Annegret Schüle: Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Un-er-setz-bar"

01.06.2012 17:00

"Absichtsvoll richten wir damit die Aufmerksamkeit auf jene, um deren Schicksal es im Kern in diesem Lernort zur Mittäterschaft der Industrie am Holocaust geht…"

Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes Topf & Söhne

Farbfoto, Frau steht hinter einem Rednerpult am Mikrofon
Foto: Dr. Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes Topf & Söhne Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Dirk Urban

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Prof. Thomas Deufel,
sehr geehrter Herr Kulturdirektor Knoblich,
lieber Prof. Reinhard Schramm,
liebe Schülerinnen und Schüler des Königin Luise Gymnasiums,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde des Erinnerungsortes,

für mein Team und mich ist dieser Abend ein besonderer Höhepunkt. Wir eröffnen heute unsere erste eigene Sonderausstellung: „Unersetzbar. Begegnung mit Überlebenden“. Absichtsvoll richten wir damit die Aufmerksamkeit auf jene, um deren Schicksal es im Kern in diesem Lernort zur Mittäterschaft der Industrie am Holocaust geht: Die Millionen Menschen, die von den Nationalsozialisten um ihr Eigentum, ihre Rechte, um ihr Leben gebracht wurden.

Es macht das Verbrechen an der Mitmenschlichkeit, die in diesem Haus geschah, noch irritierender, dass es den Unternehmern und Technikern von Topf & Söhne im Grunde gleichgültig war, wer in den von ihnen be- und entlüfteten Gaskammern ermordet wurde und wer in den von ihnen konstruierten und verkauften Öfen verbrannt wurde.

Gerade deshalb zeigen wir in dieser Ausstellung fünf Biographien, fünf individuelle und ganz unterschiedliche Schicksale, die als gemeinsame Erfahrung Verfolgung, Beraubung und Vernichtung, aber auch Widerstand, Solidarität und Rettung bezeugen. Sie begegnen in unserer Ausstellung einer deutschen und einer ungarischen Jüdin, die Auschwitz überlebten; dem Sohn eines ermordeten Sozialisten und selbst Häftling im KZ Buchenwald; einer Sintiza, die ihre Eltern verlor und zum ersten Mal ihre Geschichte erzählt; einem deutschen Juden, der als Kleinkind im Versteck überlebte. Als wir uns intensiv mit ihrem Leben und dem Schicksal ihrer Familien beschäftigten, wurden wir mit vielen Methoden des Quälens und Mordens, mit unterschiedlichen Tätern und Tatorten konfrontiert. Die berührenden und verstörenden Erfahrungen sind viel mehr als Einzelschicksale. Sie stehen exemplarisch für verschiedene Dimensionen der nationalsozialistischen Vernichtung und sind deshalb so wertvoll für einen lebendigen Zugang der nachgeborenen Generationen, insbesondere der Jugend, zur Geschichte des Nationalsozialismus. […]

Nach der Eröffnung des Erinnerungsortes Topf & Söhne vor 16 Monaten fragte mich ein Journalist, ob Erfurt nun einen weiteren Schatz habe, neben dem in der Alten Synagoge gezeigten Gold- und Silberfund aus dem Mittelalter. Ich verneinte, weil die Geschichte dieses Ortes, die mit dem größten Menschheitsverbrechen verbunden ist, aus meiner Sicht eine solche positive Konnotation verbietet. Was der Journalist meinte und worin ich zustimme, ist die Bereicherung, die in der besonderen Sensibilisierung hier am historischen Ort für die unbedingte Achtung der Menschenwürde und der Menschenrechte liegt.

Heute würde ich ihm auch noch eine andere Antwort geben. Mit der Ausstellung, die wir an diesem Abend eröffnen, haben wir tatsächlich einen Schatz im Haus, das Zeugnis von fünf wundervollen und starken Menschen, die aus dem unermesslichen Verlust ihrer Familienangehörigen und ihrem eigenen Leidensweg die Konsequenz gezogen haben, ihre Stimme für Demokratie und Menschlichkeit, gegen Rassismus und Rechtsextremismus zu erheben.

Ich danke Esther Bejarano, Éva Pustzai, Günter Pappenheim, Waltraud Reinhardt und Reinhard Schramm für dieses Geschenk.

Dank an:

Sophie Eckenstaler. Sie hat alle Interviews geführt, sich intensiv mit den Lebensgeschichten befasst und die Ausstellung mit mir erarbeitet.

Jannik Eckenstaler. Er hat die Kamera geführt, die Interviews geschnitten und für die Medienstationen aufbereitet.

Rebekka Schubert: Sie hat das Schüler-Radioprojekt gemeinsam mit Andreas Kubitza von Radio Frei betreut.

Prof. Fleischmann: Er hat die Ausstellung gestaltet.

Annika Maier, Stefan Wilbricht, Andreas Kubitza, Boris Hajdukowic, Jeffrey Ludwig, die Kollegen vom Stadtmuseum Harald Baum, André Langenfeld und Klaus Meier und an die vielen anderen Helfer und Unterstützer.

Ich danke den Förderern und Partnern: Dem Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, dem Förderkreis Erinnerungsort Topf & Söhne, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Konrad-Adenauer-Stiftung, Radio F.R.E.I., der Bildungsstadt Erfurt. Lernen vor Ort und der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen.

Danke an die Schülerinnen und Schüler des Königin-Luise-Gymnasiums und ihre Lehrerin Dr. Susanne Reichard. Die Jugendlichen, die von ihrem Radioprojekt mit Überlebenden berichten werden, haben in dieser Eröffnung jetzt das letzte Wort.