Förderkreis Erinnerungsort Topf & Söhne e. V.

Farbfoto, sieben Personen stehen versammelt hinter einem Tisch, auf dem eine beschriftete Fahne liegt sowie unterschiedliche Druckerzeugnisse, ganz links und ganz rechts stehen zwei unterschiedliche Banner und ein Sonnenschirm, dazwischen blaue Luftballons
Foto: Mitglieder des Förderkreises Erinnerungsort Topf & Söhne e. V. mit Benjamin Kochan (links), Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, beim Achava-Straßenfest, 2017 Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Rüdiger Bender

Kontakt

Der Förderkreis Erinnerungsort Topf & Söhne e. V. wird vertreten durch

  • Rüdiger Bender, Vorsitzender
  • Heike Hilpert, Schatzmeisterin
  • Maria Holluba, Schriftführerin
Rüdiger Bender
Vorsitzender
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Sorbenweg 7
99099 Erfurt

Geschichte des Vereins

1994 fand die erste öffentliche Veranstaltung zur Geschichte von Topf & Söhne in Erfurt statt, organisiert vom Europäischen Kulturzentrum Thüringen im Haus Dacheröden. Dort sprach Hartmut Topf, ein Urenkel des Firmengründers. Im Unterschied zu anderen Nachkommen der Familie Topf, die Anfang der 1990er Jahre einen (nicht genehmigten) Antrag auf Rückübertragung der Erfurter Firma gestellt hatten und auch den ehemaligen Grundbesitz der Familie am Hirnzigenweg in Erfurt beanspruchten, trat Hartmut Topf dafür ein, einen etwaigen Gewinn aus dem Altvermögen der Familie an Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung zu zahlen beziehungsweise für die Förderung von Toleranz und Mitmenschlichkeit gegenüber Fremden durch politische Jugendbildung einzusetzen.  

1998 stieß der Berliner Kulturwissenschaftler Eckard Schwarzenberger bei Archivrecherchen auf den Patentantrag der Firma Topf für den „kontinuierlich arbeitenden Leichen-Verbrennungsofen für Massenbetrieb“ und suchte daraufhin das Krematorium der Gedenkstätte Buchenwald und das ehemalige Firmengelände in Erfurt auf. Er realisierte in Erfurt gemeinsam mit dem Europäischen Kulturzentrum, dem DGB-Bildungswerk Thüringen, der Heinrich-Böll-Stiftung und der Evangelischen Akademie Thüringen Veranstaltungen und Projekte. Hartmut Topf unterstützte diese Initiative, die sich ab 1999 als Förderkreis Geschichtsort Topf & Söhne konstituierte und mit Vorträgen renommierter Referenten, Tagungen und Publikationen zum Motor für die Debatte in Erfurt wurde. Viele der Vorträge wurden als Buch veröffentlicht: Aleida Assmann/Frank Hiddemann/Eckhard Schwarzenberger (Hg.): Firma Topf & Söhne – Hersteller der Öfen für Auschwitz. Ein Fabrikgelände als Erinnerungsort?, Frankfurt/New York 2002.  

Der Förderkreis erhob die Forderung nach einem Forschungsprojekt zur Betriebsgeschichte von J. A. Topf & Söhne, die durch den Erfurter Bundestagsabgeordneten Carsten Schneider unterstützt wurde. Er hatte in den 1980er Jahren als Schüler im DDR-Unterrichtsfach „Produktive Arbeit“ den Nachfolgebetrieb VEB EMS kennengelernt, ohne damals etwas von der historischen Rolle des Unternehmens im Nationalsozialismus zu erfahren. Erst als Mitglied des Bundestages wurde er bei einem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz und angesichts der noch existierenden Topf-Öfen im Krematorium des Stammlagers mit der Schuld der Firma aus seiner Heimatstadt konfrontiert.

Ab Anfang 2002 finanzierte der Kulturstaatsbeauftragte des Bundes für zwei Jahre das Forschungsprojekt „Topf & Söhne“ an der Gedenkstätte Buchenwald, das von Dr. Annegret Schüle bearbeitet und zur wissenschaftlichen Grundlage für die national und international viel beachtete Ausstellung „Techniker der ‚Endlösung’. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“ wurde. Der Förderkreis erhob weiter die Forderung, das ehemalige Verwaltungsgebäude der Firma in Erfurt für Ausstellungs- und Dokumentationszwecke sowie pädagogische Angebote zu nutzen, um damit eine dauerhafte Auseinandersetzung am historischen Ort zu ermöglichen.

Mit dem Aufbau des Erinnerungsortes Topf & Söhne am Sorbenweg 7 seit 2008 hat die in den 1990er Jahren einsetzende jahrelange zivilgesellschaftliche, fachliche und politische Debatte zu einem guten Ergebnis geführt. Das Engagement von Menschen, die über Jahre nicht aufgaben und unbeirrt einen historisch fundierten und pädagogisch produktiven Umgang mit dem ehemaligen Firmengelände forderten, erreichte die Zuständigen in der Kommune: die Stadt Erfurt hat mit Unterstützung von Bund und Land einen Geschichts- und Lernort mit Ausstellung und pädagogischen Angeboten geschaffen.

Nun stellt sich der Förderkreis die Aufgabe, den Erinnerungsort durch die Einwerbung von Spenden, die Gewinnung von Kooperationspartnern und durch eigene Veranstaltungen und Projekte zu unterstützen, zu begleiten, zu vernetzen und dauerhaft abzusichern.

Konzeption des Vereins für einen Erinnerungsort

Die Konzeption wurde im Januar 2004 veröffentlicht.

Plädoyer für einen Erinnerungsort Topf & Söhne

An der Bundesstraße nach Weimar, zwischen Sorbenweg und Rudolstädter Straße, befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof die Industriebrache von J.A. Topf & Söhne. Diese Erfurter Firma hat die Krematorien für Auschwitz und andere Konzentrationslager entwickelt, ihre Teile produziert und diese vor Ort montiert. Das zivile Unternehmen stütze das nationalsozialistische Lagersystem, das den millionenfachen Tod von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, sozialrassistisch und religiös Verfolgten, politischen Gegnern, Kriegsgefangenen, Deserteuren und anderen verursachte. Darüber hinaus installierte J.A. Topf & Söhne die Be- und Entlüftungsanlagen in den Gaskammern von Auschwitz. Ohne eine Tätigkeit, wie sie J.A. Topf & Söhne geleistet hat, wäre eine industrielle Vernichtung menschlichen Lebens nicht möglich gewesen. Das Unternehmen leistete eine eigenständige und wesentliche Voraussetzung zur Durchführung des fabrikmäßigen Völkermordes an den Jüdinnen und Juden Europas. 1942 beantragte die Firma das Patent für den "kontinuierlich arbeitenden Leichen-Verbrennungsofen für Massenbetrieb" und bezeichnete den weiteren Bedarf an ihren Entwicklungen als "unvermeidbar". Auch wenn die Geschäftstätigkeit im Bereich Krematoriumsbau im Gesamtumsatz der Firma nur einen relativ kleinen Teil ausmachte, verleihen die katastrophalen Wirkungen der Produkte dieser Tätigkeit ihre außerordentliche historische Bedeutung. Der Förderkreis hält eine aktive Auseinandersetzung mit dieser Geschichte vor Ort für unabdingbar und fordert die Einrichtung eines Erinnerungsortes Topf & Söhne auf dem ehemaligen Firmengelände. Folgende konzeptionelle Überlegungen sollen dafür eine Grundlage bilden.

Akuter Handlungsbedarf

Seit dem Konkurs der Fa. Erfurter Mälzerei und Speicherbau (EMS) im Jahre 1996 liegt das fast Dreißigtausend Quadratmeter umfassende Gelände brach. Alle Versuche, für das historisch gezeichnete Gelände einen Investor zu finden, sind bislang gescheitert. Auch der Vorschlag des Förderkreises, diesen Ort zu erhalten und zu einem Ort der Erinnerung zu machen, ist bislang weder von den politisch Verantwortlichen in der Stadt und der Stadtverwaltung noch von der Thüringer Landesregierung vorangebracht worden. Das Gelände ist nicht gesichert und wird von vielen Kindern der angrenzenden Wohngebiete als "Abenteuerspielplatz" genutzt. Inzwischen sind zahlreiche Gebäude einem rapiden Verfall ausgesetzt. Dies stellt nicht nur ein wachsendes Gefahrenpotential dar, sondern treibt auch den Aufwand für die künftige Sicherung und Sanierung der Originalsubstanz historisch bedeutender Gebäude unnötig in die Höhe. Es besteht also ein dringender Bedarf, über den künftigen Umgang mit dem Gelände nachzudenken und zu handeln. Wer verhindern will, dass die Erinnerung an den Holocaust ausgelöscht wird, muss dafür Sorge tragen, dass die Überreste und Spuren auch ganz wörtlich nicht aus unserem Blickfeld verschwinden. Das Unternehmen J.A. Topf & Söhne und dessen Tätigkeit ist ein bedeutender Teil der neueren Stadtgeschichte. An diesem Ort kann sich Erfurt mit seiner Geschichte auseinandersetzen und zugleich wegweisend für die Erinnerungskultur sein.

Warum ein Erinnerungsort Topf & Söhne?

Die Firma J.A. Topf & Söhne hat Technik für den Holocaust in Erfurt geplant, produziert und verkauft. Die Auseinandersetzung mit der Firmengeschichte wird am authentischen Ort gesucht. In den letzten Jahren hat sich auf dem Feld der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus viel bewegt. Es sind neue Denkmäler und Gedenkstätten entstanden, aber auch weitere Defizite offensichtlich geworden. Ein neuer Gedenkort kann kein Selbstzweck sein, sondern muss sich sinnvoll in den Zusammenhang von Gedenkstätten und den regionalen Kontext der öffentlichen Erinnerungskultur in Erfurt und Thüringen einfügen lassen. Zahlreiche Gedenkstätten sind an den Orten der ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager entstanden. Im Vordergrund stand hier meist das Gedenken und Erinnern an die Opfer.

Orte, an denen Fragen nach Formen und Bedingungen von Täterschaft in den Mittelpunkt rückten, wurden in Deutschland lange Zeit kaum benannt. Dabei wird diese Perspektive nicht nur in den aktuellen Forschungen, sondern auch an neueren Erinnerungsorten immer wichtiger. Zu nennen sind die Topographie des Terrors (1987) und das Haus der Wannseekonferenz in Berlin (1992), die Villa ten Hompel in Münster (1999) und das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg (2001). Diese Orte thematisieren staatliches Handeln. Weiterhin unterbelichtet, in der Forschung wie in den Gedenkstätten, bleibt jedoch die Frage nach der Bedeutung der Wirtschaft und ihrer Akteure innerhalb des nationalsozialistischen Systems - zumal deren Beteiligung am Holocaust. Das Gelände der ehemaligen Fa. J.A. Topf & Söhne in Erfurt bietet sich wie kaum ein anderer Ort in Deutschland als Erinnerungs- und Lernort an, um über die Zusammenarbeit deutscher Unternehmen mit den Nationalsozialisten bei der Realisierung des Völkermordes nachzudenken. Hier lassen sich die Beteiligung der deutschen Industrie am Holocaust und das Mitmachen wie die Mittäterschaft der "ganz normalen" zivilen Deutschen vor Ort beispielhaft veranschaulichen. Die NS-Eliten und insbesondere die SS mit ihren Ingenieuren waren sowohl organisatorisch als auch technisch nicht in der Lage, die "Endlösung" ohne die enge Zusammenarbeit mit Zivilunternehmen durchzuführen.

Nicht nur die Ausgrenzung, die Enteignungen und die Deportationen der Jüdinnen und Juden sowie anderer, die erniedrigt und dann ermordet wurden, fanden inmitten des deutschen Alltages statt. Zum Arbeitsalltag der Deutschen gehörten zugleich die Planung und Entwicklung, die Herstellung und Wartung der Technik zur Ermordung und Beseitigung der Opfer. Die Bedeutung des Firmengeländes lässt sich nicht nur aus der Besonderheit der stattgefundenen Ereignisse ableiten, sondern auch aus ihrer repräsentativen Durchschnittlichkeit und ihrer Nähe zur alltäglichen Lebenswelt. Mit der Markierung dieses Täterortes könnte Erfurt ein wichtiges und richtungweisendes erinnerungspolitisches Zeichen setzen.

Publikationen und Forschungsarbeiten

Nach Veröffentlichungen im "Spiegel" und der Studie von Jean-Claude Pressac ist die Geschichte der Firma J.A. Topf & Söhne in Erfurt international bekannt geworden. 1997 forschte der Kulturwissenschaftler Eckhard Schwarzenberger zur Firmengeschichte Topf & Söhne und gab mit seiner Broschüre zu Möglichkeiten eines "Gedenkortes Topf & Söhne" den ersten Anstoß zu einer Auseinandersetzung mit der Geschichte der Firma in Erfurt.4 Seitdem haben sich mehrere Autoren mit dieser Geschichte wissenschaftlich auseinandergesetzt und auch international wuchs das Interesse an diesem Ort weiter. Auf Tagungen und Veranstaltungen, zu denen zahlreiche international anerkannte und renommierte Fachleute nach Erfurt kamen, wurde Ende der 90er Jahre ein künftiger Umgang mit diesem Gelände intensiv diskutiert. Einig war man sich darüber, dass mit dem Gelände von J.A. Topf & Söhne in unmittelbarer Nachbarschaft zu Buchenwald die Chance gegeben ist, einen Ort zu schaffen, an dem das Spannungsfeld deutscher Erinnerung zwischen der Trauer um die Opfer und dem Nachdenken darüber, wie es zu der Beteiligung so vieler "normaler" Deutscher an deren Vernichtung kommen konnte, sichtbar gemacht werden kann. Inzwischen liegen die Beiträge dieser Diskussionen gedruckt vor.

Seit Anfang 2002 erforscht die Historikerin Dr. Annegret Schüle die Geschichte der Firma J.A. Topf & Söhne. Das Projekt an der Gedenkstätte Buchenwald wird aus Bundesmitteln finanziert. Die Rückkehr wesentlicher Teile des Betriebsarchives von J.A. Topf & Söhne, die sich seit Beginn der 90er Jahre im Besitz von Jean-Claude Pressac befanden, nach Thüringen sowie die Übertragung seiner Sammlung zum Forschungsthema "Topf & Söhne" an das Hauptstaatsarchiv Weimar stellen für die Erforschung und Aufarbeitung der Geschichte von "Topf & Söhne" einen großen Gewinn dar und verstärken die Notwendigkeit, das Forschungsprojekt weiter zu führen. Ergebnis soll eine mehrsprachige Wanderausstellung sein, deren Fertigstellung für 2005, also 60 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, vorgesehen ist. Der Förderkreis wird sich dafür einsetzen, dass die Ausstellung am Ende der internationalen Rundreise nach Erfurt zurückkehrt und am historischen Ort Aufstellung findet. Angeregt und betreut von dem Projekt an der Gedenkstätte Buchenwald hat Katharina Forycki, Architekturstudentin an der Bauhaus-Universität Weimar, eine historische Bauaufnahme des Firmengeländes von J.A. Topf & Söhne vorgelegt. Sie hat mit dieser Arbeit notwendige Grundlagen für die weitere Diskussion zur künftigen Gestaltung des Geländes geschaffen. Mike Krämer und Ron Kärner haben in einer Diplomarbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden eine bauarchäologische Untersuchung zur historischen Nutzung des Verwaltungs- und des Büro- und Versandgebäudes durchgeführt.8 Nachfragen aus dem In- und Ausland bekunden das wachsende Interesse am aktuellen Stand und Fortgang der Entwicklungen in Erfurt.

Die Bedeutung der historischen Industrieanlage

Der Förderkreis fordert für die zukünftige Nutzung des Geländes der ehemaligen Firma J.A. Topf & Söhne, dass ein Ort der Erinnerung und Auseinandersetzung integriert wird. Die Entwicklung eines solchen Konzeptes liegt in der Verantwortung der Stadt Erfurt, die in ihrer Ratssitzung am 21. Februar 2001 erste Schritte in diese Richtung beschlossen hatte, diese jedoch nicht umgesetzt hat. Stattdessen klammert der städtische Bebauungsplan-Entwurf einen Erinnerungsort Topf & Söhne bisher aus. Die Tatsache, dass noch heute historische Gebäude auf dem Gelände stehen, denen eine eindeutige Funktion in der Entwicklung und Konstruktion der KZ-Krematoriumsöfen sowie der Lüftungstechnik für die Gaskammern zugeschrieben werden kann, bietet Chancen, die nicht vertan werden dürfen.

Diese Orte sollen als Räume für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt werden. In jedem Fall ist das gesamte Gelände so zu markieren, dass seine historische Bedeutung auch bei einer vom Erinnerungsort Topf & Söhne unabhängigen Nachnutzung erkennbar bleibt. Mit der Etablierung eines Erinnerungsortes Topf & Söhne sowie der Markierung des Geländes werden die für die Krematoriumsöfen und die Lüftungstechnik grundlegenden Entwicklungs- und Produktionsprozesse an den authentischen Orten deutlich werden. Hierbei müssen Verwaltungsgebäude und Produktionsstätten gleichermaßen berücksichtigt werden.

Das Verwaltungsgebäude, in dem die Krematorien geplant, entwickelt und vermarktet wurden, besitzt eine zentrale Bedeutung. Auch die Einbeziehung des Versandgebäudes, das sich direkt an das Verwaltungsgebäude anschließt, erscheint sinnvoll. Hier kamen die auf dem Gelände gefertigten Einzelteile zusammen und wurden an ihren künftigen Bestimmungsort geschickt. Als Gebäude der Produktion ist die Schlosserei zu nennen, in der wesentliche Teile der Öfen gefertigt wurden. Die Klempnerei, deren Bausubstanz sich in relativ gutem Zustand befindet, stellt eine wichtige Ergänzung um ein weiteres wesentliches Produktionsgebäude dar - hier wurden u.a. die Entlüftungsanlagen für die Gaskammern in Auschwitz gefertigt.

Der Erinnerungsort Topf & Söhne muss verschiedene Funktionen erfüllen. Zum einen soll am authentischen Ort eine wissenschaftliche Aufarbeitung und Dokumentation der Firmengeschichte erfolgen. Zum anderen soll eine lebendige und aktive Auseinandersetzung mit dem historischen Ort ermöglicht werden. Hier gibt es Raum zur Diskussion der Fragen, die die Dokumentation der Firmengeschichte aufwirft. Ausgehend von den historischen Einsichten in die Beteiligung der Industrie am Holocaust soll ein Nachdenken über Voraussetzung, Praxis und Folgen von Arbeit, Produktion und Technik angeregt werden.

Das Verwaltungsgebäude eignet sich für Ausstellungs- und Dokumentationszwecke. Zur Ergänzung können hier Seminar- und Arbeitsräume sowie eine Mediathek eingerichtet werden. Der verbleibende Teil des Gebäudes kann für andere Zwecke genutzt werden, die aber zum Anliegen des Erinnerungsortes Topf & Söhne nicht im Widerspruch stehen dürfen. Schlosserei und Klempnerei bieten Raum für experimentelle Formen der Auseinandersetzung.

Arbeiten am Erinnerungsort Topf & Söhne

Der Erinnerungsort Topf & Söhne soll sich mit der Geschichte und Bedeutung dieser Erfurter Firma auseinandersetzen. Der historische Ort zielt dabei nicht auf eine Schockwirkung. Vielmehr soll er die Normalität des Handelns in dieser Firma vor Augen führen und mit den schrecklichen Folgen eben dieses Handelns in Beziehung setzen. Bei J.A. Topf & Söhne treffen wir nicht auf überzeugte Nationalsozialisten, Ideologen der Vernichtung und aktive Planer oder Organisatoren des Massenmordes. Obwohl Teile der Firmenleitung sowie der Angestellten, der Arbeiterinnen und Arbeiter dem Nationalsozialismus skeptisch gegenüber standen, trugen sie mit technischem Sachverstand, Kreativität und Handfertigkeit zum millionenfachen Mord bei. Auch im Widerstand aktive Kommunisten haben die Ofenproduktion, nach bisherigen Erkenntnissen, nicht in Frage gestellt.

Am Erinnerungsort Topf & Söhne sollen Fragen gestellt werden, die sich auch und insbesondere an unsere gegenwärtige und zukünftige Gesellschaft richten. Gängige Erklärungen reichen zum Verstehen des Täter-Handelns nicht aus. Die Motive von Mitmachen und Mittäterschaft zeigen sich als Gemengelage von Arbeitsroutine, persönlichem Ehrgeiz, Gewinnerwartung und Zukunftsvisionen. Deshalb soll neben einer vermittelnden Dokumentation der Firmengeschichte auch ein Ort der offenen Auseinandersetzung geschaffen werden. In diesem Sinne versteht der Förderkreis die bisherigen Erträge der Forschung nicht als endgültiges Ergebnis, sondern als Grundlage für eine weitergehende Beschäftigung mit dem Thema. Wie lässt sich das Handeln der einzelnen Akteure der Firma verstehen und bewerten? Welche Handlungsmöglichkeiten und -spielräume hatte der Einzelne? Welche Weltbilder und Denkstrukturen haben die Herstellung der Öfen und der Lüftungstechnik unhinterfragt möglich gemacht? Lassen sich Skrupel bei den einzelnen Beteiligten feststellen? Welche Kontinuitäten und Brüche zeigen sich anhand einzelner Biographien?

Diese Fragen lenken die Aufmerksamkeit grundsätzlich auf die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Dazu gehört auch ein Diskurs über "Arbeit" und "Technik". Welche Vorstellungen von "deutscher Qualitätsarbeit" standen hinter der Produktion der Öfen? Wie veränderten sich diese Vorstellungen in der Zeit vor und nach dem Nationalsozialismus? Wie hängen die Produktionsbedingungen mit dem industriellen Massenmord zusammen? Welche Bedingungen muss eine gesellschaftlich nützliche Produktion erfüllen? Wie lässt sich in heutigen Arbeits- und Produktionsprozessen verantwortungsvolles Handeln festmachen und verwirklichen? Wie lässt sich die Wirtschaft für die spätere Verwendung ihrer Produkte verantwortlich machen? Gerade in einer Zeit, in der Arbeit und Produktion ein nicht hinterfragtes Ziel ist und oberste Priorität darstellt, erscheint eine offene und vielschichtige Diskussion der Zusammenhänge von gesellschaftlich sinnvoller Arbeit und Produktion erforderlich.

Literatur

  • "Firma Topf & Söhne. Hersteller der Öfen für Auschwitz. Ein Fabrikgelände als Erinnerungsort?", Aleida Assmann/Frank Hiddemann/Eckhard Schwarzenberger (Hg.), Frankfurt/M., New York 2002
  • „Protokolle des Todes“, Gerald Fleming, in: Der Spiegel 40/1993, S. 151-162
  • "Das ehemalige Betriebsgelände der Firma Topf & Söhne in Erfurt. Eine bauhistorische Bestandsaufnahme", Katharina Forycki, Weimar 2003. Die Arbeit entstand am Lehrstuhl für Bauaufnahme und Baudenkmalpflege von Prof. Dr. phil. habil. Dr.-Ing. Hermann Wirth an der Bauhaus-Universität Weimar.
  • "Ein Beitrag zur Vermessung der Industriearchäologie am Beispiel des ehemaligen Industriebetriebes Topf & Söhne", Ron Kärner/Mike Krämer: in Erfurt/Thüringen, Dresden 2003.
  • "Die Krematorien von Auschwitz. Die Technik des Massenmordes", Jean-Claude Pressac, München, Zürich 1994.
  • "Topf & Söhne. Arbeiten an einem Täterort", Eckhard Schwarzenberger, Erfurt 2001. Zuerst 1997 u. d. T.: Topf & Söhne. Holocaust und Moderne. Die Broschüre liegt mittlerweile in der dritten Auflage vor.
  • "Technik ohne Moral, Geschäft ohne Verantwortung. Topf & Söhne - die Ofenbauer für Auschwitz", Annegret Schüle, in: Fritz Bauer Institut (Hg.): Im Labyrinth der Schuld. Täter - Opfer - Ankläger. Jahrbuch 2003 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, Frankfurt/M., New York 2003, S. 199-229.