Kathrin Hoyer: Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung "Industrie und Holocaust" im Stadtmuseum am Markt in Wiesbaden

07.08.2018 19:00

"In Erfurt wurden die Hauptkapitel dieser Geschichte, die in ihrer Unmenschlichkeit und Ignoranz irritierender nicht sein könnte, geschrieben. In Wiesbaden begann der Epilog."

Kathrin Hoyer, Beigeordnete für Umwelt, Kultur und Sport der Landeshauptstadt Erfurt

Frau spricht hinter Rednerpult
Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Gerich,
sehr geehrte Frau Museumsdirektorin Philipp,
sehr geehrte Frau Dr. Schüle, Kuratorin der Ausstellung,
sehr geehrte Frau Schubert, Pädagogin am Erinnerungsort Topf & Söhne,
sehr geehrte Damen und Herren,

Sie sehen hier in der Ausstellung Firmendokumente aus Erfurt, die auf den ersten Blick alltäglich sind: Geschäftsbriefe, Telefonnotizen, Arbeitszeitnachweise und Pläne. Es geht um technische Anlagen, die konstruiert, produziert, geliefert und in Betrieb genommen wurden. Das zutiefst Verstörende ist: Diese Anlagen brachten keinen technischen Fortschritt, verbesserten nicht das Leben der Menschen, wie es Ingenieurskunst eigentlich anstrebt. Die in Erfurt entwickelten Anlagen dienten allein der Vernichtung von Menschen und der Beseitigung der Spuren dieses Großverbrechens.

Von Erfurt aus schickte Topf & Söhne die Einzelteile der extra für die Leichenverbrennung in den Konzentrationslagern entwickelten Öfen nach Buchenwald, Dachau, Auschwitz, Mauthausen, Gusen und Groß-Rosen. Von Erfurt aus wurden die Gaskammern im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mit Be- und Entlüftungsanlagen ausgestattet. Und von Erfurt aus reisten die Ingenieure und Monteure in die Lager, um vor Ort den Aufbau der Öfen durch die Häftlinge zu überwachen und mit "Probeverbrennungen" und "Probevergasungen" ihre Anlagen zu testen und zu optimieren.

In Erfurt wurden die Hauptkapitel dieser Geschichte, die in ihrer Unmenschlichkeit und Ignoranz irritierender nicht sein könnte, geschrieben. In Wiesbaden begann der Epilog, der 1963 im nahegelegenen Mainz mit der Auflösung der Firma endete. In Wiesbaden ließ Ernst Wolfgang Topf die Firma J. A. Topf & Söhne am 16. August 1951 ausdrücklich als 1935 gegründete und von Erfurt nach Wiesbaden verlegte Kommanditgesellschaft in das Handelsregister eintragen, nachdem sie in Erfurt aufgrund der Verstaatlichung gelöscht worden war.

Als Stadt Erfurt ist es uns nicht leichtgefallen, uns diesem historischen Erbe angemessen zu stellen. Es ist leichter, stolz auf die Geschichte seiner Region oder seines Landes sein zu können, als sich einzugestehen, dass sich ein renommiertes und weltweit erfolgreiches Unternehmen aus der eigenen Stadt in eine Geschäftspartnerschaft mit der SS begab und zum Helfer am Völkermord wurde.

Aber diese Taten sind evident, und wir zeigen seit über sieben Jahren im ehemaligen Verwaltungsgebäude von Topf & Söhne, wie hier Verbrechen industriell unterstützt worden sind. Dies tun wir nicht nur mit Hilfe unserer Dauerausstellung, sondern auch durch ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm und eine hervorragende Gedenkstättenpädagogik.

Unsere internationale Wanderausstellung "Industrie und Holocaust: Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz" wurde im März letzten Jahres in einer polnisch-englischen Version in der Gedenkstätte Auschwitz eröffnet und dort bis Oktober von 30.000 Menschen besucht. Danach war die Ausstellung in einer deutsch-englischen Version im Rathaus der Stadt Mainz zu sehen und nun wird diese Ausstellung bis zum 27. Januar 2019, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, hier im Stadtmuseum gezeigt. Begleitet wird sie von zahlreichen Veranstaltungen mit vielen Partnern sowie Führungen und Workshops für Schulklassen.

Ich danke der Landeshauptstadt Wiesbaden und allen Beteiligten für ihre Bereitschaft, diesen wichtigen Beitrag zu einer internationalen Erinnerungskultur nun hier zu präsentieren und wünsche der Ausstellung viele nachdenkliche Besucherinnen und Besucher.