Antisemitismus als Menschenfeindlichkeit. Miriams Tagebuch als Zeugnis von Verfolgung und Selbstbehauptung

Dauer: 135 Minuten, multimedialer Workshop über die Erfahrungen einer jüdischen Schülerin im nationalsozialistischen Erfurt im Spiegel ihres Tagebuchs und der Erinnerung ihres Enkels in Israel, für Jugendliche ab der 8. Klasse geeignet

Foto: Die Lernmaterialien bieten einen differenzierten Zugang zu Miriams Lebensgeschichte und ermöglichen eine vertiefte (selbst-) reflexive Auseinandersetzung. Foto: © Boris Hajduković

Entstehung des Bildungsangebotes

Von Mai 2023 bis Januar 2025 zeigte der Erinnerungsort Topf & Söhne die Ausstellung „Miriams Tagebuch. Die Geschichte der Erfurter Familie Feiner“.

„Ich war 6 Jahre alt, als wir nach Erfurt zogen. [...] Es ging uns sehr gut. Lotte und ich wuchsen heran und in dem Alter, wo man aufhört, Kind zu sein, kam Hitler und mit ihm Zerstörung, Not und Elend.“ Marion Feiner, die sich nach ihrer Auswanderung aus Deutschland Miriam nannte, schrieb diese Zeilen in ihrem letzten Tagebuch-Eintrag im September 1939 im Kibbutz Ginegar in Palästina. Vier Jahre zuvor hatte sie das Tagebuch an ihrem 14. Geburtstag in Erfurt begonnen. Geboren wurde sie als Tochter von Joseph und Adele Feiner am 10. Dezember 1921 in Berlin. Seit 1928 lebte die Familie in Erfurt. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, war Marion elf Jahre alt.

Foto: Das Tagebuch der Erfurter Schülerin Marion Feiner, die sich nach ihrer Auswanderung Miriam nannte, ist ein außergewöhnliches Zeugnis der Shoah und des Aufbruchs in ein neues Leben in Palästina. Foto: © Erinnerungsort Topf & Söhne

Jugendliche heute mit der historischen Erfahrung von Ausgrenzung, Verfolgung und Selbstbehauptung von Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus zu erreichen – wie könnte das besser gehen als durch die aufgeschriebenen Gedanken eines jungen Menschen ihren Alters? Wie könnten Antisemitismus und generell Ausgrenzung von Minderheiten aus der Gesellschaft als Gefahr für Demokratie und Vielfalt besser verstanden werden, als wenn sie als Einbruch in den Alltag eines jungen Menschen sichtbar werden?

Aus diesen Überlegungen heraus entstand die Idee, auf der Basis der Ausstellungsinhalte ein Bildungsangebot für Schulen zu entwickeln. In Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und dem Omas gegen Rechts Erfurt e.V. wurde es möglich, das Bildungsmaterial zu konzipieren, multimedial aufzubereiten und für Lehrkräfte und ihre Schülerinnen und Schüler bereitzustellen.

Zentrale Lernziele

Das Bildungsangebot dauert 135 Minuten (=drei Schulstunden) und ist als Workshop konzipiert. Es eignet sich für den Einsatz im Geschichts-, Ethik- oder Sozialkundeunterricht, in Projekttagen sowie in der außerschulischen Bildungsarbeit. Ziel ist es, historisches Wissen zu vermitteln, Empathie zu fördern, Parallelen zur Gegenwart zu reflektieren und Handlungsmöglichkeiten gegen Antisemitismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu entwickeln.

Der Workshop wählt dafür den Zugang über die Alltagserfahrungen einer jüdischen Schülerin und macht so die Folgen des mörderischen Antisemitismus im Nationalsozialismus greifbar. Im Sinne eines kritischen Geschichtsbewusstseins verbindet es forschendes Lernen mit der Sensibilisierung für die Gefahren des Antisemitismus als historisches und aktuelles, sich wandelndes, im Kern aber stets menschenfeindliches Phänomen.

Die Teilnehmenden arbeiten mit Dokumenten und Stimmen der Familie Feiner aus mehreren Zeitschichten: dem 1935 in Erfurt begonnenen und 1939 in Palästina beendeten Tagebuch von Miriam als Webanwendung, ihrem Brief an eine Erfurter Gruppe von Schülerinnen von Dezember 2000 sowie dem Videozeugnis ihres Enkels Yonathan (Yoni) Saly aus Israel, der zur Stolpersteinverlegung für die Familie seiner Großmutter Erfurt im September 2025 besuchte. Zur Erarbeitung stehen den Jugendlichen thematische Arbeitsblätter und Hintergrundtexte zur Verfügung.

Foto: Der Workshop arbeitet mit Dokumenten der Familie aus mehreren Zeitschichten. Foto: © Erinnerungsort Topf & Söhne

Das Material und seine didaktische Aufbereitung schaffen direkte Bezüge zur Lebenswelt der Jugendlichen. Offene Gesprächsformate, Freiwilligkeit und Respekt vor persönlichen Grenzen sind zentrale Prinzipien bei der Umsetzung des Konzepts. Die Lehrkraft sollte den Lernprozess begleiten, für eine wertschätzende Gesprächskultur sorgen und Raum für individuelle Reaktionen bieten.

Konzept zur Durchführung

Cover-Antisemitismus als Menschenfeindlichkeit.

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Die bereitgestellten Informationen bieten Lehrkräften und Multiplikatorinnen und Multiplikatoren eine Einführung zum Workshop sowie praxisorientierte Anleitungen zur Durchführung.

Lernmaterialien zum Download

Cover mit zwei schwarz weiß Bildern von drei Frauen und einem Mann an einem Tisch.

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Zwei Familienfotografien bieten einen visuellen Einstieg in Miriams Familiengeschichte. Sie unterstützen die Lernenden dabei, eine persönliche Beziehung zu den biografischen Inhalten aufzubauen.

Buchseite zur Auseinandersetzung mit Miriams Lebensgeschichte

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Die fünf thematischen Hintergrundtexte eröffnen einen differenzierten Zugang zu Miriams Lebensgeschichte und ermöglichen eine vertiefte Auseinandersetzung mit ihren individuellen Erfahrungen.

Arbeitsblätter zur Recherche in den Dokumenten

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Die Arbeitsblätter fördern die Analyse- und Reflexionsfähigkeit der Lernenden, indem sie Bezüge zu Miriams Tagebucheinträgen und den Erinnerungen ihres Enkels in Israel herstellen.

Brief von Miriam

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Ein Auszug aus einem Brief, den Miriam im Dezember 2000 nach einem Besuch in Erfurt an eine Lehrerin schrieb, dient als Zitatimpuls. Er regt Jugendliche an, über eigene Handlungsmöglichkeiten gegen Diskriminierung nachzudenken.

Webbasierte Lernmaterialien

Miriams Tagebuch

Ihr Tagebuch begleitete Marion beim Erwachsenwerden in einer Zeit, die geprägt war von Alltagsantisemitismus, dem Berufsverbot des Vaters und dem Verlust der Eltern. Sie vertraute ihrem Tagebuch an, wie ihr jüdischer Freundeskreis, ihre zionistische Jugendgruppe und ihre Freude an Sport und Kultur ihr halfen, sich zu behaupten und sich vor der Verfolgung zu retten. Anfang 1938 wanderte die 16-jährige Marion in das britische Mandatsgebiet Palästina aus, kurz nach ihrer zwei Jahre älteren Schwester Charlotte. Marion nannte sich in Palästina Miriam, ihre Schwester nannte sich dort Jael.

Das Tagebuch ist vollständig digitalisiert und transkribiert und steht als Webanwendung zur Verfügung.

Interview Von Deutschland nach Palästina – Die Geschichte meiner Oma

Miriam hatte sieben Enkelkinder. Yonathan (Yoni) Saly ist eines davon. 2025 kam er zusammen mit zwei seiner Brüder und weiteren Familienangehörigen nach Erfurt anlässlich der Verlegung von Stolpersteinen für die Familie seiner Großmutter.

In einem Videointerview erinnert er sich an seine herzliche, temperamentvolle und sportliche Oma.

Einführung - Erinnerungen an meine starke Oma

Video: 21.04.2026 10:20

Yoni über seine Oma: „Sie war eine herzliche und warmherzige Frau. Eine Frau, die jedem mit offenen Armen begegnete. Oft kamen Leute einfach zu ihr nach Hause, um Hallo zu sagen oder sich bei Kaffee und Kuchen zu unterhalten. Sie war für die Menschen da.

Teil 1 - Schulzeit in Erfurt

Video: 23.04.2026 09:19

Yoni denkt darüber nach, was die Diskriminierung in der Schule für seine Oma bedeutete. In ihrem Tagebuch schrieb sie nur wenig darüber, erst viel später berichtete sie ihren Enkeln davon. Yoni denkt, dass das damals „ihre Art [war], mit dem Trauma und dem Ausgestoßensein umzugehen.“

Teil 2 - Erinnerungen an die Eltern

Video: 23.04.2026 09:24

Yoni beschreibt das Verhältnis von Miriam zu ihren Eltern so: „Ich glaube, dass ihr Zuhause für sie eine sehr starke Kraftquelle war. Sie hatte eine sehr enge Beziehung zu ihren Eltern und auch zu den Werten, die sie ihr mit auf den Weg gegeben hatten. Das sind Werte wie Respekt vor den Menschen und Respekt vor der Natur.“

Teil 3 – Die jüdische Gemeinschaft

Video: 23.04.2026 09:50

Die Feiners waren nicht sehr religiös und besuchten vor 1933 die Synagoge selten. Yoni erinnert sich: „Die antijüdische Politik der Nazis machte meine Großmutter zur Zionistin … Ab dem Moment, als es Juden verboten wurde, sich in der Öffentlichkeit aufzuhalten, drängte meine Großmutter, wie andere Juden auch, in die Synagoge. Sie wurde ein Ort der Zusammenkunft, des Miteinanders, der Gemeinschaft und der Kultur.“

Teil 4 - Leidenschaft für den Sport

Video: 23.04.2026 09:51

Für seine Oma war Sport wie Atmen: Yoni denkt, dass Miriam schwimmen musste, „um zu leben und sich lebendig zu fühlen.“

Teil 5 - Tod der Eltern

Video: 23.04.2026 09:53

Yonis Oma war noch eine Jugendliche, als sie sich von ihren Eltern verabschieden musste. Yoni glaubt, dass sie sich sicher war, dass sie ihre Eltern nie wiedersehen und nie wieder von ihnen hören wird. Er fühlt in dem Interview nach: „Das war ein sehr, sehr schwerer Moment“. Zum letzten Eintrag in ihr Tagebuch sagt er, sie habe damals beschlossen, trotz dieses großen Verlustes ihr „Leben fortzusetzen und eine Familie zu gründen. Das ist sehr berührend, sehr bewegend.“