Bodo Ramelow: Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Industrie und Holocaust" in der Gedenkstätte Auschwitz

22.03.2017 13:00

"Deswegen bin ich froh, dass wir heute nach 25 Jahren zusammen hier stehen und gemeinsam sagen: In Erfurt, in Thüringen wird die Erinnerung wachgehalten."

Bodo Ramelow, Thüringer Ministerpräsident

Mann spricht ins Mikrofon
Foto: Bodo Ramelow, Thüringer Ministerpräsident Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Staatskanzlei Thüringen

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich mache mir die Begrüßung von Herrn Kacorzyk zu eigen und begrüße alle, die er schon begrüßt hat.

Es ist schon etwas sehr Besonderes, mit einem Überlebenden der Hölle von Auschwitz zusammen hier stehen zu können und zu spüren, da steht ein Wissender unter uns. Er hat erlebt, was Deutsche anderen Menschen angetan haben. Er weiß um die Einmaligkeit des Verbrechens, Menschen fabrikmäßig umzubringen, aus eigener Erfahrung.

Für mich persönlich ist es ein besonderes Ereignis, mit der Thüringer Bürgerdelegation aus Erfurt und Weimar zusammen hier zu sein in Auschwitz, einem deutschen Konzentrationslager, dem deutschesten aller deutschen Konzentrationslager, in dem die Vernichtung systematisiert und fabriktechnisch so perfektioniert wurde wie an keinem anderen Ort.

Die Geschichte von Topf & Söhne ist die Geschichte von Auschwitz und allen Vernichtungslagern.  Die Geschichte von Topf & Söhne in den letzten 25 Jahren ist auch unsere Geschichte, wie wir mit der Verantwortung – unserer Verantwortung –  der Vergangenheit gegenüber umgehen. Unter uns sind  Auszubildende von VW, dieses Unternehmen ist regelmäßig mit seinen Auszubildenden hier. Zu  unserer Geschichte gehört auch, dass VW ein kriegsproduzierender Betrieb war, dass VW diesen Vernichtungskrieg mit seiner Technik ausstattete.

Unter uns ist ein Angehöriger der Familie Topf. Er hat die Auseinandersetzung mit ermöglicht, in der wir uns die Erinnerung aneignen konnten: Topf & Söhne ist ein Symbol der Vernichtung auf industrietechnische Weise. Topf & Söhne macht deutlich, dass das industrielle Vernichten von Menschen ein Teil unserer deutschen Geschichte ist und immer bleiben wird.

Wenn wir in die Zukunft Europas schauen, dürfen wir als Deutsche den Blick zurück niemals vergessen oder vernachlässigen. Und dieser Blick zurück sagt: Hier an diesem Ort  wurden unsere Brüder und Schwestern, unsere Mitmenschen ausgeraubt, erniedrigt und umgebracht, um sie auszurotten. Es geht heute nicht um persönliche oder individuelle Schuld, sondern es geht um unsere Verantwortung: Dass wir zur Kenntnis nehmen, was im Namen unseres Volkes anderen Menschen angetan worden ist. Dieses Menschheitsverbrechen ist singulär und einmalig und es liegt an uns, dass es auch wirklich einmalig bleibt. Dieses Erinnern fällt nicht immer jedem und überall leicht. Deswegen bin ich froh, dass wir heute nach 25 Jahren zusammen hier stehen und gemeinsam sagen: In Erfurt, in Thüringen wird die Erinnerung wachgehalten. Wir haben um das Thema Topf 25 Jahre lang gekämpft, dass die Erinnerung nicht unter den Teppich gekehrt wird, die Firmengebäude und ihre Geschichte nicht einfach aus unserem Gesichtsfeld und Geschichtsfeld entfernt werden.

Deswegen bin ich sehr berührt, mit dir, lieber Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, heute zusammen hier in Auschwitz zu stehen, so wie wir auch in Yad Vashem zusammen gestanden haben. Wir haben die Verantwortung, dass das, was deinen Menschen angetan worden ist, von uns nicht vergessen werden darf und sich keiner herausreden darf. Deswegen bin ich froh, dass wir mit der Wanderausstellung in der Thüringer Erinnerungsarbeit zeigen, wie es im Alltag gewesen ist, wie die Nachbarn nicht nur nicht hingeguckt, sondern entweder weggeguckt oder sich selbst beteiligt haben.

Mein Großvater war mit der Waffe in der Hand im Ersten Weltkrieg in Galizien, mein Vater war mit der Waffe in der Hand im Zweiten Weltkrieg in Russland. Ich bin froh, dass ich keine Waffe in die Hand nehmen musste und ich hoffe, dass wir mit dem Blick auf unsere Verantwortung für die Geschichte alle zusammen einen wachsamen Blick dafür haben, dass Europa überleben kann, wenn wir es friedlich miteinander gestalten. Die Geschichte von Auschwitz bleibt unsere Verantwortung und der Frieden in Europa bleibt auch unsere Verantwortung, deswegen muss man von Auschwitz aus Europa anschauen. Auschwitz hat Europa und die Welt verändert und wir tragen dafür die Verantwortung. Ich ende damit und sage: Lasst uns dafür einstehen, dass ein "Nie wieder" wirklich ein "Nie wieder" ist. Vielen Dank.