Projektergebnis: Haltung zeigen. Das staatliche Gymnasium „Geschwister Scholl“ in Sondershausen und seine früheren Schüler Ludwig und Ernst Wolfgang Topf

Im Mai 2024 besuchten die 9. Klassen des Gymnasiums „Geschwister Scholl“ in Sondershausen mit ihrem Geschichtslehrer Martin Brauer den Erinnerungsort Topf & Söhne, setzten sich in einer Führung mit der Dauerausstellung „Techniker der ‚Endlösung‘“ auseinander und recherchierten in der Bibliothek.

Auf den Spuren der eigenen Geschichte

Foto: © Staatliches Gymnasium Geschwister Scholl

Die Schule hat eine unmittelbare Verbindung zur Geschichte von Topf & Söhne, denn die zwei für die Zusammenarbeit mit der SS verantwortlichen Firmeninhaber und Direktoren Ludwig und Ernst Wolfgang Topf hatten in der Vorgängerschule, damals eine Oberrealschule, 1922 und 1923 ihre Reifeprüfung abgelegt. Den ganzen Sommer über setzten die Schülerinnen und Schüler ihre Recherchen fort. Im Schuljahr 2024/25 veröffentlichte der Gesellschaftswissenschaftskurs der Klasse 10 als Ergebnisse einen Flyer, eine DENK!Tafel und erstellte damit zusammen mit den Zeugnissen von Ludwig und Ernst Wolfgang Topf und historischen Dokumenten zu Topf & Söhne eine dauerhafte Präsentation in der Schule.

Am 3. April 2025 wurde die Schule im Thüringer Landeswettbewerb „Demokratie & Schule“ für ihr Projekt „Haltung zeigen“ mit dem ersten Platz ausgezeichnet. Das Staatliche Schulamt Nordthüringen gratulierte  und schrieb: „Die am Projekt beteiligten Schülerinnen und Schüler haben bemerkt, dass der Ton an ihrer Schule rauer wird und sich der gesellschaftliche Rechtsruck auch bei ihnen in der Schülerschaft bemerkbar macht. Daraus sind in partizipativen Prozessen verschiedene Projekte entstanden, wie beispielsweise eine Banneraktion am Schulgebäude, eine regelmäßige Beitragsreihe in der Schülerzeitung ‚Scholltimes‘, ein Projekt zu den Ofenbauern von Auschwitz, in dem sich mit der eigenen Schulgeschichte auseinandergesetzt wurde sowie das gemeinsame Verlegen von Stolpersteinen in Sondershausen in Kooperation mit dem Schlossmuseum Sondershausen und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Die Schülerinnen und Schüler des Geschwister Scholl Gymnasiums haben gezeigt, dass jeder Einzelne in unserer Gesellschaft durch sein Verhalten und sein Engagement einen Beitrag zur Stärkung unserer Demokratie leisten kann.“

 
Foto: Die DENK!Tafel ist Teil der Ausstellung im Schulgebäude Foto: © Staatliches Gymnasium Geschwister Scholl

Lara Gepel besucht im Schuljahr 2025/26 die 10. Klasse des Gymnasiums und war im Februar 2026 Schülerpraktikantin im Erinnerungsort Topf & Söhne. Sie schrieb uns über die Auseinandersetzung mit den „Ofenbauern von Auschwitz an unserer Schule“:

„Sie waren damals genauso jung wie wir heute und lernten dieselben grundlegenden Dinge. Ludwig Topf besuchte von 1919 bis 1922 die damalige Oberrealschule (heute Staatliches Gymnasium „Geschwister Scholl“ Sondershausen). Sein Bruder Ernst Wolfgang Topf lernte an der Schule von 1921 bis 1923. Beide Brüder zeigten nie hervorragende Leistungen. Sie waren dennoch auch nie die schlechtesten Schüler.

Zur damaligen Zeit konnte keiner ahnen, dass die Brüder mit mittleren Leistungen und dem mittleren Reifeabschluss einmal die Direktoren der Firma „J.A. Topf & Söhne“ werden und somit ein wichtiger Bestandteil für die Durchführung des Holocausts und mitverantwortlich für die Shoa waren. Auch uns war das bis vor einigen Jahren nicht klar. Erst durch eine intensive Recherche gelang es unserer Schule und unseren jetzigen Schüler*innen der 11. Klasse herauszufinden, dass die Brüder an unserer Schule unterrichtet wurden, da in keinem Lebenslauf von einem Aufenthalt geschrieben wird. Allgemein lässt sich über ihre Zeit in Sondershausen wenig zurückverfolgen, da wir z. B. nicht wissen, wo oder bei wem sie in diesen Jahren untergebracht wurden. Heute ist sich unser Gymnasium diesem Teil seiner Geschichte bewusst.  Zwei Aufsteller mit Informationen geben über die „Ofenbauer von Auschwitz an unserer Schule“ Auskunft. Sie dienen uns als interne Warnung, dass auch aus unschuldigen jungen Menschen Täter oder Mittäter werden können. Uns ist es wichtig, über die Geschichte der Geschwister aufzuklären und aus ihrem Verhalten nötige Konsequenzen und ein Fazit zu ziehen. 

Die notwendige Aufarbeitung erfolgte bereits im Rahmen einer Projektarbeit im Jahr 2024 von Schüler*innen, welche einen Flyer über die Beziehung zwischen unserer Schule und den beiden Brüdern erarbeiteten und ihre Arbeitsergebnisse in unserer Aula der Öffentlichkeit vorstellten. Die nötige Beschäftigung mit ihnen zeigt, wozu ehemalige Absolventen unserer Schule fähig waren und wozu zukünftige Generationen im Stande sein könnten. Umso erschreckender ist es, wenn man bedenkt, dass beide Brüder weder fanatische Nationalsozialisten noch radikale Antisemiten waren, aber dennoch vorbehaltlos mit der SS zusammenarbeiteten. Es ist wichtig, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinandersetzen und an die Ofenbauer von Auschwitz und ihre Rolle im Holocaust mahnend zu erinnern. Wir als Schule mit den Geschwistern Scholl in unserem Namen möchten schon allein wegen unserer Namensgebung immer wieder bewirken, dass dieser Zusammenhang nicht in Vergessenheit gerät.

Wir wollen Haltung zeigen, da wir uns als Schulgemeinschaft von jedem antisemitischen und 
verfassungsfeindlichem Verhalten distanzieren und mit Verstand und Moral handeln. Uns allen liegt es sehr am Herzen, solche Geschichten aufzuarbeiten, davon zu lernen und auch an unsere nachfolgenden Generationen weiterzutragen."