Andreas Horn: Rede zur Wiedereröffnung der Dauerausstellung „Techniker der ‚Endlösung‘. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“

25.01.2026 10:00

„Heute ist ein guter Tag für Erfurt, denn ein wichtiger Ort für die Stärkung eines kritischen Geschichtsbewusstseins und der demokratischen Resilienz unserer Stadtgesellschaft hat sich zukunftsfähig gemacht.“

Mann an einem Mikrofon der eine Rede vor Publikum hält
Foto: Oberbürgermeister Andreas Horn bei seiner Rede zur Wiedereröffnung der Dauerausstellung „Techniker der ‚Endlösung‘“. Foto: © Erinnerungsort Topf & Söhne

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schramm,
sehr geehrter Herr Dr. Horn,
sehr geehrte Frau Prof. Dr. Schüle,
sehr geehrtes Team des Erinnerungsortes Topf & Söhne,
sehr geehrter Vorstand des Förderkreises Erinnerungsort Topf & Söhne,
liebe Gäste,

heute ist ein guter Tag für Erfurt, denn ein wichtiger Ort für die Stärkung eines kritischen Geschichtsbewusstseins und der demokratischen Resilienz unserer Stadtgesellschaft hat sich zukunftsfähig gemacht.

Dem kleinen Team um Prof. Dr. Annegret Schüle gelang es, bei aufwändiger konzeptioneller Vorarbeit in nur wenigen Monaten die Dauerausstellung „Techniker der ‚Endlösung‘. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“ grundlegend zu erneuern und punktuell zu erweitern.

Die finanzielle Unterstützung vom Freistaat Thüringen und einer Spendenkampagne des Förderkreises mit der Bethe-Stiftung sei hier ausdrücklich erwähnt.

Auch wenn Sanierung und Umbau nur von Oktober bis in die letzte Woche dauerten, so sind doch die Forschungsergebnisse, die Sammlungsdokumentation und die Erfahrungen der Bildungs- und Vermittlungsarbeit in den 15 Jahren seit der Eröffnung am 27. Januar 2011 eingeflossen.

Das große historische Potenzial von Topf & Söhne besteht ja darin, dass wir hier Erfurter Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmern, Ingenieuren, Zeichnern, Kaufleuten und Sachbearbeiterinnen begegnen, die eigentlich wussten, was richtig und was falsch ist, wie wir es auch zu wissen glauben. Und die doch dieses Wissen bewusst beiseiteschoben, als Ausgrenzung und Vernichtung im Nationalsozialismus staatlich gewollt und zu einem Geschäft wurden.

Es ist das Verdienst der erneuerten und erweiterten Dauerausstellung, dass dieses Narrativ der Mittäterschaft eines Industrieunternehmens am nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen noch klarer, anschaulicher und damit irritierender herausgearbeitet und belegt wird. So zeigt die erneuerte Präsentation erstmals die Mittäterschaft von Topf & Söhne schon 1939 beim Massenmord an Menschen mit geistiger, psychischer und körperlicher Beeinträchtigung, der sogenannten „Euthanasie“. Die Präsentation arbeitet noch besser die innerbetriebliche Dynamik, die Verantwortung, die Handlungsoptionen und Motive der einzelnen Akteure im Unternehmen – im Kontext der Radikalisierung der Vernichtung 1942 hin zum Völkermord in Auschwitz – heraus.

Sie ermöglicht den Besucherinnen und Besucher erstmals, das Wissen und Handeln der Mittäter von Topf & Söhne mit dem Zeugnis von acht Auschwitz-Überlebenden in Beziehung zu setzen. Mit dem Satz „Sich das Recht zu nehmen, über die anderen als weniger wert zu bestimmten: Das führt wieder geraden Weges zu Gaskammern“, den die Gäste als Postkarte mitnehmen können, brachte der inzwischen 100-jährige Leon Weintraub seine Erfahrungen auf den Punkt. Die eindrückliche Schilderung der Ankunft des damals 18-Jährigen mit seiner Familie im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau 1944 hat der Erinnerungsort neben den Videointerview-Ausschnitten von sieben weiteren Auschwitz-Überlebenden für die „Installation Stimmen der Überlebenden“ ausgewählt. Sein gesamtes Interview wird auf der Webseite nachzuhören sein.

Der Erinnerungsort Topf & Söhne zeigt sich mit der Erneuerung und Erweiterung der Dauerausstellung einmal mehr als eine lernende Institution, die ihre wissenschaftliche Basis fortlaufend aktualisiert und sich konsequent an den gesellschaftlichen Herausforderungen einerseits und an den Bedürfnissen ihrer Besucherinnen und Besucher andererseits ausrichtet.

Fast 190.000 Besucherinnen und Besucher des Erinnerungsortes seit seiner Eröffnung vor 15 Jahren, darunter viele Schulklassen, sind der handfeste Beweis, dass viele Menschen gerade heute Antworten auf die Frage suchen:

Wer wurde zum Opfer?

Wer wurde zum Täter, zur Täterin und welche Handlungsoptionen und welche Verantwortung hatte er oder sie?

Denn jene, die aus der Geschichte der von Deutschen begangenen nationalsozialistischen Verbrechen lernen wollen, werden immer stärker mit Gegenkräften konfrontiert. Mit dem neu erstarkenden Rechtsextremismus werden die Stimmen der Verharmlosung und Leugnung der Verbrechen immer lauter und salonfähiger.

Gleichzeitig gehen die letzten zumeist hochbetagten Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung von uns, die Letzten, die uns aus eigenem Erleben berichten können, was ihnen und ihren Familien angetan wurde. Umso wichtiger ist es, ihre Stimmen dauerhaft hörbar zu machen, und gleichzeitig mit der Überzeugungskraft historischer Dokumente und historischer Orte die Dimensionen der Täter- und Mittäterschaft zu vermitteln, was mit der neuen Ausstellungspräsentation noch besser gelingt.

Ich bin dankbar dafür, dass der Förderkreis, die Gedenkstätte Buchenwald und Frau Prof. Dr. Annegret Schüle als wissenschaftliche Expertin vor über 20 Jahren nicht aufgaben, auf die Bedeutung der Geschichte dieses ehemaligen Firmengeländes hinzuweisen und dass sich Manfred Ruge in dieser Frage als ein lernender Oberbürgermeister bewies. Er war es, der Annegret Schüle 2005, damals noch Mitarbeiterin der Gedenkstätte Buchenwald, mit der Erstellung einer Konzeption für den Erinnerungsort auf dem ehemaligen Firmengelände beauftragte und damit die Weichen für den Weg zu einer Erfolgsgeschichte stellte.

Ich danke dem hauptamtlichen Team, zu dem neben Annegret Schüle Rebekka Schubert und Steffi Gorka gehören, dass sie diesen Ort als einen Bildungs- und Begegnungsort unablässig durch ihren Einsatz stärken und entwickeln. Immer wenn ich den Erinnerungsort Topf & Söhne besuche, treffe ich auf junge Menschen, die hier als Guides, Volontäre, Projektbeteiligte und Freiwillige im FSJ Kultur den Staffelstab der Erinnerung aufnehmen, weil sie eine Zukunft wollen, in der Demokratie, Menschenrechte und Vielfalt garantiert bleiben.

Ich versichere Ihnen, dass ich als Oberbürgermeister das in meiner Macht Stehende tun werde, damit der Erinnerungsort Topf & Söhne weiter an seiner Erfolgsgeschichte schreiben kann. Denn wir brauchen heute dringend Orte wie diesen, die uns darüber nachdenken lassen, was richtig und was falsch ist.

Ich danke Ihnen.