Inklusive Audiospur „Hört, was uns bewegt!“ – Audio 3
Welche Folgen konnte es damals haben, wenn ein Kind ohne Zuneigung und Förderung aufwuchs?
Willi Kirmes aus Erfurt wuchs ohne Eltern auf und lebte in Pflegefamilien und Heimen. Er war kreativ, malte und bastelte gern. Aber er war auch oft unruhig und konnte sich schlecht konzentrieren. Deshalb stuften Ärzte ihn als "geisteskrank" ein. Immer wieder kam er in eine Anstalt. Schließlich wurde er "nach außerhalb verlegt". Das bedeutet: Willi wurde innerhalb der Aktion T4 getötet. Niemand hat nachgefragt, niemand hat um ihn getrauert. Sein Schicksal hat uns sehr berührt.
Transkript
Willi Kirmes war ein junger Mensch aus Erfurt, der ohne Eltern aufwächst – in den 20er Jahren. Er lebte in verschiedenen Pflegefamilien und Heimen. Er war kreativ, malte und bastelte gern. Singen mochte er auch.
Er war sehr unruhig und konnte sich nicht konzentrieren. Er kam in eine Anstalt. Die Ärzte sagten, Willi ist geisteskrank. Er wurde oft bestraft, weil er unruhig war.
Er kam wieder in ein Heim in Weißenfels. Das war eine glückliche Zeit.
Wir machten auch eine Dampffahrt nach der Schönburg. Da haben wir Kaffee und Kuchen bekommen. Das hat fein geschmeckt. Ich lernte viel in Weißenfels. Dann kam ich in eine Bäckerei und lernte fleißig Brot backen. Ich gedenke, den Beruf weiterzulernen.
– Willi Kirmes, eigene Aufzeichnungen
Das Heim wurde geschlossen. Später kam er auf einen Bauernhof zu Pflegeeltern. Dort musste er schwer arbeiten. Er hatte einen Unfall. Er konnte sich nicht richtig erholen.
Eine Scheune brannte. Der Verdacht fiel auf ihn. Niemand konnte beweisen, dass er es war. Als die Scheune brannte, war er der Sündenbock. Niemand vertraute Willi. Er kam wieder in eine Anstalt.
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Letzter Eintrag aus der Patientenakte von Willi Kirmes – am Tag seines Transports in die Tötungsanstalt Brandenburg:
21.08.1940: Hat in der Versuchskolonne im Garten gearbeitet. In letzter Zeit frei von psychotischen Störungen. Nach außerhalb verlegt.
– Patientenakte Willi Kirmes
„Nach außerhalb verlegt" bedeutet: Willi wurde innerhalb der Aktion T4 ermordet.
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Warum ist Willi uns so wichtig? Das Schicksal von Willi hat uns sehr berührt. Willi war ein sehr aufgeweckter Junge. Er ist hin und her geschickt worden. Er hatte niemanden, der ihn in den Arm genommen hat. Er hat nie Trost erfahren. Es gab niemanden, der ihn in Schutz genommen hat.
Niemand hat ihn besucht. Genau das hätte er gebraucht. Er wollte Bäcker werden. Das hat niemand ernst genommen.
Er wurde ermordet innerhalb der Aktion T4. Niemand hat nachgefragt. Niemand hat um ihn getrauert.