Kuea und Tom: FSJ-Halbzeit am Erinnerungsort Topf & Söhne

01.04.2020 12:00

Unsere Freiwilligen berichten 2019/2020: Nach der Hälfte ihres FSJ berichten Kuea und Tom über ihre Erfahrungen rund um die Arbeit am Erinnerungsort Topf & Söhne

Sechs Personen laufen einen Kiesweg entlang.
Foto: Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Kuea: „Durch meine intensive Arbeit am Erinnerungsort konnte ich mein grundlegendes Wissen stark erweitern […].“

Bei meiner Arbeit im Erinnerungsort Topf & Söhne bin ich in unterschiedliche Aufgabenbereiche eingeteilt. Mein bisher größtes Projekt, woran ich seit Beginn meines Freiwilligendienstes arbeite, ist die Ausarbeitung meiner Führungskonzeption. Inzwischen bin ich fast fertig und freue mich darauf, Führungen durch unsere Ausstellung geben zu können. Ansonsten lerne ich allgemein einiges über die Arbeit in einem Büro. Es fallen verschiedene Aufgaben rund um den Erinnerungsort an. Beispielsweise Glühbirnen wechseln, Bestuhlung für Projekte und auch Auf- und Abbau von Ausstellungen. Im Büro bin ich insbesondere für Rechnungen, Aufträge, Dokumentation der Besuchernotizen und die Post zuständig. Ich habe also ein recht großes und vielseitiges Feld an Aufgaben. Da ich immer noch nicht genau weiß, was ich danach machen möchte, ist ein breites Aufgabenfeld förderlich für meinen Entscheidungsprozess.

Ich bin sehr interessiert an der Geschichte des Hauses und hatte bereits vor dem FSJ an einer Führung teilgenommen. Durch meine intensive Arbeit am Erinnerungsort konnte ich mein grundlegendes Wissen stark erweitern und meine ganz persönlichen Schlüsse zur Gesellschaft im Nationalsozialismus ziehen.

Eine Besonderheit des FSJ war, dass ich an einer Exkursion nach Oświęcim in Polen teilgenommen habe. Dort haben wir uns über eine Woche mit dem Konzentrationslager Auschwitz und Auschwitz-Birkenau auseinandergesetzt. Wir waren mehrere Male in der Gedenkstätte und haben uns dort verschiedene Ausstellungen angesehen. Während unseres Aufenthaltes in Polen haben wir Produkte für den Webdialog des Erinnerungsortes entwickelt. Des Weiteren konnten wir mit Jugendlichen aus Polen und der Ukraine ins Gespräch kommen und uns über verschiedenste Aspekte austauschen. Auf Grund der vielfältigen Aspekte dieser Fahrt, war sie eine sehr wertvolle und prägende Erfahrung.

Da ich ohne große Erwartungshaltung an das FSJ herangegangenen bin, wurde sie erfüllt. Ich wollte einen Einblick in die Arbeit hier am Erinnerungsort, welchen ich erlangen konnte. Ich sehe, was alles gemacht werden muss, damit eine (Sonder-)Ausstellung gezeigt werden kann. Von organisatorischen Sachen bis hin zu inhaltlicher Vorbereitung.

Auch persönlich komme ich mit meinem Team sehr gut zurecht. Alle sind hier per Du und freundlich zu einander. Insbesondere mit Tom, der hier ebenfalls das FSJ absolviert, ist die Zusammenarbeit auf freundschaftlicher Basis. Aber ich würde dem Erinnerungsort wünschen, dass es mehr Stellen für Mitarbeiter/-innen gäbe, so dass die vielen Aufgaben von mehr Menschen erledigt werden können.

Mit Tom und der Freiwilligen der Heinrich-Böll-Stiftung haben wir bereits ein Konzept für unser FSJ-Projekt entwickelt. Das Projekt soll ein Workshop-Tag an Schulen in Thüringen sein. Unter dem Titel „Deine Sprache, Unsere Demokratie“ möchten wir auf die aktuelle Verrohung der Sprache aufmerksam machen und die Schüler/-innen sensibilisieren.

Die Bildungsseminare der LKJ haben mir sehr gut gefallen. Man trifft FSJler aus anderen Einsatzstellen. Die Referenten/-innen von der LKJ achten darauf, dass sich alle wohl fühlen und zwischen den Seminareinheiten der Spaß nicht zu kurz kommt. Auch wenn die Arbeit am Erinnerungsort Topf & Söhne meine berufliche Zukunft vermutlich nicht beeinflusst, bringt sie mir auf alle Fälle einen persönlichen Mehrwert für mein zukünftiges Leben.

Wie man vielleicht schon aus meinem Bericht herausliest: Ich bin super zufrieden damit, wie es läuft und freue mich sehr auf den Rest dieses doch spannenden Jahres meines Lebens.

Kuea

Tom: „Die bisher wohl interessanteste Veranstaltung war unser Zeitzeugengespräch […].“

Nach einem sehr angenehmen und unkomplizierten Bewerbungsverfahren absolviere ich seit dem 01. September 2019 mein FSJ-Kultur am Erinnerungsort Topf & Söhne in Erfurt und konnte in der bisherigen Zeit viele neue Erfahrungen sammeln.

Von Beginn an wurde ich sehr gut in das Team aufgenommen. Innerhalb kürzester Zeit konnte ich viele neue Kontakte rund um den Erinnerungsort knüpfen. Da die Arbeit im Erinnerungsort meine erste richtige Berufserfahrung darstellt, war die Anfangszeit von einigen Umstellungen geprägt. Mein Vorgänger Bruno hat mir dabei sehr geholfen, indem er während meiner ersten Woche und auch später anwesend war und mir bei Fragen oder Problemen zur Seite stand. Meine Arbeitszuteilung umfasst die Bearbeitung der Führungs- und Projektanfragen, die Bestellung von Büchern für unsere Bibliothek und für Büchertische während der vielen Veranstaltungen, das Pflegen der Besucherstatistik und des E-Mail-Verteilers. Dazu kommen unregelmäßige Aufgaben, wie Zuarbeiten für unsere Pädagogin oder Leiterin sowie die Vor-/Nachbereitung von Projekten und Veranstaltungen. Bei Veranstaltungen bin ich vornehmlich für die Technik verantwortlich. Auch wenn es ab und zu stressige Phasen gibt, erfülle ich alle Aufgaben gerne. Im Laufe dieser Zeit wurde mir immer mehr Verantwortung zugeteilt und meine Arbeit wurde immer selbstständiger.

Im Oktober hatte ich die Chance an einer trilateralen Jugendbegegnung in Oświęcim (Polen) teilzunehmen. Auf dieser Fahrt beschäftigten wir uns intensiv mit der Geschichte rund um Auschwitz und hatten die Möglichkeit, uns mit Jugendlichen aus Polen und der Ukraine über die Erinnerungskultur in ihren Ländern auszutauschen. Hierbei entstanden Kurzfilme und Artikel, welche auf unserer Website veröffentlicht sind. Neben der ernsten Thematik der Fahrt gab es auch viele Möglichkeiten, mit den Jugendlichen aus Polen und der Ukraine ins Gespräch zu kommen. Zusammenfassend war die Fahrt für mich eines der Highlights während meines bisherigen FSJ und nicht nur im Rahmen meiner Arbeit am Erinnerungsort, sondern auch persönlich hat sie mich sehr geprägt.

In der folgenden Zeit fanden viele verschiedene Veranstaltungen bei uns im Erinnerungsort statt, wodurch ich viel Neues lernen konnte. Die bisher wohl interessanteste Veranstaltung war unser Zeitzeugengespräch am 28. Januar 2020. Nachdem wir am Vortag bereits im Landtag an der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus teilnehmen durften, begrüßten wir die Zeitzeugen/-innen Éva Pusztai-Fahidi, Heinrich Rotmensch und Günter Pappenheim in unserem Erinnerungsort. Éva begleitet den Erinnerungsort schon seit einigen Jahren und ist stark mit ihm verbunden. Sie kam bereits etwas früher, um ihrem Lebenspartner unsere Ausstellung zu zeigen. So bestand ebenfalls die Möglichkeit, persönlich mit ihr ins Gespräch zu kommen, was eine sehr große Erfahrung war. Die abendliche Veranstaltung war komplett ausgebucht und jeder Platz im Veranstaltungssaal war belegt. Über den Zeitraum von eineinhalb Stunden erzählten die drei von ihren Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs, aber auch wie sie vor und nach dem Krieg lebten. Zum Ende war noch Zeit für Fragen aus dem Publikum. Nach der Veranstaltung, auf dem Weg zum Wagen des Landtags, hatte ich die Möglichkeit, wenn auch nur kurz, mit Heinrich Rotmensch ins Gespräch zu kommen. Seine Berichte über die Folter und Gräueltaten bedrücken einen sehr.

Zwischen den ganzen Veranstaltungen und alltäglichen Büroaufgaben, planen wir aktuell zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung ein gemeinsames FSJ-Projekt. Bei diesem Projekt, soll es sich um einen Workshop handeln, der sich um das Thema Verrohung der Sprache dreht. Mit Hilfe von Kleingruppenarbeiten möchten wir Schüler/-innen rund um das 16. Lebensjahr Beispiele aufzeigen, wie sich die Sprache in den letzten Jahren verändert hat und was dies für Auswirkungen hat. Ebenfalls möchten wir ihnen so Möglichkeiten für politisches Engagement, zum Beispiel im Rahmen eines Freiwilligendienstes aufzeigen.

Seitens der Trägerorganisation, der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (LKJ) finden regelmäßig Seminare und Bildungstage statt. Insbesondere durch die Seminare kommt man mit Freiwilligen aus ganz Thüringen und aus den verschiedensten Bereichen in Kontakt. Unter einem Hauptthema finden während der Seminare diverse Workshops statt, welche von den Freiwilligen mit gestaltet werden können. In Zusammenhang mit den Inhalten bilden die Seminare somit eine große Bereicherung für das FSJ Kultur.

Auch wenn ich meine berufliche Zukunft nicht im kulturellen Bereich verwirklichen werde, hat das FSJ Kultur bereits jetzt meinen Horizont stark erweitert und stellt einen großen Mehrwert für meine zukünftige Lebensgestaltung dar.

Tom