Chronik des Ortes

Großes Topf-Logo im Zentrum mit dem ehemaligen Firmengelände im Hintergrund.Am unteren Bildrand steht: J. A. Topf & Söhne, Erfurt.
Bild: Werbeanzeige mit Firmengelände, Erfurter Stadtführer, 1935, im Hintergrund die Gleise des Güterbahnhofs Bild: © Stadtverwaltung Erfurt

1878–1914: Gründung und Aufbau des Unternehmens J. A. Topf & Söhne

Menschen stehen in Reihe auf einem größeren Platz. Im Hintergrund sind Gebäude zu sehen.Schwarz-Weiß-Fotografie
Foto: Betriebsappell bei J. A. Topf & Söhne, April 1936 Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Stadtarchiv Erfurt

1878

J. A. Topf (1816-1891) gründet ein feuerungstechnisches Baugeschäft in Erfurt.

1889

Die Firma J. A. Topf & Söhne, Spezialgeschäft für Heizungsanlagen, Brauerei- und Mälzereieinrichtungen, erwirbt ein eigenes Firmengelände am Rande Erfurts (heute Gebiet zwischen Sorbenweg und Rudolstädter Str.).

1914

Die Firma hat über 500 Mitarbeiter. Sie beginnt in einer kleinen Abteilung mit dem Bau von Einäscherungsöfen für Krematorien und wird in den 20er Jahren zum Marktführer in dieser Branche.

1939: Der Einstieg ins das KZ-Geschäft

1939

Ludwig und Ernst Wolfgang Topf, Geschäftsführer und Firmeninhaber in dritter Familiengeneration, beginnen damit, die SS mit speziell für die Konzentrationslager entwickelten Leichenverbrennungsöfen zu beliefern. Konstruiert werden sie von dem Ingenieur Kurt Prüfer.

1942–1945: Technik für die Vernichtung der europäischen Juden

1942

Im Wissen um den Massenmord mit Gas in Auschwitz reicht die Firma auf Initiative des Ingenieurs Fritz Sander einen Patentantrag für einen „kontinuierlich arbeitenden Leichenverbrennungsofen für Massenbetrieb“ ein.

1943

Die Großkrematorien im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau werden mit Öfen und Gaskammer-Lüftungstechnik aus Erfurt zu „Todesfabriken“ ausgerüstet. Die Lüftungsanlagen entwickelt der Ingenieur Karl Schultze.

1945

Topf & Söhne arbeitet im Februar daran, mit den in Auschwitz-Birkenau demontierten Anlagen der Todesfabriken ein neues Vernichtungszentrum in der Nähe des KZ Mauthausen zu errichten.
Im April unterstützt der neugewählte Betriebsrat aus Kommunisten und Sozialdemokraten die Rechtfertigung der Firmenleitung, dass es sich bei den Ofenlieferungen um eine gewöhnliche Geschäftsbeziehung gehandelt habe.

Am 31. Mai begeht Ludwig Topf aus Angst vor seiner Verhaftung durch die US-Armee Selbstmord. Ernst Wolfgang Topf reist in die westlichen Besatzungszonen und wird nach dem Besatzungswechsel durch die sowjetische Armee an seiner Rückkehr gehindert.

1946–1963: Topf & Söhne nach dem Krieg

1946

Verhaftung von Kurt Prüfer, Fritz Sander, Karl Schultze und Betriebsdirektor Gustav Braun durch die sowjetische Armee. 1948 Verurteilung in Moskau zu jeweils 25 Jahren Lagerhaft wegen Unterstützung der SS beim Völkermord.

1947

J. A. Topf & Söhne wird landeseigener Betrieb.

1948

Die Firma wird volkseigen und in Topfwerke Erfurt VEB umbenannt. Sie wird der VVB NAGEMA angegliedert. Das Leitungspersonal ist dasselbe wie vor 1945, abgesehen von den Brüdern Topf und den verhafteten Ingenieuren.

1951

Ernst Wolfgang Topf gründet in Wiesbaden die Firma J. A. Topf & Söhne neu und spezialisiert sich auf den Bau von Krematoriums- und Abfallvernichtungsöfen. Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen ihn werden eingestellt. 1954 verlegt er die Firma nach Mainz.

1952

Umbenennung des Erfurter Betriebs in NAGEMA VEB Maschinenfabrik „Nikos Belojannis“ nach einem griechischen Kommunisten, der bis zu seiner Flucht 1943 Häftling in einem deutschen KZ in Griechenland war.

1955

Der Bereich Krematoriumsofenbau bei „Nikos Belojannis“ wird aufgelöst.

1957

Umbenennung in VEB Erfurter Mälzerei- und Speicherbau (EMS), die Produktion industrieller Feuerungsanlagen wird ganz aufgegeben.

1963

Konkurs der Firma J. A. Topf & Söhne von Ernst Wolfgang Topf in Mainz.

Ab 1993: Topf & Söhne in der internationalen Öffentlichkeit

Weißes Firmenschild mit der Aufschrift: ems, erfurter mälzerei- und speicherbau gmbh Das Schild ist mit rotem und schwarzem Graffiti beschmiert.
Foto: Firmenschild des privatisierten Nachfolgebetriebs nach 1996 Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Peter Hansen

1993

Die EMS in Erfurt wird privatisiert. Jean-Claude Pressac, Verfasser eines Buches über die Krematorien von Auschwitz, übernimmt wesentliche Teile des Firmenarchivs und verbringt sie nach Paris.

1996

Konkurs der EMS GmbH

1999

In Erfurt gründet sich der Förderkreis Topf & Söhne. Er fordert ein Forschungsprojekt zur Betriebsgeschichte von J. A. Topf & Söhne und tritt dafür ein, das ehemalige Verwaltungsgebäude der Firma für Ausstellungs- und Dokumentationszwecke sowie pädagogische Angebote zu nutzen.

2001

Ein Teil der Firmenbrache wird besetzt, um ein autonomes Kulturzentrum zu betreiben. Das „Besetzte Haus“ führt neben soziokulturellen Projekten auch Veranstaltungen und Führungen zur Geschichte von Topf & Söhne im Nationalsozialismus durch.

2002

An der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar beginnt ein Forschungsprojekt zu Topf & Söhne, finanziert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

2003

Das Thüringische Landesamt für Denkmalschutz weist das Verwaltungsgebäude als Kulturdenkmal aus und schlägt eine Nutzung für die Darstellung und Aufarbeitung der Geschichte vor. Mehrere Produktionsgebäude erhalten ebenfalls Denkmal-Status. Im Falle von Abbruch und Neubebauung ist ihr Ort durch eine Markierung zu kennzeichnen.

Leere und verwahrloste Halle von innen mit Graffiti an den Wänden
Foto: Ruine der ehemaligen Montagehalle 2005 Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Peter Hansen

2005

Die internationale Wanderausstellung „Techniker der ‚Endlösung’. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“ der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora wird im Jüdischen Museum in Berlin eröffnet.

Der Erfurter Oberbürgermeister Manfred O. Ruge und der Direktor der Stiftung Buchenwald und Mittelbau-Dora, Prof. Dr. Volkhard Knigge vereinbaren, die Ausstellung nach ihrer Wanderung als Kern des Erinnerungsortes auf Dauer im ehemaligen Verwaltungsgebäude von Topf & Söhne in Erfurt zu zeigen. Die Stadt finanziert die Erarbeitung eines Nutzer- und Betreiberkonzeptes und einer pädagogischen Konzeption für den Erinnerungsort.

2007

Der Erfurter Stadtrat beschließt einstimmig, im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma Topf & Söhne einen Erinnerungsort zu schaffen und zu betreiben.

2008

Die Domicil Hausbau GmbH & CO KG in Mühlhausen/Thüringen wird Eigentümerin des ehemaligen Firmengeländes von Topf & Söhne und damit Partnerin für die Stadt Erfurt beim Aufbau des Erinnerungsortes und zukünftige Vermieterin der Räume im Verwaltungsgebäude und der Außenanlagen. Für das Gebiet erstellt die Stadt einen neuen Bebauungsplan, der sowohl die Nutzung des Verwaltungsgebäudes und seines Vorplatzes als Erinnerungsort festschreibt wie auch die Errichtung eines Fachmarktzentrums und Wohnungen durch den Investor ermöglicht.
Das Kultusministerium des Freistaates Thüringen und der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien bewilligen eine Fördersumme von insgesamt 1 Mio. Euro für den Aufbau des Erinnerungsortes.

2009

Im Januar scheitern die Verhandlungen zwischen der Stadt Erfurt und dem „Besetzten Haus“ über eine räumliche Alternative für das autonome Kulturzentrum. Ein städtisches Ausweichangebot wird vom „Besetzten Haus“ ausgeschlagen. Der Eigentümer, der zunächst durch eine mehrmonatige Fristverlängerung eine einvernehmliche Lösung ermöglichen wollte und sich keine Bauverzögerung mehr leisten kann, erwirkt ein Räumungsurteil beim Landgericht und lässt das „Besetzte Haus“ am 16. April durch die Polizei räumen.
Das Verwaltungsgebäude wird durch ein neues Dach und neue Fenster vor dem weiteren Verfall geschützt.

2010

Im ehemaligen Verwaltungsgebäude beginnt der Innenausbau für den Erinnerungsort.

Ab 2011: Der Erinnerungsort Topf & Söhne in Erfurt

Hausansicht von vorne mit dem Modell des ehemaligen Firmengeländes im Vordergrund
Foto: Der Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz im ehemaligen Verwaltungsgebäude von J. A. Topf & Söhne in Erfurt Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Dirk Urban

2011

Der Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz wird am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, in Erfurt eröffnet.