83 Jahre nach der Deportation der Sinti und Roma aus Erfurt nach Auschwitz-Birkenau
Die Führung nimmt die Mittäterschaft von Topf & Söhne am Völkermord an Sinti und Roma in den Blick
Bereits vor 1933 waren die im Deutschen Reich lebenden Sinti und Roma gesellschaftlich diskriminiert und durch staatliche Verordnungen in ihren Freiheitsrechten beschränkt. Mit der Durchsetzung des Nationalsozialismus radikalisierte sich die staaliche Repression zur rassistischen Verfolgung. Gezielt wurden Sinti und Roma aus dem öffentlichen Leben gedrängt und ab Mitte der 1930er Jahre in Zwangslagern festgehalten. Vom nationalsozialistischen Programm der Zwangssterilisation waren sie im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung weitaus häufiger betroffen. Ab Dezember 1938 wurden die im Deutschen Reich lebenden Sinti und Roma systematisch kriminalpolizeilich erfasst und den menschenverachtenden „rassenbiologischen“ Untersuchungen der sogenannten „Rassenbiologischen Forschungsstelle“ ausgesetzt. Ziel dieser Untersuchungen war, die angebliche „Rassenzugehörigkeit“ der Betroffenen zu bestimmen, um ihnen dadurch eine vermeintlich biologisch begegründete „kriminelle Veranlagung“ nachzuweisen.
Nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 planten die Nationalsozialisten, alle im Reich lebenden Sinti und Roma in Zwangsarbeitslager im besetzten Polen zu deportieren. Erste Deportationen fanden 1940 statt. Am 16. Dezember 1942 befahl Heinrich Himmler die Deportation aller Sinti- und Roma-Familien aus Deutschland nach Auschwitz-Birkenau. Ab Februar 1943 wurden 23.000 Menschen überwiegend aus dem Reichsgebiet in das Vernichtungslager verschleppt, ein Drittel von ihnen unter 14 Jahren. In Erfurt deportierte die Kriminalpolizei am 2. oder 3. März 1943 Sinti und Roma, die sie vermutlich seit Ende 1939 in einem Zwangslager am Rasenrain festgehalten hatte, vom benachbarten Nordbahnhof nach Birkenau.
Im von der SS in Birkenau eigens eingerichteten Sonderabschnitt, dem sog. „Zigeunerfamilienlager“, herrschten katastrophale Bedingungen. 70 Prozent der Häftlinge starben in kurzer Zeit an Hunger, Krankheiten, durch Misshandlungen und medizinische Experimente. Am 16. Mai 1944 konnten die Menschen in einer einmaligen Widerstandsaktion ihre geplante Ermordung zunächst abwenden, nachdem sie sich mit Steinen und Werkzeugen bewaffnet in den Baracken verbarrikadiert hatten. In den folgenden Monaten wurden 3.000 von ihnen als „arbeitsfähig“ eingestuft und zur Zwangsarbeit in andere Konzentrationslager gebracht. Die zurückgebliebenen fast 3.000 Frauen, Kinder, Kranken und Alten wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in den Gaskammern ermordet.
Von den erfassten rund 40.000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden über 25.000 um ihr Leben gebracht. Die Forschung konnte die Zahl von 220.000 in ganz Europa von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma nachweisen. Da die Erkenntnisse zu den Opfern in der besetzten Sowjetunion sehr lückenhaft sind, wird die Zahl der Todesopfer insgesamt auf bis zu 500.000 Sinti und Roma geschätzt.
Die thematische Führung durch die Dauerausstellung Techniker der »Endlösung« nimmt die Mittäterschaft der Firma J.A. Topf & Söhne beim Völkermord an Sinti und Roma im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in den Blick. Das Erfurter Unternehmen stellte der SS leistungsstarke Öfen für die Beseitigung der Leichen zur Verfügung und zögerte nicht, technische Lösungen zur »Optimierung« des Mordens in den Gaskammern des Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zu liefern.