Jörg Schmid: Grußwort zur Eröffnung der Sonderausstellung "Die zwei Tode des Paul Schäfer"

25.08.2018 17:00

"Die Ausstellung zeigt am Beispiel von Paul Schäfer, wie Legendenbildung und Geschichtsverdrehung in der DDR erfolgte und nicht in das Geschichtsbild passende Teile seines Schicksals, wie seine Hinrichtung in der Sowjetunion, verschwiegen oder sogar gefälscht wurden."

Jörg Schmid, Thüringer Staatskanzlei

Mann spricht an einem Rednerpult in ein Mikrofon.
Foto: Jörg Schmid, Thüringer Staatskanzlei Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Sehr geehrte Frau Dr. Schüle,
sehr geehrter Herr Thomas Schäfer,
sehr geehrte Familie Schäfer,

Jeder, der in der DDR bei Erfurt aufgewachsen ist, kannte den Namen Paul Schäfer im Zusammenhang mit der Schuhfabrik.

Aus heutiger Sicht ist es fast verwunderlich, dass jeder vermutete, Paul Schäfer sei "irgendein Antifaschist", wie man generalisiert sagte, und nicht etwa der Besitzer oder Gründer der Firma.

Die inflationäre Benennung von Firmen, Schulen, Städten, Ferienheimen nach damaligen Vorbildern führte nicht zu einer Beschäftigung mit den Namensgebern, sondern zu einem gepflegten Desinteresse –"irgendein Antifaschist".

Die heute zu eröffnende Ausstellung will aber nicht nur an die nach 1989 immer stärker in Vergessenheit geratene Person erinnern.

Die Ausstellung bringt sich ein in das Themenjahr "Industrialisierung und soziale Bewegungen in Thüringen" und würdigt Paul Schäfer, der als angelernter Schuharbeiter anfing und schließlich Betriebsrat bei Lingel wurde - dem größten deutschen Schuhkonzern in der Weimarer Republik. Er war Stadtpolitiker und flüchtete vor der Gestapo in sein Traumland, die Sowjetunion.

Die Ausstellung zeigt am Beispiel von Paul Schäfer, wie Legendenbildung und Geschichtsverdrehung in der DDR erfolgte und nicht in das Geschichtsbild passende Teile seines Schicksals, wie seine Hinrichtung in der Sowjetunion, verschwiegen oder sogar gefälscht wurden.

Von einem solchen Zurechtbiegen historischer Ereignisse, um aktuelles politisches Handeln zu legitimieren, ist auch die Gegenwart nicht frei. Diese Versuchung ist natürlich in autoritären Staaten größer als in demokratischen Staaten, wo eine freie Presse und eine kritische Öffentlichkeit dem entgegenstehen.

So ist die Ausstellung nicht nur eine historische Ausstellung, sondern hat auch einen hoch aktuellen Wert.

Ich möchte Frau Dr. Annegret Schüle und ihren Mitstreitern, Stefan Weise, Juliane Podlaha, Rebekka Schubert sowie allen Beteiligten für diese gelungene Ausstellung zu danken.

Der Erinnerungsort Topf & Söhne ist wie kaum ein anderer geeignet, diese Ausstellung zu zeigen. Dieser Ort dient zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Wird hier doch deutlich, wie scheinbar unpolitisches technisches Handeln zu einem unvorstellbaren Verbrechen beigetragen hat.

Es zeigt die dunklen Seiten unserer Geschichte und die Verantwortung des Einzelnen für die Folgen seines Tuns.

Die Thüringer Landesregierung hat gemeinsam mit der Stadt Erfurt den Erinnerungsort wie auch die heutige Ausstellung finanziell unterstützt und wird dies weiterhin tun.

Ich wünsche der Ausstellung viel Erfolg, dass sie zum Nachdenken anrege und die Erkenntnis fördere.