Veranstaltungsbericht zum Vortrag „Widerstand und Verrat: Gestapospitzel im antifaschistischen Untergrund“

06.02.2019 19:00

Am 6. Februar sprach Dr. Hans Schafranek im Erinnerungsort über die Unterwanderung von Widerstandsgruppen durch die Geheime Staatspolizei. Er warf dabei einen Blick auf dieses tödliche Netzwerk und zeigte, wie in der Zeit des Nationalsozialismus Widerstand und Verrat unauflöslich miteinander verknüpft waren.

Ein Mann steht an einem Rednerpult und spricht in ein Mikrofon.
Foto: Dr. Hans Schafranek bei seinem Vortrag im Erinnerungsort Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Unter dem Titel „Widerstand und Verrat“ hat der österreichische Historiker Dr. Hans Schafranek seine umfangreichen Forschungen zu einem außergewöhnlichen und bedrückenden Kapitel der Geschichte des Nationalsozialismus veröffentlicht. Am Mittwoch, 6. Februar, konnte PD Dr. Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes, den Forscher und Autor am Sorbenweg zu einer öffentlichen Buchvorstellung begrüßen. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen statt.

Ein Anliegen des Erinnerungsortes, so betonte Annegret Schüle in ihrer Begrüßungsrede, sei es, einem interessierten Publikum in regelmäßigen Abständen neue wissenschaftliche Erkenntnisse nahezubringen. Sie gab ihrer Freude darüber Ausdruck, mit Dr. Schafranek einen ausgewiesenen Experten für die Themen Nationalsozialismus, Stalinismus, Extremismus und Exil am Erinnerungsort willkommen heißen zu dürfen. Gleichzeitig verwies sie auf thematische Bezüge des Buches von Hans Schafranek zur aktuellen Dauerausstellung des Erinnerungsortes „Die zwei Tode des Paul Schäfer“.

Dr. Schafranek gab in seinem rund einstündigen Vortrag einen ausführlichen Überblick über das Spitzelwesen der Gestapo, welches zu großen Teilen zur Zerschlagung von Widerstandsgruppen im Nationalsozialismus beitrug. Der Referent grenzte zunächst den Begriff des „Denunzianten“ von dem des „Spitzels“ ab: Ersterer handelt zumeist aus eigenem Antrieb und persönlichen Motiven, während letzterer in der Regel angeworben und für seine regelmäßigen Dienste auch entlohnt wird. So praktizierte es auch seit dem „Anschluss“ Österreichs (März 1938) die Wiener Gestapo, welche die Spitzel rasch als effektive Instrumente im Kampf gegen Widerstandsgruppen schätzen lernte und das Spitzelwesen bereits nach wenigen Monaten zentralisierte. Angeworben wurde durchaus oft unter Zwang, aber es gab auch eigennützige Motive, sich für die Gestapo zu verdingen: Neben der Aussicht auf Entlohnung war es vielmals, so Dr. Schafranek, vor allem die Geltungssucht, welche Spitzel dazu brachte, Menschen, die dem grausamen NS-Regime Widerstand entgegenbrachten, zu verraten.

Eine Frau und ein Mann sitzen vor einem Publikum auf einer Bühne und unterhalten sich.
Foto: Dr. Hans Schafranek bei seinem Vortrag im Erinnerungsort im Gespräch mit PD Dr. Annegret Schüle Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Diese V-Leute waren in der überwiegenden Mehrheit Männer, nur zehn Prozent waren Frauen. Die Spitzel entstammten allen gesellschaftlichen Schichten, wobei es vor allem Menschen aus den proletarischen Milieus waren, die zu V-Leuten wurden. Spitzel, das wurde durch den Vortrag auch deutlich, agierten oftmals als „agents provocateurs“ und wirkten später aktiv an der Zerschlagung selbst geschaffener Strukturen mit.

In der zweiten Hälfte seines Vortrages zeigte der Autor dann anhand konkreter Personen und Begebenheiten, mit welcher moralischen Verwerflichkeit das Spitzelwesen verbunden war und wie viel menschliches Leid es hervorrief. Eindrucksvoll schilderte er vor diesem Hintergrund die Zerschlagung einer Widerstandsgruppe im österreichischen St. Pölten kurz vor Kriegsende. Dem sehr aktiven Spitzel Johann Pav, der eigentlich Kommunist war, aber ab 1938 als V-Mann engste Freunde und langjährige Parteigenossen verriet, war der „Verrat zur zweiten Natur geworden“. Andere wiederum schützte er, denn offensichtlich gefiel es ihm – und damit war er kein Einzelfall – sich gewissermaßen als „Herr über Leben und Tod“ zu fühlen. Verstrickt in ein Gestrüpp aus Täuschungen und Selbsttäuschungen wurde er schließlich nach dem Krieg zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Viele Spitzel profitierten allerdings nach 1945, wenn man sie trotz ihrer ja geheimen Tätigkeit überhaupt ergriff, nach einigen Jahren in Haft oft von Begnadigungen.

Eine angeregte Diskussion am Ende der Veranstaltung zeigte, dass das Publikum dem bedrückenden und zugleich facettenreichen Themas des Abends großes Interesse entgegenbrachte.