Die Geschichte der jüdischen Familie Simson – unternehmerische Leistung, Vertreibung, Selbstbehauptung
Viel mehr als Kult: Die Geschichte der jüdischen Unternehmerfamilie Simson
1856 stiegen die Brüder Moses und Loeb Simson mit ihrem ersten gemeinsamen Unternehmen in das traditionsreiche Suhler Waffengewerbe ein. Erst rund zehn Jahre zuvor war Juden in Preußen die freie Wahl des Wohnortes und die uneingeschränkte Gewerbetätigkeit erlaubt worden. In der zweiten Familiengeneration entwickelte sich Simson & Co. durch preußische und sächsische Heeresaufträge zu einem Großbetrieb und wurde zum größten Arbeitgeber vor Ort.
Im Zuge des Versailler Vertrags von 1919, der Deutschland eine weitreichende Abrüstung auferlegte, wurden die Simsonwerke zum alleinigen Ausrüster der Reichswehr für Handfeuerwaffen bestimmt. Als Fritz Sauckel 1927 von Adolf Hitler zum Gauleiter der NSDAP in Thüringen ernannt wurde, startete er sofort eine rufschädigende Verleumdungskampagne gegen die Geschäftsleitung.
Im Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 schrieb er als Thüringer Reichstatthalter an Adolf Hitler: „Im Verfolg der nationalen Revolution gelang es, diese, zu jeder Korruption bereiten Juden, aus dem Geschäftsbetrieb weitgehend auszuschalten.“ Sauckel benutzte das jahrhundertealte antisemitische Vorurteil, Juden seien korrupt, um sich das Unternehmen selbst anzueignen. Nach der entschädigungslosen Enteignung 1935 gründete er mit dem Betriebsvermögen die zur NSDAP gehörende und von ihm selbst geleitete Wilhelm-Gustloff-Stiftung. Der Name „Simson“ wurde getilgt, in den Gustloff-Werken - Waffenwerk Suhl wurden vor allem Kriegswaffen produziert.
Geschäftsführer Alfred Simson floh nach Gestapohaft in die Schweiz und wanderte 1937 in die USA aus. Er wurde ausgebürgert, sein gesamtes Vermögen zog der Staat sein. Als das Werk nach 1945 erst Sowjetische Aktiengesellschaft und dann Volkseigener Betrieb wurde, spielten die Rechte der enteigneten Vorbesitzer keine Rolle. Nun wurde Simson zum größten deutschen Hersteller von motorisierten Zweirädern mit insgesamt knapp 6 Millionen Stück. Mopeds der Marke Simson wie die SR1, die Schwalbe und die S51 sind für viele Liebhaber bis heute Kult. Nach dem Ende der DDR ging die Waffensparte unter dem neuen Eigentümer 1993 insolvent. Mit dem Aus für die Fahrzeugproduktion 2002 endete die Firmentradition in Suhl.
Seit 2022 schickt die Jüdische Landesgemeinde Thüringen im Projekt „Tacheles mit Simson“ einen zum Infomobil umgebauten Bauwagen zu Schulen und auf öffentliche Plätze in Thüringen, um über jüdische Kultur und Geschichte in Thüringen zu informieren. Projektleiter Johannes Gräßer sagt: „Wir wollen dem Aufkommen von Antisemitismus durch Bildung vorbeugen. Das Vermitteln von Wissen über die Vielfalt und Komplexität des Judentums hilft, Vorurteile abzubauen und Verständnis zu schaffen“.
Diese Veranstaltung im Erinnerungsort Topf & Söhne ist Teil der Veranstaltungsreihe Viel mehr als Kult: Die Geschichte der jüdischen Unternehmerfamilie Simson in Erfurt und Suhl.
Eine Übersicht über alle Veranstaltungen finden Sie auf folgendem Flyer.
Flyer 2. – 5. Juli 2026
Herausgeber: Stadtverwaltung Erfurt
Veranstaltungen in Erfurt und Suhl am 2., 3. und 5. Juli 2026 mit Dennis A. Baum, Angehöriger der Familie Simson in fünfter Generation