Das Kind auf der Liste. Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie

10.04.2018 19:00 – 10.04.2018 21:00

In ihrem Buch erzählt Anette Leo die Geschichte von Willy Blum, der an Stelle von Jerzy Zweig, dem „Buchenwaldkind“, nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet wurde.

Schwarz-Weiß Foto von zehn Kindern und sechs Erwachsenen
Foto: © privat, 1930
10.04.2018 21:00

Das Kind auf der Liste. Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie

Genre Veranstaltung
Veranstalter Stadtverwaltung Erfurt, Erinnerungsort Topf & Söhne in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
Veranstaltungsort Erinnerungsort Topf & Söhne, Sorbenweg 7, 99099 Erfurt

Buchvorstellung mit Annette Leo, Historikerin und Publizistin

Willy Blum war 16 Jahre alt, als er in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Über ihn und seine Familie wusste man bislang nichts. Am Anfang gab es nur seinen Namen auf der Transportliste nach Auschwitz. Getippt worden war die Liste in der Häftlingsschreibstube des KZ Buchenwald: zwei Seiten mit den Namen von 200 Kindern und Jugendlichen. Der letzte Name, die Nummer 200 „Zweig, St.“ ist durchgestrichen. An seine Stelle wurde Blum, Willy“ hinzugeschrieben. Der dreijährige Stefan Jerzy Zweig überlebte durch diesen Tausch. Seine Geschichte bildete später die Vorlage für den Erfolgsroman von Bruno Apitz Nackt unter Wölfen, der seine Rettung zu einem Symbol in der Geschichtserzählung über den kommunistischen Widerstand machte.

Als die Transportliste mit den ausgetauschten Namen in den 1990er Jahren bekannt wurde, stieß sie kontroverse Debatten über das „Buchenwaldkind“ an. Ein inzwischen aufgetauchtes Dokument löst die direkte Beziehung zwischen der Rettung von Stefan Jerzy Zweig und dem Tod von Willy Blum wieder auf: Willy Blum hatte sich freiwillig, sofern man ein solches Wort in diesem Zusammenhang überhaupt verwenden kann, für den Transport nach Auschwitz gemeldet, weil er seinen kleinen Bruder Rudolf nicht allein lassen wollte. Dies nimmt den Geschehnissen nichts von ihrer Tragik, aber sie holt Willy Blums Geschichte aus dem Schatten der Debatten um das „Buchenwaldkind“ und verschafft ihr einen eigenen Raum.

Eine versunkene Welt der Wandermarionettentheater

Willy Blum wurde 1928 als das siebte Kind von Aloys und Toni Blum in Rübeland im Harz geboren. Er wuchs auf in einer Sinti-Familie, die mit einer Marionettenbühne durch das Land zog und in Gasthöfen und Gemeindesälen der Dörfer und Kleinstädte ihre Vorstellungen präsentierte. Annette Leo hat sich auf die Suche gemacht und die Geschichte der Familie Blum und zugleich auch die Geschichte des Verschweigens einer Opfergruppe in der Nachkriegszeit erforscht: die der Sinti und Roma. Die Geschichte handelt von einer mittlerweile versunkenen Welt der Wandermarionettentheater, sie handelt von Diskriminierung und Ausgrenzung, mit denen die Angehörigen der Minderheit seit Jahrhunderten gewohnt waren umzugehen – bis schließlich der mörderische Rassismus der Nationalsozialisten ihre Existenz aufs äußerste bedrohte.