Stolpersteinverlegung mit Ingeburg Geißler, Überlebende des KZ Theresienstadt aus Erfurt

08.09.2026 14:00 – 08.09.2026 16:30

8. September, 14 Uhr, Ort: Klausenerstraße 32
Stolpersteinverlegung für Herbert Frank

15:30 Uhr, Ort: Schwarzburger Straße 26
Stolpersteinverlegung für Ingeburg Geißler

Schwarz-weiß Bild von Mann mit Hut und Stock mit Mädchen im Kleid daneben stehend
Ingeburg Frank mit ihrem Großonkel Hugo Krause, 25. September 1938 Foto: © Ingeburg Geißler
08.09.2026 16:30

Transit Ghettos Bełżyce – 84 Jahre nach der ersten großen Deportation von Jüdinnen und Juden aus Thüringen

Genre Veranstaltung
Veranstalter Stadtverwaltung Erfurt, Erinnerungsort Topf & Söhne
Veranstaltungsort Erinnerungsort Topf & Söhne, Sorbenweg 7, 99099 Erfurt

Ingeburg Geißler überlebte das Ghetto Theresienstadt

Ingeburg wurde am 8. Juli 1932 in Erfurt geboren. Ihr jüdischer Vater Herbert Frank kam nach einer Ausbildung zum Landschaftsgärtner in der Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlen bei Hannover Anfang der 1930er-Jahre in das renommierte Gartenbauunternehmen Benary in Erfurt. Dort lernte er die kaufmännische Angestellte Elfriede Eilert, eine Protestantin, kennen. Die beiden heirateten.

Unter dem antisemitischen Verfolgungsdruck der Nationalsozialisten entschloss sich die junge Familie Frank, im Oktober 1933 in das britische Mandatsgebiet Palästina auszuwandern und in Tel Aviv ein neues Leben zu beginnen. Da Ingeburg als Kleinkind das Klima und die Ernährungsumstellung nicht vertrug und erkrankte, kehrte die Familie nach zwei Monaten nach Erfurt zurück. Die staatlichen Repressionen gegen Jüdinnen und Juden griffen die Existenz der Familie an. Herbert Frank fand nur selten eine bezahlte Arbeit, die Familie war oft allein auf das Einkommen der Mutter angewiesen. Trotzdem erinnert Ingeburg eine glückliche Kindheit. Vor allem zu ihrem Vater, mit dem sie öfter Eis im Café Rommel aß, hatte sie eine sehr enge Bindung. Um die Tochter, die als Halbjüdin" galt, vor der zunehmenden Verfolgung zu schützen, ließen sich Ingeburgs Eltern 1938 scheiden. Doch noch schlimmer für das kleine Mädchen war die dauerhafte Trennung vom Vater. Herbert Frank wurde im Novemberpogrom in das KZ Buchenwald verschleppt und dort zwei Wochen festgehalten. Anfang 1939 gelang ihm schließlich die Flucht nach Shanghai. Er hatte jedoch nicht die Kraft, sich persönlich von seiner kleinen Tochter zu verabschieden. Den Brief, den er ihr vor seiner Abreise schrieb, bewahrt sie bis heute auf.

Um ihre Tochter zu versorgen und sich den antisemitischen Angriffen aus dem nahen Umfeld zu entziehen, nahm Elfriede Frank eine Arbeit in Magdeburg an. Ingeburg wurde liebevoll von ihrer Großtante Anna Krause, einer Schneiderin, und ihrem Großonkel mütterlicherseits in Marbach aufgenommen und, so gut es ging, vor dem alltäglichen Antisemitismus beschützt. Der Großonkel Hugo Krause war bis 1942 als Modelltischler bei Topf & Söhne beschäftigt. Ob er wusste, dass Topf & Söhne Öfen in die Konzentrationslager lieferte, hat Ingeburg Geißler nie erfahren.

Anfang 1941 wurde Ingeburg verboten, weiter die Schule in Marbach zu besuchen. Ihre Freundinnen und Freunde wurden vom Lehrer und stellvertretenden NSDAP-Ortsgruppenleiter in Marbach gegen sie aufgehetzt. Ingeburg litt sehr unter den Beschimpfungen und Angriffen durch die anderen Kinder aus dem Ort. Immer wieder versuchte ihre Großtante, ihr diese schwere Zeit zu erleichtern. So hatte sie den gelben Stern, den Ingeburg nun tragen musste, nur mit einem Klettverschluss befestigt, damit sie ihn bei gemeinsamen Ausflügen nach Erfurt abnehmen konnte.

Am Morgen des 31. Januar 1945 wurde Ingeburg von einem Marbacher Polizeiwachtmeister abgeholt und in der Straßenbahn bis zur Gestapo (heute Sitz des Thüringer Landtages) gebracht. Von dort mussten sie und andere Jüdinnen und Juden und als Halbjuden" Verfolgte, darunter auch Max Cars und seine beiden Töchter, in einer durch die Erfurter Polizei bewachten Kolonne und vor den Augen der Passanten zu Fuß zum Bahnhof gehen. Hier sah sie ihre Großtante und ihren Großonkel zum letzten Mal, bevor sie mit dem letzten Transport aus Erfurt in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde.

In Theresienstadt war sie gemeinsam mit sechs anderen Mädchen in einer Unterkunft untergebracht. Sechs Stunden am Tag musste die Zwölfjährige Zwangsarbeit leisten. Sie litt unter den unmenschlichen und unhygienischen Bedingungen im Lager und dem fehlenden Kontakt zu ihrer Familie. Am 8. Mai 1945 befreite die Rote Armee Theresienstadt. Doch da im Lager aufgrund der schlimmen Lebensbedingungen Typhus ausgebrochen war, musste Theresienstadt einen Monat unter Quarantäne gestellt werden. Erst Anfang Juni 1945 konnte Ingeburg mit weiteren Überlebenden, darunter die Familie Cars, nach Erfurt und zu Großtante und Großonkel nach Marbach zurückkehren.

Ingeburgs Mutter zog im Sommer 1945 wieder nach Erfurt. Ab 1946 hatte Ingeburg auch zu ihrem inzwischen in den USA lebenden Vater wieder Briefkontakt. Erst 1959, 20 Jahre nach ihrer erzwungenen Trennung, sahen sich Tochter und Vater bei seinem Besuch in der DDR wieder. Ingeburg holte ihre durch die Verfolgung versäumten Schuljahre in einem Internat in Wickersdorf nach und studierte ab 1952 Jura in Berlin. Sie arbeitete als Juristin im Ministerium für Post und Fernmeldewesen, heiratete und bekam einen Sohn.

Die Stolpersteinverlegung findet mit Ingeburg Geißler
und in Zusammenarbeit mit
Initiative STOLPERSTEINE erfurt statt.