Thüringer Allgemeine: Stimmen der Überlebenden am Ort der Täter

26.01.2026 12:00

Die überarbeitete Dauerausstellung am Erinnerungsort „Topf & Söhne“ lotet Schuld und Verantwortung aus.

von Elena Rauch

Erfurt Als sie im Lager nach dem Verbleib ihrer Angehörigen fragten, hatten Kapos auf den Rauch aus den Schornsteinen gezeigt. Dort sind eure Eltern. So erinnert sich Eva Pusztai an die ersten Tage in Auschwitz. Fast ihre gesamte Familie verlor sie im Holocaust. Von der größten Tragödie ihres Lebens, sagt sie, erfuhr sie erst nach ihrer Befreiung.

Auch Leon Weintraub kommt zu Wort, Eva Szepesi, Pavel Taussig, Eva Umlauf, Esther Bejarano, Eva Schloss, Anita Lasker-Wallfisch. Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz, für das die Techniker, Buchhalter und Ingenieure an diesem Erfurter Ort die Öfen bauten. Die Ausschnitte aus ihren Erinnerungen in der Videoinstallation, entstanden in langen Gesprächen, sind Kern der Neugestaltung der ständigen Ausstellung am Erfurter Erinnerungsort Topf & Söhne. Am 25. Januar wurde sie nach gut vier Monaten wieder eröffnet.

Seit 15 Jahren bezeugt dieser Ort, wie Menschen aus der Mitte der Gesellschaft zu Mittätern am Massenmord der Nazis wurden. Dienstbeflissen, mitwissend, freiwillig. Neben konzeptionellen Erfahrungen aus der pädagogischen Arbeit sind auch neue Forschungsergebnisse in die Ausstellung eingeflossen. So habe man nachweisen können, dass für das Erfurter Unternehmen das Geschäft mit dem Mord bereits 1940 mit dem Euthanasie-Programm der Nazis begann, erklärt Leiterin Annegret Schüle.

Auch Abläufe im Unternehmen und einzelne Akteure werden stärker ausgelotet. Der Ingenieur Kurt Prüfer zum Beispiel, der in der Stadtgesellschaft als Vorreiter pietätvoller Feuerbestattung und geachteter Bürger reüssierte und gleichzeitig den Mördern in Auschwitz eifrig technische Lösungen zuarbeitete. Mehr Tiefenschärfe, weil das die Fragen betrifft, die dieser Ort seit 15 Jahren durchbuchstabiert: Nach Handlungsoptionen, nach Entscheidungen, nach Verantwortung des Einzelnen. Und was ethisches Versagen befördert.

Mehr als 190.000 Besucher haben den Erinnerungsort seit seinem Bestehen besucht, erklärt Erfurts Oberbürgermeister Andreas Horn in der Eröffnungsstunde. Das zeige, wie viele Menschen nach Antworten suchen. Der Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde Reinhard Schramm spricht von wertvoller Bildungsarbeit. Sie öffne jungen Menschen die Augen, wohin Ausgrenzung und Diskriminierung schon einmal geführt haben.

Ein Erinnerungsort, den es nicht gebe, wäre er nicht erstritten worden. Daran erinnert Thüringens ehemaliger Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) in einer Videobotschaft. Zivilgesellschaft brauche Widerstandsfähigkeit. Auch Eva Umlauf, Auschwitz-Überlebende und Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees, spricht in ihrer Grußbotschaft von einem erkämpften Ort. „Ein Ort, der die Wahrheit spricht in einer Zeit, in der viele versuchten, der Wahrheit an die Gurgel zu gehen.“

Die Bildungsangebote seien für das erste Jahresquartal bereits ausgebucht, so Annegret Schüle. Lehrkräfte würden auf die Wiedereröffnung warten, sie spricht von großer Frustration, weil sie nicht wissen, wie gegen die erstarkenden rechtsextremen Tendenzen in Schulen vorgegangen werden kann. Der Vorstoß der Landesregierung, gegen rechte Symbole in Schulen härter vorzugehen, sei wichtig, aber das reiche nicht. Gute Bildung zur NS-Zeit könne Schüler erreichen und sensibilisieren. Das sei die Erfahrung an diesem Ort.