Reinhard Schramm: Rede zur Wiedereröffnung der Dauerausstellung „Techniker der ‚Endlösung‘. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“

25.01.2026 11:00

„Gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus zunehmend das Zusammenleben in unserer Gesellschaft angreifen, brauchen wir dringend die hervorragende Forschungs- und Bildungsarbeit des Erinnerungsortes Topf & Söhne.“

Älterer Mann an einem Mikrofon, der vor Publikum eine Rede hält
Foto: Prof. Dr. Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, bei seiner Rede zur Wiedereröffnung der Dauerausstellung „Techniker der ‚Endlösung‘“. Foto: © Erinnerungsort Topf & Söhne

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Horn,
sehr geehrte Frau Prof. Schüle, liebe Annegret,
sehr geehrtes Team des Erinnerungsortes Topf & Söhne,
sehr geehrter Vorstand des Förderkreises Erinnerungsort Topf & Söhne,
liebe Gäste,

als 2008 der seit 1999 aktive Förderkreis für den Erinnerungsort Topf & Söhne eingetragener Verein wurde, war unsere Jüdische Landesgemeinde Thüringen Gründungsmitglied. Mein Vorgänger Wolfgang Nossen hatte sich seit Jahren dafür eingesetzt, dass auf diesem historischen Firmengelände Voraussetzungen für Erinnerungsarbeit entstehen.

Seit seiner Eröffnung 2011 ist der Erinnerungsort Topf & Söhne zu einem sehr engen und wichtigen Freund und Partner unserer Landesgemeinde geworden. Viele seiner Gedenkprojekte, wie die virtuelle Rekonstruktion unserer 1938 zerstörten Großen Synagoge oder zuletzt die Stolperkarten zur Erinnerung an die jüdische Familie Feiner machen die jüdische Geschichte unserer Stadt sichtbar. Sie zeigen nicht nur, wie Nationalsozialisten das jüdische Leben in der Stadt zerstörten, sondern sie zeigen auch den Beitrag, den Juden zuvor für den Fortschritt der Stadt Erfurt geleistet hatten.

Gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus zunehmend das Zusammenleben in unserer Gesellschaft angreifen, brauchen wir dringend die hervorragende Forschungs- und Bildungsarbeit des Erinnerungsortes Topf & Söhne. Dort gibt es neben den Seminaren zur Dauerausstellung und zu den Zeugnissen von Überlebenden mehrere Angebote, die exemplarisch die Geschichte jüdischer Familien in Erfurt, ihre Zerstörung im Nationalsozialismus und die Gefahren des Antisemitismus heute verdeutlichen. Diese wertvolle Bildungsarbeit öffnet jungen Menschen die Augen, wohin Ausgrenzung und Diskriminierung schon einmal geführt haben – zu den Gaskammern von Auschwitz. Das unermüdliche Team um Annegret Schüle machte den Erinnerungsort zu einem unverzichtbaren Lern- und Begegnungsort für die Stärkung der Demokratie. Dafür ist unsere Jüdische Landesgemeinde Thüringen dankbar.

Ich bin froh, dass in dieser auch schon vor der Erneuerung der sehr guten Dauerausstellung „Techniker der ‚Endlösung‘. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“ nun Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau dauerhaft eine Stimme bekommen.

Die Menschen, die in den letzten Jahren im Erinnerungsort Topf & Söhne in Videointerviews und Zeitzeugenbegegnungen Zeugnis abgelegt haben, waren damals Kinder oder Jugendliche.

Wunderbare Menschen wie meine Freundin Éva Fahidi-Pusztai, die ich bei vielen Begegnungen erleben durfte, sind schon von uns gegangen. Umso wichtiger ist, dass nun für die neue Installation „Stimmen der Überlebenden“ ein Raum in der Ausstellung geschaffen wurde. Nachdem die Besucher in der Auseinandersetzung mit den Firmendokumenten von Topf & Söhne die Dimensionen der Mittäterschaft und die Motive und Handlungsoptionen der Beteiligten reflektiert haben, hören sie in Zitaten und kurzen Videosequenzen Schlüsselerfahrungen von Éva und sieben anderen Auschwitz-Überlebenden. Schlüsselerfahrungen, die für Auschwitz und das Leben danach stehen: Erfahrungen der Trennung an der Rampe und des unwiederbringlichen Verlustes der Familie, zerstörerische Zwangsarbeit, Rettung durch andere Mithäftlinge, Ohnmacht, Selbstbehauptung und gegenseitige Ermutigung in der Häftlingsgemeinschaft. Die Überlebenden sprechen über die Konsequenzen, die die Gesellschaft aus Auschwitz ziehen muss, über ihren Auftrag an uns. Auf Postkarten zum Mitnehmen und Verschicken findet sich auch ein QR-Code, der zu den ausführlichen lebensgeschichtlichen Videointerviews auf der Webseite des Erinnerungsortes Topf & Söhne führt. Zu Zeugnissen, die immer wichtiger werden.

In zwei Tagen jährt sich die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 zum 81. Mal. Für Juden, Sinti und Roma ist dieser Tag mit der eigenen tragischen Familiengeschichte und der bitteren Erkenntnis verbunden, wie der Antisemitismus und Antiziganismus des deutschen Nationalsozialismus unmittelbar zum Völkermord führte. Aber es war nicht nur der Hass und der Vernichtungswille des deutschen Nationalsozialismus. Es war auch – wie bei den Chefs und Technikern von Topf & Söhne – die Ignoranz gegenüber den Folgen des eigenen Handelns. Persönliche Motive wie Umsatzsteigerung, Konkurrenz und Statusverbesserung trugen bei, ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ermöglichen. Die Stadt Erfurt hat gut daran getan, sich am Beispiel von Topf & Söhne dieser Seite ihrer Geschichte zu stellen. Das Geschichtsbewusstsein, das an diesem Ort mit seiner nun erneuerten Dauerausstellung entsteht, trägt bei, Antisemitismus und jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu bekämpfen.

Wir danken heute der Stadt Erfurt und vor allem dem Erinnerungsort Topf & Söhne unter Leitung von Frau Prof. Schüle für diese Ausstellung, die so verantwortungsbewusst auch die schmerzliche Seite der jüdischen Stadtgeschichte Erfurts behandelt. Aber ich möchte heute der Stadt Erfurt ebenfalls dafür danken, dass sie bemüht ist, der jüdischen Geschichte ihrer Stadt im Ganzen gerecht zu werden. Erfurt pflegt engagiert das mittelalterliche Erfurter jüdische Weltkulturerbe und fördert nach Kräften das wiedererstandene jüdische Leben in unserer Landeshauptstadt.

Der ehrliche Dank an den Erinnerungsort Topf & Söhne und an die Stadt Erfurt drückt unsere Zuversicht trotz schwieriger Zeiten aus!