Volker Rodekamp: Ansprache zur Preisverleihung des Museumspreises 2014

02.12.2014 11:00

"Wir haben das Konzept als hervorragend empfunden. Wir haben das Engagement gespürt. Wir haben die Lebendigkeit dieses Ortes, die Begeisterung gespürt, und das war etwas, was wir in besonderer Weise mit dem heutigen Tag auszeichnen wollten."

Volker Rodekamp, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig

Mann am Rednerpult vor Publikum
Foto: Dr. Volker Rodekamp, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Laudatio

Sehr verehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr verehrter Herr Staatsminister,
lieber Herr Dorst,
lieber Herr Wurzel,
liebe Frau Schüle,
liebe Frau Harjes-Ecker,
meine Kolleginnen und Kollegen,
sehr verehrte Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, heute vor Ihnen sprechen zu dürfen. Ich spreche auch im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen des Beirats der Jury, die alle zwei Jahre auf Einladung der hessisch-thüringischen Sparkassen-Kulturstiftung die Museumslandschaft des mitteldeutschen-hessischen Raums bereist und Ausschau hält, was denn Neues, was denn Vorbildliches, was denn Wegweisendes entstanden ist.

Dabei geht es uns gar nicht so sehr um die großen Würfe, um die repräsentativen Häuser; um das, was man mit Geld kaufen kann. Es geht uns nicht um die große Kunst, das große Bild, sondern wir fragen und kümmern uns in besonderer Weise um die Frage, was hier an Energie vorhanden ist: Was wird hier umgesetzt? Welche Kreativität ist im Land unterwegs? Wie schaffen es Orte, gegenwartsfähig zu werden? Wie schaffen sie es, ihren Auftrag, ihren musealen Gedenkstättenauftrag in neue Bildungsformate zu übersetzten? Wie schaffen sie es, junge Menschen an Kultur heranzuführen? Wie tragen wir gewissermaßen diese köstliche Speise der Kultur in den Alltag hinein, wie gelingt das? Was sind das für Leute? Was kann man machen? Wie kann man das unterstützen?

Ich kann Ihnen sagen, ich bin schon mehrfach in der Jury tätig gewesen, und wir haben häufig lange diskutiert, weil die Entscheidungen natürlich nicht leicht sind - das können Sie sich vorstellen. Es gibt gute Gründe, auch andere Einrichtungen auszuzeichnen, deswegen tun wir das auch mit anderen Preisen, um nicht immer alle anderen verprellen zu müssen. In diesem Jahr war es uns wichtig, diese Einrichtung auszuzeichnen. Wir haben gar nicht lange für das Nachdenken oder die gemeinsamen Argumentation gebraucht. Wir waren einfach beeindruckt. Wir waren irritiert. Wir waren berührt. Wir waren verunsichert.

Diese Einrichtung hat uns in Bewegung gebracht und hat auch unsere Herzen aufgeschlossen. Es ist ja ein unspektakulärer Ort, der so wie eine archäologische Grabungsstätte in unsere Gegenwart hineinragt. Manches ist immer noch verborgen, manches ist mit Kies gewissermaßen halb bedeckt. Die historischen Spuren sind aber da, die Spurensuche ist unter uns. Und dann steht dieses Haus hier, nach außen völlig unspektakulär, mit einer programmatischen Widmung, und dann geht man hier hinein und dann trifft man auf eine Gruppe, auf ein Team von jungen Leuten, Frau Schüle, von ganz jungen Leuten, von ganz engagierten Leuten. Und man nimmt zur Kenntnis, mit welcher Begeisterung, mit welchem Engagement sie sich dem dunkelsten Kapitel unserer deutschen Geschichte widmen.

An diesem Ort passiert etwas oder an ihm ist etwas zu diskutieren, was ich an den anderen Orten der Täter und Opfer so bisher noch nicht gefunden habe. Deswegen ist dieser Ort so böse, so grundsätzlich böse, weil er die Normalität zeigt. Die Verführbarkeit des Menschen. Was passiert mit den Menschen unter den Bedingungen des Totalitarismus? Was machen Gräuel und Gewalt, was macht Angst aus Menschen? Wo bleibt die Moral, Integrität? Wo bleibt die Menschlichkeit?

Die deutsche Geschichte ist voll von diesen Beispielen, aber sie hat einen neuen Ort hinzubekommen. Diesen hier in Erfurt. Herr Oberbürgermeister, Sie haben zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass Ihnen die jüdische Kultur und die jüdische Geschichte Ihrer Stadt sehr am Herzen liegen. Sie haben eine große Bandbreite von Spuren in Ihrer Stadt, mit denen Sie die lange Geschichte des jüdischen Lebens und der jüdischen Kultur nicht nur in Erfurt, sondern in Deutschland mit großartigen Einrichtungen ausweisen können. Ich glaube, Sie haben eine großartige Einrichtung hinzubekommen. Nämlich diese irritierende, andere, anscheinend normale.

Es geht also um die Befragung von Menschen. Es geht um uns selbst. Wir sprechen an diesem Ort nicht nur über Vergangenes, über das, was in Deutschland vor über siebzig Jahren passieren konnte: Im nächsten Jahr haben wir den 70. Jahrestag und wir können dankbar sein, dass Deutschland von der nationalsozialistischen Terrorherrschaft befreit worden ist. Ich finde, dieser Ort ist so aktuell wie er es nicht mehr sein könnte, denn das, was wir am Beispiel unserer eigenen Vergangenheit hier zur Diskussion stellen, ist ein menschliches Phänomen. Ein Phänomen der Menschheit. Ein brennend aktuelles. Schauen Sie in die Nachrichten, schauen Sie in die Zeitungen, schauen wir heute wieder in die Tagesschau und Sie werden genügend Beispiele finden, die Sie berühren und uns sprachlos werden lässt. Was passiert mit Menschen in besonderen Situationen ihres Daseins? Ich stelle mir als Historiker auch immer wieder die Frage, wie es geschehen konnte, dass hier in Deutschland, dem Kulturland, mit dieser Tradition, so etwas passieren konnte - dass Menschen, normale Menschen, zu willfährigen Helfern eines verbrecherischen Systems werden konnten. Das zeigt diese Ausstellung, das zeigt dieses Haus, dieser Ort. Daran wird gearbeitet, ich glaube wie in keinem zweiten in Deutschland. Wenn Sie sich auf diese Botschaften und auf diese Arbeit hier im Hause einlassen, dann werden diese Fragen Sie nicht mehr loslassen. Sie werden dieses unruhige Gefühl mitnehmen. Sie werden vielleicht ein Stück weit sensibler auf Ihre Umwelt achten, werden sich vielleicht die Frage stellen: Wäre ich dabei gewesen? Oder kann das nochmal passieren? Wie verhalten wir uns heute bei den Herausforderungen der Menschlichkeit unserer Gegenwart?

Sie haben in den letzten Tagen das Schicksal von Tuğçe miterlebt. Die Frage nach der Aufmerksamkeit, nach der Menschlichkeit in unserer Zeit stellt sich, und ob Mitmenschlichkeit und Mitverantwortung eigentlich noch so ausgeprägt sind, wie das sein sollte. Das könnte auch eine Übersetzungsformel sein, um einen Bogen zum Unbegreiflichen, zur Brutalität und zur Gewalt in unserer Gegenwart zu spannen.

Wir haben nicht dieses Haus ausgezeichnet. Wir haben nicht dieses Gebäude klasse gefunden. Wir haben nicht die Beleuchtung als modern und innovativ empfunden. Vielleicht auch noch nicht mal die Machart der Ausstellung. Wir haben das Konzept als hervorragend empfunden. Wir haben das Engagement gespürt. Wir haben die Lebendigkeit dieses Ortes, die Begeisterung gespürt, und das war etwas, was wir in besonderer Weise mit dem heutigen Tag auszeichnen wollten. Diesen pädagogischen Ansatz, Frau Schüle, haben wir ausgezeichnet: dieses Nicht-Loslassen und Nicht-ad-acta-legen-Wollen, sondern der mit der Aufarbeitung verbundene Versuch, Übersetzungsformate zu kreieren, um diese Fragestellung aktuell an junge Menschen und uns heranzutragen.

Wenn ich jetzt über Ihre Häupter schaue: Bei normalen Preisverleihungen tragen die Besucher oder Teilnehmer an so einem Festakt im Allgemeinen etwa meine graue Haarfarbe. Ich empfinde es als ein außerordentlich ermunterndes, tolles Beispiel, dass das am heutigen Tage nicht der Fall ist. Es mag Sie jetzt zum Lächeln bringen und es ist auch zum Lächeln gemeint, aber ich meine es auch mit einem ernsthaften Hintergrund. Wie angesprochen müssen wir den nachfolgenden Generationen das mitteilen, was uns mitteilungswichtig erscheint. Wir müssen Menschen auch an die eigene Geschichte heranführen und ich glaube, das kann man in besonderer Weise anschaulich tun, wenn man es am Beispiel von menschlichem Schicksal, anhand lebensgeschichtlicher, biografischer Beispiele tut. Auch das ist der Ansatz dieses Hauses. Hier wird eben keine Firma insgesamt und allgemein befragt, sondern hier geht es um die Menschen, die in dieser Firma gearbeitet haben, um ihr Rollenverständnis, wie sich das in diesem Terrorregime des Nationalsozialismus verändert hat.

Es geht also nicht nur um die Inhaber, die man vielleicht leicht verurteilen könnte, sondern es geht auch um die Ingenieure, um die Konstrukteure und Techniker. Es geht bis in die Arbeiterschaft hinein, zu den Menschen, die die Öfen zusammengebaut haben - jeder wusste das. Es waren Menschen, die verbrannt werden sollten, ein Element des industrialisierten Tötens. Diese Firma hat sich willfährig und aktiv in diesen verbrecherischen Dienst gestellt. Das ist etwas Ungeheuerliches.

Ich bin ganz weit weg von meinem Text, komme jetzt aber zurück, vielleicht mit einer sehr persönlichen Äußerung. Ich arbeite seit knapp vierzig Jahren im Museumswesen. Anfänglich, weil ich geglaubt habe, dass es eine ganz wunderbare Arbeit ist: mit schönen und wichtigen Dingen umzugehen, Kontexte für Dinge zu erarbeiten, in einem großen Haus Freude zu spenden, Menschen heranzuführen an die großartigen Artefakte unserer Kultur und Zivilisation. Meine Leidenschaft auf dieser Ebene ist seit vielen Jahren geringer geworden und durch etwas anderes ersetzt worden. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir Museen und Erinnerungsorte brauchen, um zu erinnern, warum wir so geworden sind, wie wir heute sind. Wir brauchen nicht die Geschichte um ihrer selbst wegen, wir brauchen sie als Hinweisgeber für menschliches Tun und menschliche Entwicklungsperspektive. Wir brauchen die Selbstvergewisserung in der Vergangenheit, um zu erkennen, warum wir so geworden sind, wie wir sind.

Ich glaube, dieses sehr bescheidene, dieses unspektakuläre Gebäude - dieser Ort, den man erst auf den zweiten Blick als solchen erkennt, den man suchen muss, den man bewusst aufsucht - begeistert die Menschen in ganz besonderer Weise, wenn sie sich auf diesen zweiten Blick einlassen. Es ist der Ort, der mich persönlich sehr berührt hat.

Bevor ich Ihnen, Frau Schüle, auch persönlich und im Namen der Jury Dank sage, möchte ich auch den politischen Entscheidungsträgern hier in Mitteldeutschland, in Erfurt Dank sagen: Ihnen, Herr Bausewein als Oberbürgermeister und den beteiligten Menschen. Dieser Ort ist ganz wesentlich aufgrund von bürgerschaftlichem Engagement so weit gekommen. Das darf man nicht vergessen. Auch Ihnen, Herr Staatsminister Matschie - Sie, die Politik, haben am Ende den Rahmen geboten, in dem sich diese Einrichtung so positiv hat entwickeln können. Man darf das nicht vergessen, dass wir ein Stück weit auch ein öffentliche Aufgabe übernehmen, aber gleichzeitig auch einen öffentlichen Auftrag erhalten haben, den wir auch einzulösen haben.

Nun bin ich bei Ihnen, Frau Schüle. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Museumsarbeit natürlich auch immer etwas mit den Menschen zu tun hat. Ich glaube hier, in Ihrem Team, und das sind ja wenige genug, sind ganz junge Engagierte, soweit ich das sehen konnte. Sie haben eine tolle Arbeit gemacht, Sie haben in Zusammenarbeit mit den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora hier in Mitteldeutschland, darauf ist aufmerksam zu machen, eine wunderbare Zusammenarbeit entwickelt, die am Ende zu einer berührenden Ausstellung geführt hat. Sie selbst lassen sich mit diesem Erfolg nicht den Wind aus den Segeln nehmen, sondern wollen weitermachen. Sie wollen Ihre Wirkung internationalisieren, mit neuen Medien arbeiten und mit neuen Sprachen, um auch ein internationales Publikum an dieses Thema heran zu führen. Wenn es zum Schluss noch eines Grundes bedurft hätte, um sicher zu sein, dass wir der richtigen Einrichtung in diesem Jahr diesen wunderbaren Preis zukommen lassen dürfen, dann war es Ihre Begründung. Als wir damals bei Ihnen waren, fragten wir danach, was Sie denn machen werden, wenn Sie den Preis kriegen würden? Und da haben Sie gesagt: Für uns würde sich eine wunderbare Chance ergeben, unsere Bildungsarbeit zu stärken und eine neue Programmatik im Bereich der Museumspädagogik auszuprobieren. Ich finde, das ist ein guter, überzeugender Grund, um Sie auszuzeichnen.

Ich bin gerne zu Ihnen gekommen. Sonst müssen wir immer darüber sprechen, wer die Laudatio hält - in diesem Fall habe ich mich relativ schnell gemeldet und mich vorgedrängelt, sodass ich es auch machen durfte. Diese mittelgroßen Einrichtungen, die sich mit schwierigen, mit schwierigsten Themen unserer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, finde ich so außerordentlich wichtig. Es ist eine tolle Geschichte, so ein Haus zu ermutigen, diesen Weg weiter zu gehen und es für dieses, was hier geleistet worden ist, auszuzeichnen. Herr Wurzel, ich finde, das reicht Ihnen, Ihrer Einrichtung der Sparkassen-Kulturstiftung, auch sehr zu Ehren.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, das waren persönliche Worte, ganz weit weg von dem, was ich mir eigentlich aufgeschrieben habe. Ich habe sicherlich das meiste vergessen, aber es geht ja auch um eine persönliche Haltung und in diesem Fall war mir wichtig, dass Sie erkennen, dass auch in der deutschen Museums- und Gedenkstättenlandschaft diese Einrichtung sich eines großen Interesses und einer hohen Reputation erfreuen darf. In diesem Sinne: Machen Sie so weiter! Wenn es etwas gibt, wo ich mal irgendwas machen könnte, dann wäre ich gerne an Ihrer Seite.

In diesem Sinne herzlichen Dank und einen schönen Tag!