Anselm Hartinger: Grußwort zur Eröffnung der Sonderausstellung "Die zwei Tode des Paul Schäfer"

25.08.2018 17:00

"Es ist jedenfalls eine beträchtliche Leistung, dass ein Erinnerungsort zum Nationalsozialismus eine Ausstellung zeigt und selbst erarbeitet, die zugleich im Rahmen des Thüringer Themenjahres "Industrialisierung und soziale Bewegungen" stattfindet und den dort sonst eher raren Aspekt der sozialen Kämpfe und Bewegungen akzentuiert."

Anselm Hartinger, Direktor der Erfurter Geschichtsmuseen

Mann steht an einem Rednerpult und spricht in ein Mikrofon.
Foto: Dr. Anselm Hartinger, Direktor der Erfurter Geschichtsmuseen Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Dirk Urban

Lieber Thomas Schäfer,
liebe Familie Schäfer,
sehr geehrter Herr Schmid,
liebe Frau Funke,
lieber Herr Sendelbach,
sehr geehrter Herr Löffler,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

Ich heiße sie herzlich willkommen zu dieser Eröffnung und ich tue dies auch im Namen und in Vertretung des Kulturdirektors Dr. Knoblich, der heute nicht persönlich anwesend sein kann, dem dieses Projekt jedoch sehr am Herzen liegt. Ich freue mich sehr über dieses mit dem heutigen Tag realisierte Vorhaben, mit dem der Erinnerungsort und auch die Geschichtsmuseen ihre Tradition von Sonderausstellungen zu aktuellen und kontroversen stadtgeschichtlichen Themen fortschreiben und zugleich in mehrfacher Hinsicht Neuland beschreiten.

Denn einerseits handelt es sich um eine bisher in diesem Umfang noch nicht dagewesene enge Zusammenarbeit von Stadtmuseum und Erinnerungsort, die neben der gemeinsamen Projektsteuerung vor allem mit den umfangreichen gewerbegeschichtlichen Objektbeständen zu tun hat und so die traditionell vor allem auf Diskurs und wissenschaftliche Quellenauswertung gestützten Ausstellungen des Erinnerungsortes um eine stärker sammlungsbezogene und damit museumsmäßige Dimension erweitert.

Andererseits setzt sich der Erinnerungsort hier in einer ebenfalls keineswegs selbstverständlichen Weise mit Fragen der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts auseinander. Nun hat es zwar bereits in den letzten Jahren immer wieder Projekte gegeben, mit denen das Haus über seine Identität als Zeugnis der Mitverantwortung von Industrieunternehmen in der nationalsozialistischen Massenvernichtung hinaus Fragen der Ausgrenzung und politischen Verantwortung verhandelte – ich erinnere hier nur an die Ausstellung zum jüdischen Fußball in den 1930er Jahren und zur Prägung heute gesellschaftlich aktiver Frauen durch ihre Herkunft aus dem Pfarrhauskontext. Zudem ist die an Geschichtsausstellungen anknüpfende vielfältige Veranstaltungstätigkeit des Hauses mit ihrem ausgeprägten Gegenwartsbezug ebenso vorbildlich wie die mittlerweile vielerorts nachgefragte Expertise seiner Mitarbeiterinnen in Fragen der Erinnerungskultur und Gedenkstättenpädagogik.

Dennoch ist die Komplexität und Tiefe, mit der hier ein Thema bearbeitet wurde, das sowohl mit der Gewerkschaftsbewegung des Kaiserreichs und der Weimarer Republik sowie den Parteikämpfen der 1920er Jahre als auch mit Kontexten der NS-Verfolgung, des stalinistischen Terrors und nicht zuletzt der fragwürdigen Indienstnahme von zurechtgebogener Geschichte in der DDR zu tun hat, etwas Neues, das weithin in die Stadtgesellschaft ausstrahlen und ganz gewiss für spannende Debatten sorgen wird – eben, weil hier konkurrierende Erinnerungskulturen zur Diskussion stehen und mit der Schuhfabrik Lingel und dem späteren Kombinat Paul Schäfer eine Erfurter Institution mit im Fokus steht, die das Leben nicht weniger Menschen der Region geprägt hat. Denn machen wir uns nichts vor – so etwas kann auch schmerzlich sein, wie ja der Abschied von liebgewordenen und ein Stück weit in die eigene Biografie eingegangenen Lebenslügen der offiziellen Geschichtsschreibung immer weh tut, selbst wenn man im Grunde schon lange weiß, dass es so eben nicht war.

Und mit dem Spanienkampf der Internationalen Brigaden rührt man an etwas, das gerade im verkrusteten und ritualisierten Internationalismus der DDR doch immer für etwas unzerstörbar Gutes und Lebendiges, für ein echtes Ideal aus einer kämpferischen Aufbruchszeit stand, gewissermaßen im doppelten Wortsinn eine "pièce de résistance", auf die sich gerade auch kritische Sozialisten wie etwa meine Eltern immer zurückziehen konnten – ohne zu ahnen, in welche Falle eines viel zu voreiligen Reihenschlusses sie dieser umarmende Antifaschismus lockte.

Auch ich habe als Jugendlicher mit großer Anteilnahme Ernst Buschs Lieder aus und über Spanien gehört, und es ist eine noch immer bittere Einsicht, was der Stalinismus und die manichäische Weltsicht seiner Vertreter dort hinter den eigenen Linien angerichtet hat, wie viel Herzblut und Energie mit der Gleichschaltung der eigenen Reihen betrogen und verplempert wurde. Niemand kann mit letzter Sicherheit sagen, wer im Dezember 1936 an der Madrider Front die tödlichen Schüsse auf den kommunistischen Reichstagsabgeordneten und KZ-Ausbrecher Hans Beimler abgab – vielleicht war es nämlich gar kein "deutsches Schießgewehr", wie es Ernst Busch in seinem Lied zu wissen glaubt. Und schon damals fragte ich mich, warum ein so wirkmächtiger Erzähler wie der sowjetische Journalist Michail Kolzow, dessen "Spanisches Tagebuch" ich seinerzeit verschlang, dann 1940 plötzlich "Spion" gewesen sein und (wie Paul Schäfer) in Moskau erschossen werden konnte.

Später erfuhr ich, dass Kolzow in Spanien selbst in Säuberungsaktionen des Geheimdienstes NKWD eingebunden war und er zudem jene Moskauer Schauprozesse propagandistisch verteidigte, deren kruder Logik er dann selbst geopfert wurde – und ich gebe zu, dass ich vor allem an ihn dachte, als ich bei den ersten Diskussionen um das Projekt noch annahm, auch Paul Schäfer sei zumindest zeitweise doch in Spanien gewesen. Vielleicht hätte ihn das ja 1937/38 sogar retten können, und wir müssen annehmen, dass nicht wenige Interbrigadisten froh waren, dort einem vertrauten Gegner wenigstens mit einem Gewehr in der Hand gegenübertreten zu können, um nicht gänzlich wehrlos und hinterrücks absurden Wendungen der Parteilinie zum Opfer zu fallen.

Als wir dann Schüler waren, gab es ein neues Spanien – das hieß Nikaragua, und ich weiß noch, dass wir gerade im Gedenkjahr des Franco-Putsches 1986 manchmal dachten, eigentlich müsste man jetzt dort hingehen und dieses Projekt der Entrechteten verteidigen. Und heute ist derselbe Ortega, der damals als tapferer Goliath den von der Weltmacht USA finanzierten Contras trotzte, selbst ein korrupter Diktator mit Blut an den Händen – Geschichte wiederholt sich eben doch, und leider keineswegs nur als Farce (übrigens auf allen Seiten – der verurteilte Verschwörer Colonel Oliver North, der einst die Waffen für den Kampf der antisandinistischen Contras besorgte, ist heute designierter Präsident der berüchtigten amerikanischen Waffenlobby NRA).

Zurück zum Thema: Es ist jedenfalls eine beträchtliche Leistung und stellt der forscherischen Neugier und Leistungsfähigkeit der hier Tätigen ein exzellentes Zeugnis aus, dass ein Erinnerungsort zum Nationalsozialismus eine Ausstellung zeigt und sogar grundständig selbst erarbeitet, die zugleich im Rahmen des Thüringer Themenjahres "Industrialisierung und soziale Bewegungen" stattfindet, den dort sonst eher raren Aspekt der sozialen Kämpfe und Bewegungen akzentuiert und dabei ebenso Moskauer Archive erschließt, wie sie Oral History mit ehemaligen Mitarbeitern des Kombinates Paul Schäfer ermöglicht und betreibt.

Dass dabei sogar noch Familiengeschichte als Tor zu einer kritischen Stadthistorie fungiert, berührt mich sehr, und dass der Erinnerungsort so den Anspruch einlöst, zeitgeschichtliches Forschungszentrum der Erfurter Geschichtsmuseen zu sein, erfüllt mich als Leiter dieser Struktureinheit mit seltener Freude. Diese Öffnung hin zur weiteren Geschichte der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts hat auch ihren Ausdruck darin gefunden, dass es gelang, für dieses Projekt neben Mitteln des Landes und der Rosa-Luxemburg-Stiftung erstmals eine signifikante Förderung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einzuwerben, was wir als großen Erfolg betrachten und als Anerkennung dafür, dass das Museum diesen mutigen Weg gegangen ist.

Zu danken ist neben den Leih- und Zuwendungsgebern sowie Förderern den Mitarbeiterinnen des Hauses selbst, vor allem Frau Dr. Schüle und Frau Schubert, sowie allen an der Kuration und Recherche Beteiligten, die Frau Dr. Schüle in ihrer Einführung noch ausführlich nennen wird. Corina Worm und Steffi Gorka unterstützten das Projekt wesentlich durch museologische Expertise und die Übernahme der Projektsteuerung; ein Dank gebührt auch allen technischen Kräften der Abteilung.

Mit großer Befriedigung habe ich die Arbeit des Leipziger Gestaltungsbüros Funkelbach verfolgt, das hier nach einer vom Haus übernommenen Wanderausstellung zum ersten Mal selbst ein Projekt verantwortete und dessen zugleich ernsthafte wie spielerische Handschrift dem Haus gut tut. Ich erinnere mich noch lebhaft an einen intensiven Workshop im vergangenen Dezember, der uns allen gezeigt hat, wie viel Freude auch bei derart schweren Themen das gemeinsame kreative Denken und Planen bereiten kann – und in diesem ebenso kritischen wie sensiblen Geist möge die Ausstellung nun rezipiert und hoffentlich diskutiert werden.

Sprechen wir doch immer von ganz konkreten Menschen, die aus zumindest weitgehend rekonstruierbaren Motiven heraus in bestimmter Weise handelten und die dabei in aller Gebundenheit doch Spielräume hatten und somit verantwortlich und menschlich handelten oder eben auch nicht. Dies ist letztlich das Thema des Erinnerungsortes, und ebenso dasjenige dieser Ausstellung.

Vielen Dank!