Einweihung der Gedenkstele für Gert Schramm, Schwarzer Überlebender des KZ Buchenwald, anlässlich seines 10. Todestages
Gert Schramm war es wichtig, »dass junge Menschen begreifen, was für ein Wert es ist, keiner Willkür ausgesetzt zu sein«.
Gert Schramm wurde am 25. November 1928 in Erfurt geboren und verbrachte seine ersten Lebensjahre im Haus Nettelbeckufer 15, wo sein Großvater eine Schneiderei betrieb. Dort hatte seine Mutter Marianne seinen Vater Jack Brankson kennengelernt, einen afroamerikanischen Ingenieur aus Kalifornien, der zwei Jahre in Erfurt eine Eisenbahnbrücke baute.
Nach ihrer Machtübernahme 1933 steigerten die Nationalsozialisten Antisemitismus und Rassismus in der Gesellschaft zu staatlicher Verfolgung und Vernichtung. In der Schule wurde Gert von seinem nationalsozialistisch eingestellten Lehrer immer wieder gedemütigt und ausgegrenzt. Er brach schließlich die schulische Ausbildung ab und begann, in einer Autowerkstatt in Langensalza zu arbeiten.
Am 6. Mai 1943 kam Gert mit nur 14 Jahren in „Schutzhaft". Zwei Gestapo-Männer nahmen ihn an seinem Arbeitsplatz fest und brachten ihn auf die Polizeiwache. Von dort wurde er in das Polizeigefängnis auf dem Petersberg gebracht – er blieb dort für fünf Monate in Einzelhaft, ohne zu wissen, warum.
Im Juli 1944 wurde Gert Schramm in das KZ Buchenwald verschleppt und musste dort schwere Zwangsarbeit im Steinbruch leisten.
Sein Vater wurde 1943 bei einem Besuch in Deutschland verhaftet und im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Gert Schramm wurde im Alter von 16 Jahren am 11. April 1945 in Buchenwald befreit. 2011 veröffentlichte er über seine Geschichte das Buch Wer hat Angst vorm schwarzen Mann. Mein Leben in Deutschland, damit Jugendliche aus der Vergangenheit lernen können. Ihm war es wichtig, „dass junge Menschen begreifen, was für ein Wert es ist, keiner Willkür ausgesetzt zu sein". 2014 wurde er für sein Engagement gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Er starb am 18. April 2016 in Eberswalde.
In der Online-Ausstellung Verfolgung von Jugendlichen im NS wird sein Schicksal erzählt, er selbst kommt in Videosequenzen zu Wort: https://t1p.de/Gert-Schramm
2020 gingen die Initiativen Decolonize Erfurt und Schwarze Menschen in Deutschland mit der Forderung an die Erfurter Öffentlichkeit, das Nettelbeckufer in Gert-Schramm-Ufer umzubenennen. Sie argumentierten, dass Joachim Nettelbeck (1738 –1824) aufgrund seiner Rolle im transatlantischen Sklavenhandel nicht länger mit einem Straßennamen geehrt werden solle und schlugen vor, das Ufer dem in dieser Straße geborenen Buchenwald-Überlebenden
Gert Schramm zu widmen. Es entstand eine intensive und kontroverse öffentliche Debatte. Im Ergebnis behielt das Ufer seinen Namen, doch die Debatte hat die Erinnerungskultur in der Stadt verändert. Mit der Umbenennung der angrenzenden Karlstraße in Gert-Schramm-Straße wurde in Erfurt erstmals ein Schwarzer Deutscher mit einem Straßennamen geehrt.
Gleichzeitig wurden wissenschaftliche Erkenntnisse über die Rolle von Joachim Nettelbeck im transatlantischen Sklavenhandel erarbeitet. Es trafen Argumente zum Umgang mit seiner Geschichte aufeinander, in denen unterschiedliche Haltungen deutlich wurden, die über den konkreten Fall hinausgehen. Ein offenes digitales Archiv auf der Webseite des Erinnerungsortes Topf & Söhne dokumentiert diesen erinnerungskulturellen Diskurs mit Beiträgen aus der Wissenschaft, Publikationen der Initiativen, Wortmeldungen
von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und der Presseberichterstattung: www.topfundsoehne.de/ts153178
Eine Veranstaltung der Landeshauptstadt Erfurt