Simson – mehr als Kult

Die Geschichte der jüdischen Familie Simson

Foto: Ende Mai 2026 parkte zufällig eine Schwalbe vor dem Erinnerungsort Topf & Söhne. Schülerinnen und Schüler aus Suhl, die gerade ein Bildungsseminar im 2. Obergeschoss besuchten, erkannten sie allein am Motorgeräusch. Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Kurz gesagt: Die Geschichte der Familie Simson aus Suhl und die Kult-Mopeds

Vor 170 Jahren gründete die jüdische Familie Simson ein Unternehmen in Heinrichs bei Suhl. Die Nationalsozialisten enteigneten die Simsonwerke 1935, die Besitzer konnten ihr Leben nur durch die Flucht in die USA retten. Die später in der DDR im Nachfolgeunternehmen millionenfach hergestellten Zweiräder wie die SR1, die Schwalbe und die S51 sind bis heute Kult. Die Simson-Mopeds und Kleinroller konnten schon mit 15 Jahren gefahren werden und bedeuteten für Generationen von Jugendlichen individuelle Bewegungsfreiheit. Sie waren und sind robust, leicht zu reparieren und haben bis heute viele Fans.

Es ist eine Verhöhnung des Opferschicksals der Familie Simson, wenn der Vorsitzende der als gesichert rechtsextremistisch geltenden Thüringer AfD Björn Höcke ihren Namen für seine Parteizwecke benutzt. Als die Simson-Familie in den USA davon erfuhr, dass die AfD Simson als „Ausdruck ostdeutscher Identität“ zum immateriellen Kulturerbe erklären lassen will und den Kult um Simson-Mopeds im Thüringer Wahlkampf nutzte, erklärte der Sprecher der Familie Dennis A. Baum im Januar 2026: „Wir empfinden jegliche Verbindung mit der AfD als abstoßend und als eine Beleidigung unseres Namens“.

Hintergrund I: Eine erfolgreiche Unternehmensgeschichte

Foto: Simson-Werke Foto: © Stadtarchiv Suhl

Vor 170 Jahren gründeten die Brüder Moses und Loeb Simson in Heinrichs bei Suhl ein gemeinsames Unternehmen. Zunächst nur mit einem Zulieferbetrieb, dann mit eigener Gewehrproduktion stiegen die Brüder in das Suhler Waffengewerbe ein. Erst rund zehn Jahre zuvor war Juden im preußischen Suhl die freie Wahl des Wohnortes und die uneingeschränkte Gewerbetätigkeit erlaubt worden. In der zweiten Familiengeneration entwickelte sich Simson & Co. durch preußische und sächsische Heeresaufträge zu einem Großbetrieb. Er fertigte nicht nur Militär-, Jagd- und Luxuswaffen, sondern auch Fahrräder und wurde zum größten Arbeitgeber in Suhl.

Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs begann in der dritten Generation die Automobilproduktion, legendär wurde später die Sportwagenreihe Simson Supra. Im Ersten Weltkrieg verdreifachte sich die Belegschaft durch Rüstungsproduktion auf 3.500 Mitarbeiter. Die Herstellung von Waffen wie dem leichten Maschinengewehr Maxim MG 08/15, auf das die Redewendung „nullachtfünfzehn“ zurückgeht, stieg um das Vierfache.

In den Jahren nach der Novemberrevolution 1918, die das Kaiserreich beendete, spielte auch in den Simson-Werken die gewerkschaftlich, sozialdemokratisch und kommunistisch organisierte Arbeiterbewegung eine Rolle. Die Belegschaft erkämpfte nun einen Anteil am Gewinn aus der Kriegsproduktion. Antifaschistische Arbeiter leisteten 1920 Widerstand gegen den Kapp-Putsch und organisierten sich 1923 angesichts des Putschversuches von Hitler in München für die Verteidigung der nur wenige Wochen regierenden sozialdemokratisch-kommunistischen Thüringer Regierung.

Im Zuge des Versailler Vertrags von 1919, der Deutschland eine weitreichende Abrüstung auferlegte, wurden die Simson-Werke zum alleinigen Ausrüster der Reichswehr mit Handfeuerwaffen bestimmt. Das hatte seinen Grund darin, dass sie unter den Bewerbern die kleinste Waffenfabrik mit der schlechtesten Ausrüstung waren. Die wirtschaftliche Zukunft der Simson-Werke war damit anders als bei der Konkurrenz auch in der Weltwirtschaftskrise 1929 gesichert. Die sozial wie wirtschaftlich starke Position der Familie Simson verhinderte vor 1933 offenen Antisemitismus. Doch die in Thüringen starken Nationalsozialisten sahen in den Simson-Werken eine Provokation, schon in der Weimarer Republik.

Hintergrund II: Verfolgung und Enteignung durch die Nationalsozialisten

1927 wurde Fritz Sauckel von Adolf Hitler zum Gauleiter der NSDAP in Thüringen ernannt und startete sofort eine rufschädigende Verleumdungskampagne gegen die Geschäftsleitung, die inzwischen die Brüder Arthur und Julius Simson in der dritten Generation innehatten. Mit der reichsweiten Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 steigerte Sauckel den Verfolgungsdruck auf die Familie Simson. Als Reichsstatthalter in Thüringen ließ er im thüringischen Innenministerium eine Ermittlungskommission einrichten, die mit fingierten Vorwürfen einen Schauprozess vorbereiten sollte, damit er das Unternehmen enteignen und selbst die Unternehmensleitung übernehmen konnte.

Am 31. August 1934 schrieb er an den Reichskanzler Adolf Hitler: „Im Verfolg der nationalen Revolution gelang es, diese, zu jeder Korruption bereiten Juden, aus dem Geschäftsbetrieb weitgehend auszuschalten. Es scheint nun, dass die Gebrüder Simson wieder Oberwasser bekommen und versuchen, ihre alten Machtpositionen wieder zu gewinnen. [...] Es wäre auch für uns politisch unerträglich, wenn die Juden, Gebrüder Simson, die früher in ihrem Betrieb den Kommunismus geradezu gezüchtet haben, ihre alte wirtschaftliche Machtposition wieder einnehmen könnten.“ Damit arbeitete Sauckel gleich mit zwei antisemitischen Stereotypen: Zum einen propagierte er das jahrhundertealte Vorurteil, Juden seien korrupt. Zum anderen spielte er auf den Mythos an, der Kommunismus sei eine jüdische Erfindung. Dieser wurde von den Gegnern der Russischen Revolution 1917 in die Welt gesetzt, die sie als „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“ bekämpften.

Trotz massivem Druck gelang es Sauckel zunächst nicht, sich das Unternehmen auf juristischem Wege anzueignen. Für den Vorwurf, das Deutsche Reich sei bei der Abrechnung der staatlichen Aufträge übervorteilt worden, fanden sich in dem Schauprozess gegen Arthur Simson und leitende Angestellte keine Beweise. Erst in Berliner Gestapo-Haft wurde Arthur Simson 1935 unter Androhung von Gewalt schließlich gezwungen, die entschädigungslose Enteignung des Unternehmens zu unterschreiben. Nach seiner Entlassung floh er in die Schweiz. 1937 wanderten er und sein Bruder Julius Simson mit ihren Lebenspartnerinnen in die USA aus, keiner von ihnen kehrte nach Deutschland zurück. 1944 wurden sie amerikanische Staatsbürger. Da hatte der deutsche Staat schon ihr gesamtes Vermögen eingezogen und sie ausgebürgert.

Von der Enteignung der Simson-Werke in Suhl, eines Unternehmens mit Weltruf, ging eine Signalwirkung aus. Mehr als 40 Zeitungen in Europa und den USA berichteten darüber. „Die Besitzergreifung durch den nationalsozialistischen Staat ist der erste Vorgang dieser Art, der von den Nazis [...] in aller Öffentlichkeit durchgeführt worden ist,“ schrieb etwa die französische Zeitung L’Information am 24. Dezember 1935. Mit dem Betriebsvermögen gründete Fritz Sauckel die zur NSDAP gehörende und von ihm selbst geleitete Wilhelm-Gustloff-Stiftung. Ihr gehörte neben dem Werk in Suhl unter anderem auch das Gustloff-Werk II, eine Waffenfabrik beim KZ Buchenwald, in der über 3.000 Häftlinge ausgebeutet wurden. Der Name ‚Simson‘ wurde getilgt. In dem Werk in Suhl produzierten 6.000 Beschäftigte nach 1939 vor allem Waffen für den Zweiten Weltkrieg.

Hintergrund III: Die Kult-Mopeds aus der DDR

Als das Werk nach 1945 erst sowjetische Aktiengesellschaft und dann Volkseigener Betrieb wurde, spielten die Rechte der enteigneten Vorbesitzer keine Rolle. Nur ihr Name kehrte zurück, ab 1952 hieß der Betrieb VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson Suhl.

Staatlich verfügt, wurde Simson zum einzigen Hersteller von Mopeds und Kleinrollern in der DDR mit einem faktischen Monopol. Weil Autos in der DDR knapp und teuer und nur nach langer Wartezeit zu kaufen waren, wurden die Mopeds aus Suhl als erschwingliche Alternative zum Rückgrat der Mobilität der Bevölkerung. 6 Millionen Mopeds der Marke Simson wurden in Suhl produziert, die SR1, die Schwalbe und die S51 sind für viele Liebhaber bis heute Kult.

Die Mopeds und Kleinroller konnten schon mit 15 Jahren gefahren werden und bedeuteten damit für Generationen von Jugendlichen individuelle Bewegungsfreiheit. Sie waren und sind robust und leicht zu reparieren und erfreuen sich bis heute einer großen Fangemeinde.

Als sich die Familie Simson nach dem Ende der DDR darum bewarb, in einem Firmenteil Jagdwaffen produzieren zu können, kam sie nicht zum Zug. Bereits 1993 ging die Waffensparte unter dem neuen Eigentümer insolvent. Mit dem Ende der Produktion von Mopeds, Motorrollern und anderen Fahrzeugen endete die Firmentradition in Suhl 2002. Aber Ersatzteile für die Kultfahrzeuge werden bis heute in Meiningen hergestellt, sodass mehrere hunderttausend Simson-Mopeds auf den Straßen unterwegs sind.

Zum Weiterlesen: Ulrike Schulz, Simson. Vom unwahrscheinlichen Überleben eines Unternehmens 1856 – 1993, Göttingen 2013, E-Book

Hintergrund IV: Wie mit der Geschichte umgehen?

Die Geschichte von Simson hat viele Schichten, die exemplarisch für ganz unterschiedliche Dimensionen der deutschen Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte sind: Die unternehmerische Leistung einer jüdischen Familie nach der endlich erreichten rechtlichen und sozialen Gleichstellung Ende des 19. Jahrhunderts, die Verfolgung, Beraubung und Vertreibung dieser jüdischen Familie im Nationalsozialismus in der Mitte des 20. Jahrhunderts und die fehlende Wiedergutmachung in der DDR. Mit der Monopolstellung des Nachfolgeunternehmens bei der Produktion motorisierter Zweiräder in der DDR und der Herstellung von robusten und langlebigen Kultfahrzeugen begann eine neue Geschichte, die durch den legendären Namen „Simson“ mit der jüdischen Gründerfamilie verbunden sind. Wie schon bei der Firmengründung, die 1856 nur möglich war, weil alle Juden in Preußen endlich die individuelle Freiheit der Wahl ihres Wohnortes und der Wahl ihres Gewerbes hatten, war der Name Simson wieder – nun in ganz anderen Zeiten - mit individueller Freiheit verbunden. Nun waren es Simson-Mopeds und -Motorroller, die eine gerade für junge Menschen so wichtige Bewegungsfreiheit ermöglichten.

2025 nutzte Björn Höcke, Chef der Thüringer AfD und ihrer Landtagsfraktion, den Kult um Simson-Mopeds erstmals in seinem Wahlkampf. Gleichzeitig beantragte seine Fraktion, das Engagement um die Simson-Kleinkrafträder zum immateriellen Kulturerbe erklären zu lassen. Björn Höcke und die AfD usurpieren damit das mit den Simson-Mopeds verbundene Freiheitsgefühl. Sie machen es zum Symbol ihrer Politik, die sich gerade gegen Freiheit und Vielfalt richtet.

Anfang 2026 wandten sich die Nachkommen der Familie Simson in den USA an die bundesdeutsche Öffentlichkeit, nachdem sie von den Bestrebungen in der AfD erfahren hatten „Wir empfinden jegliche Verbindung mit der AfD als abstoßend und als eine Beleidigung unseres Namens“, teilte der Sprecher der Familie Dennis A. Baum in New York mit. Als Großneffe des von den Nationalsozialisten enteigneten und vertriebenen Arthur Simson zählt er zur fünften Generation.

Seit 2022 schickt die Jüdische Landesgemeinde Thüringen im Projekt „Tacheles mit Simson“ einen zum Infomobil umgebauten Bauwagen zu Schulen und auf öffentliche Plätze vor allem im ländlichen Raum Thüringens, um über jüdische Kultur und Geschichte in Thüringen zu informieren. Projektleiter Johannes Gräßer sagt: „Wir wollen dem Aufkommen von Antisemitismus durch Bildung vorbeugen. Das Vermitteln von Wissen über die Vielfalt und Komplexität des Judentums hilft, Vorurteile abzubauen und Verständnis zu schaffen“.

Video über die „Tacheles mit Simson-Tour“ 2024: https://www.youtube.com/watch?v=x4AD8DxD9Ds