straße.

Für mich hat dieser Name eine andere Bedeutung: Paul Schäfer war mein Uropa. Daher ist es für mich auch etwas Besonderes, hier zu stehen und eine Ausstellung über ihn mit zu eröffnen.

Als ich klein war, hat die Geschichte um meinen Uropa für mich keine große Rolle gespielt. Als ich größer wurde, bin ich mit den zwei Versionen seines Todes in Berührung gekommen, einerseits die Legende seines Todes in Spanien, andererseits sein Tod in Moskau. Da ich Geschichte studiert habe, ergaben sich für mich zwei Motive dafür, mich mit der Thematik zu beschäftigen. Einerseits hatte ich eine wissenschaftliche Perspektive als Historiker, anderseits war die Forschung auch für meine Familie wichtig. Schließlich war uns allen bis vor wenigen Monaten noch nicht in Gänze klar, wie sich das Leben von Paul Schäfer wirklich abgespielt hat. Sein Leben erforschte ich in den vergangenen Jahren zusammen mit dem Erinnerungsort Topf & Söhne. Dabei reiste ich auch mit meiner Mutter nach Russland, genauer gesagt nach Moskau. Dadurch hatten wir erstmals die Möglichkeit, Strafakten des ehemaligen sowjetischen Geheimdienstes über Paul Schäfer im Staatsarchiv der russischen Föderation einzusehen und die Akten auch mit nach Deutschland zu bringen.

Außerdem suchten wir in Moskau den Ort auf, an dem er einige Zeit gelebt hatte und auch später festgenommen wurde, ein ehemaliges Politemigrantenheim. Besonders bewegte mich unser Besuch in Butowo, die ehemalige Hinrichtungsstätte südlich von Moskau. Das war der Ort, an dem mein Uropa tatsächlich starb, an dem er erschossen und in einem Massengrab verscharrt wurde. Damals war die Gedenkanlage erst im Bau, heute wird dort sein Name als einer von tausenden erinnert.

Die ersten Hinweise, in welchen Archiven wir nach dem Leben von Paul Schäfer forschen könnten, fand ich zu Hause in unserem Keller. Dort lag ein dokumentarischer Bericht über Paul Schäfer als Opfer des stalinistischen Terrors, der auf 1995 datiert ist und irgendwann meiner Familie übergeben wurde. Leider wussten wir bis vor wenigen Tagen nicht, wer der Autor dieses Textes ist. Dieses Geheimnis lüftete in der vergangenen Woche ein anderer Urenkel von Paul Schäfer, der sich hier im Erinnerungsort Topf & Söhne meldete. Autor des Textes ist Lothar Wenige, dem ich für seine Arbeit danken möchte.

Ergebnis all dieser Bemühungen ist diese Ausstellung. Als angehender Lehrer stelle ich mir besonders die Frage, was man aus dieser Geschichte mitnehmen kann.

Paul Schäfer lebte in einer Zeit, in der Andersdenkende verfolgt wurden. Er selbst war während der Nazizeit im deutschen Fahndungsbuch zur Festnahme ausgeschrieben und musste vor der Gestapo flüchten. Nach den Stationen im Saarland und Paris emigrierte er in die Sowjetunion und wurde dann im Zuge des Großen Terrors in der Sowjetunion ermordet.

Gerade in den heutigen Zeiten verstehe ich diese Ausstellung als Mahnung gegen Diktatur und für eine Demokratie, in der Meinungsvielfalt und die Freiheit des Menschen ein hohes Gut sind.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Danke für Ihr Kommen.