Wie erinnern? Zwei Perspektiven auf Auschwitz und Buchenwald
Zwei Perspektiven, eine Frage: Warum und wie erinnern an eine Geschichte, die mehrere Generationen zurückliegt und gleichzeitig – blickt man auf die Kontinuitäten und das starke Anwachsen von Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus heute – nie wirklich vergangen und für viele Menschen zunehmend bedrohlich aktuell ist?
Persönliche Reflexionen über Erlebtes und Erlittenes hat uns die Auschwitz- und Buchenwald-Überlebende Éva Fahidi-Pusztai (1925-2023) hinterlassen. Sie hatte keine Wahl, ob sie sich erinnern will: „Wenn man Auschwitz überlebt hat, kann man nie mehr davon loskommen, das ist in deinen Knochen, in deinen Haaren, in deinem Nacken. Überall.“
Die Bilder, Beschreibungen und ihre Stimme nehmen uns mit in ihren Alltag und zeigen die faszinierende Frau in Momenten voller Würde, Kraft und trotzigem Selbstbewusstsein. Sie sind auch ein Zugang zur zerbrechlichen Seele eines Menschen, der 59 Jahre lang nicht über das reden konnte, was sie "meinen Holocaust" nennt.
49 ihrer Verwandten wurden nach der deutschen Besetzung Ungarns in Auschwitz-Birkenau ermordet, darunter ihre Eltern und ihre 11-jährige Schwester. Sie überlebte als einzige das Vernichtungslager, wurde als „arbeitsfähig“ selektiert und musste Zwangsarbeit im KZ Münchmühle, einem Außenlager von Buchenwald im hessischen Allendorf, leisten.
Neben den Fotos von Norman Hera, die im Sommer 2019 in ihrer Wohnung in Budapest und im verlorenen Ort ihrer Kindheit und Jugend in Debrecen entstanden, sind Texte und Podcasts von Blanka Weber Teil der Ausstellung. Dort hören die Gäste Éva Fahidi-Pusztai über die Kindheit in Debrecen, das heimische Essen und den großen Hunger im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau sprechen. Sie denkt über Fragen nach wie: Was ist Lebensglück? Wie kann man mit Traumata umgehen? Was ist Hoffnung? Wie schafft man es, optimistisch zu bleiben? Sie berichtet darüber, wie es war, als Nebenklägerin im Lüneburger Prozess gegen den ehemaligen SS-Freiwilligen Oskar Gröning aufzutreten? Und sie antwortet auf die Frage: Warum braucht der Mensch Musik und Tanz?
Éva Fahidi-Pusztai verstarb 2023 im Alter von 97 Jahren in Budapest. Ihr Lebensgefährte Andor Andrási und ihre Wegbegleiterin Zsuzsanna Iványi erinnern sich in der Ausstellung daran, welche Beziehung Éva Fahidi-Pusztai zum Erinnerungsort Topf & Söhne hatte.
Nüchtern bis ins letzte Detail rekonstruierte dagegen der Bauzeichner Peter Siebers Gestalt und Funktion die Orte des Terrors und des Massenmords im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und im Konzentrationslager Buchenwald. In den Ruinen von Auschwitz-Birkenau entschied er, die Struktur des Lagers und aller Gebäude maßstabsgetreu in Lageplänen, Grundrissen, Ansichten und Perspektiven abzubilden. Seit Jahrzehnten stellt er seine berufliche Kompetenz als Bauzeichner in den Dienst der Erinnerung.
Eine Auswahl seiner Zeichnungen wird im zweiten Teil der Ausstellung auf Zeichentischen präsentiert, die den Arbeitsplätzen in den Zeichensälen von J. A. Topf & Söhne nachempfunden sind. Präsentiert werden Lagepläne, Grundrisse, Ansichten und Perspektiven. Die Legenden, die notgedrungen die Bezeichnungen der SS verwenden, weisen auf die Funktionalität hin. Den Zeichnungen sind Texte der Historikerin Annegret Schüle über das Geschehen an den gezeigten Orten zur Seite gestellt.
Auch wenn Täterakten und Häftlingsberichte viele Verbrechen verorten, lassen sie dabei Lücken. Um die Struktur und jedes Gebäude bis ins letzte Detail nachvollziehbar zu machen, maß Peter Siebers das gesamte ehemalige Vernichtungslager auf und rekonstruierte es zeichnerisch mit seinen Gebäuden, Wachtürmen, Toren, Rampen, Gleisanlagen, Gaskammern und Krematorien.
Die Zeichnungen „zeigen Auschwitz nicht als Mythos, zu dem es mit zunehmendem Abstand immer mehr zu werden droht, sondern als realen Ort. Von Menschen gemacht. Was dort geschah, kann sich jederzeit wiederholen – wenn vielleicht auch nicht in dieser diabolischen Konsequenz wie seinerzeit unter den Nationalsozialisten“, schreibt die Jüdische Allgemeine. Prof. Dr. Robert Jan van Pelt, kanadischer Architekturhistoriker und Experte für die Baugeschichte von Auschwitz, sagt über die Arbeit von Peter Siebers: „Jede professionelle visuelle Präsentation von Auschwitz, die verschiedene architektonische Maßstäbe nutzt, hilft dabei, Geschichte – wörtlich – im Boden zu verankern, zu zeigen, dass sie tatsächlich an einem konkreten Ort stattgefunden hat,“
Teil der Ausstellung ist auch ein kleiner Kinoraum, in dem der Dokumentarfilm „Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“ aus der Reihe Terra X History des ZDF (31 min.) gezeigt wird. Das Familienunternehmen J. A. Topf & Söhne stattete die Krematorien in Buchenwald und im Stammlager Auschwitz sowie die vier großen Krematorien in Auschwitz-Birkenau mit Leichenverbrennungsöfen aus und ermöglichte den kontinuierlichen Betrieb der dortigen Gaskeller durch Be- und Entlüftungsanlagen. Die Unternehmer und Techniker aus Erfurt beteiligten sich ohne Zwang, wissentlich und initiativreich am größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte.
Die filmische Dokumentation geht an die historischen Orte: Das ehemalige Firmengelände in Erfurt, heute der Erinnerungsort Topf & Söhne, und der ehemalige Lagerkomplex Auschwitz, heute das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau. Historikerin Annegret Schüle, Leiterin des Erinnerungsortes Topf & Söhne, und Historiker Igor Bartosik, leitender Kurator im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau, erläutern die Geschichte.
Anfang Mai 2026 online gestellt, haben seitdem rund 900.000 Menschen den Film aufgerufen. In einem der über 1.500 Kommentare heißt es: „Es zeigt, dass der Holocaust nicht nur ein Verbrechen von Fanatikern war, sondern auch von Menschen, die ihre Arbeit über ihre Menschlichkeit stellten. Diese Erkenntnis trifft hart und sie macht deutlich, warum Erinnerung so wichtig bleibt.“
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Herausgeber: Erinnerungsort Topf & Söhne
Programmheft des Erinnerungsortes Topf & Söhne von Oktober 2026 bis April 2027