Topf & Söhne als Partner der SS

Die Vernichtung von Menschen war im Nationalsozialismus keine vorübergehende Erscheinung. Sie war, so erkannte man bei Topf & Söhne, offensichtlich auf Dauer und Ausweitung angelegt. Ohne Auftrag, aus freien Stücken, erfanden Ingenieure der Firma noch effizientere Vorrichtungen zur Beseitigung von immer mehr Menschen. Sie eilten mit ihren Entwürfen den Anforderungen der SS weit voraus. Die dadurch erzielten persönlichen und ökonomischen Vorteile waren bescheiden und können das große Engagement nicht erklären.

Farbfotografie, vorne großes Pult mit Glasabdeckung, darunter mehrere alte Dokumente, im Hintergrund weitere Pulte
Foto: Schlüsseldokumente zum Holocaust in der Dauerausstellung „Techniker der ‚Endlösung‛‟ Foto: © Stadtverwaltung Erfurt/Kastner Pichler Architekten

Anmeldung zum Patent

Schwarz-Weiß-Fotografie eines älteren Mannes im Anzug mit Krawatte, trägt Brille, unter der Fotografie in Druckschrift Fritz Sander, Abt. D 1
Foto: Fritz Sander (1876-1946), Anfang 1940er Jahre Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar

Noch während die vier Großkrematorien von Auschwitz-Birkenau im Bau waren, wurde den beteiligten Ingenieuren von Topf & Söhne klar, dass die für Auschwitz entwickelten Anlagen nicht ausreichen würden. Kurt Prüfer und Fritz Sander reagierten darauf mit unterschiedlichen Vorschlägen für neue Hochleistungsöfen. Sie versuchten, bekannte industrielle Feuerungstechniken für eine noch effektivere Leichenverbrennung nutzbar zu machen.

Im September 1942 plante Fritz Sander seinen vierstöckigen Ofen einer riesigen Müllverbrennungsanlage entsprechend (siehe Abb. 1). Leichen sollten wie am Fließband quer in den Ofen eingeführt werden. Danach wären die Körper auf Schrägrosten herabgerutscht und durch die bereits unter ihnen brennenden Leichen in Brand gesetzt worden. Dadurch konnte der Ofen nach maximal zweitägiger Aufheizung ohne weitere Brennstoffe in Betrieb gehalten werden. Allein die verbrennenden Leichen sollten das Feuer in Gang halten. In seinem Schreiben an die Geschäftsleitung argumentiert Fritz Sander für seinen Vorschlag (siehe Abb. 2): „Der starke Bedarf an Einäscherungs-Öfen für Konzentrationslager – der in letzter Zeit besonders deutlich für Auschwitz in Erscheinung getreten ist [...] – veranlasste mich zu einer Prüfung der Frage, ob das bisherige Ofensystem mit Muffel für obengenannte Stellen das richtige ist [...] als meiner Ansicht nach ideale Lösung bezüglich Bauart eines Einäscherungs-Ofens für die Zwecke eines Konzentrationslagers mit kontinuierlicher Beschickung und für ebensolchen Betrieb an [...] d.h. die zu verbrennenden Leichen würden oben – ohne Störung des Verbrennungsvorgangs – in entsprechenden zeitlichen Zwischenräumen aufgegeben, auf dem Weg durch den Ofen zünden, brennen, ausbrennen und veraschen und in Form ausgebrannter Asche in der Aschekammer unter dem Ausbrennrost landen. Damit bin ich mir vollkommen klar darüber, dass ein solcher Ofen als reine Vernichtungs-Vorrichtung anzusehen ist, dass also die Begriffe Pietät, Aschetrennung sowie jegliche Gefühlsmomente vollständig ausgeschaltet werden müssen. All das ist aber wohl auch schon jetzt bei dem Betriebe mit zahlreichen Muffel-Öfen der Fall. Es liegen eben in den KZ-Lagern besondere kriegsbedingte Umstände vor, die zu derartigen Verfahren zwingen. [...] Mit Rücksicht auf die eingangs gemachten Darlegungen ist anzunehmen, dass die infrage kommenden Behördenstellen auch andere Ofenbaufirmen wegen Lieferung gut und schnell arbeitender Einäscherungsöfen in Bewegung setzen. Auch bei diesen wird daher die Frage nach der günstigsten Bauart derartiger Öfen für vorgenannte Zwecke geprüft werden. [...] Aus diesem Grunde halte ich es für dringend notwendig, meinen Vorschlag zum Patent anzumelden, damit wir uns die Priorität sichern."

Querelen – Selbstbewusstsein – persönliche Vorteile

Das Selbstbewusstsein der Firmenleitung und der Ingenieure beschränkte sich nicht auf ihre fachliche Kompetenz. Sie traten gegenüber der SS auch in Konfliktfällen, wie z. B. bei umstrittenen Garantiefristen und nicht bezahlten Rechnungen, als ebenbürtige Geschäftspartner auf. Die KZ- Geschäfte waren nicht so ertragreich, wie man es bei Topf & Söhne erwartet hatte. Nur ein bis zwei Prozent des Firmenumsatzes erwirtschaftete Topf & Söhne mit den Aufträgen der SS-Bauleitung Auschwitz. Zudem wurden über 50 Prozent des Rechnungsbetrages erst lange nach Lieferung und Installation einer Anlage beglichen.

Nicht Skrupel, Misstrauen oder Zwangsmaßnahmen, sondern die schlechte Zahlungsmoral der SS sowie immer wieder auftretende Mängel der gelieferten Anlagen belasteten die Geschäftsbeziehung von SS und Topf & Söhne.

Auch persönliche Vorteile, wie Prämien und die Freistellung vom Einzug zur Wehrmacht, gab es nur für wenige Beteiligte.

Kurt Prüfers Kündigung – eine ungenutzte Chance

Die Geschäftsbeziehung zwischen Topf & Söhne und der SS stand und fiel mit der Person Kurt Prüfers. Als einziger im Ofenbau tätiger Ingenieur der Firma entwickelte er sämtliche KZ-Öfen, die zum Einsatz kamen. Das Verhältnis zwischen ihm und der Firmenleitung war nicht immer ungetrübt, da ihn sein Gehalt und sein Status im Betrieb nicht zufrieden stellten.

Im Februar 1941 reagierte Prüfer mit Kündigungsschreiben an die Brüder Topf (siehe Abb. 1):

Nun bin ich nicht der Mann der bei Ihnen dauernd als Bittsteller auftritt, eben darum nicht, weil ich auch mein[en] Stolz habe. [...] Früher betrug mein Gehalt bei Ihnen 630,- RM, und heute 360,-. Seit der Übernahme des Geschäftes haben Sie mir versprochen, dass auch ich in besseren Zeiten mit vom Gehalt aufgebessert würde, dass ist bis heute mit ganz geringen Teilbeträgen geschehen. Ich habe mich redlich mit bemüht, die Firma wieder mit hoch zu bringen und habe alles getan, was in meinen Kräften stand. [...] Sie können verstehen, dass mein Entschluss, nach 21jähriger Tätigkeit bei Ihnen aufzuhören, für mich schwer ist. Auf der anderen Seite muss ich jedoch auch an meine Zukunft und an meine kranke Frau denken.

Seine Kündigung hätte den Brüdern Topf Gelegenheit gegeben, ohne Schwierigkeiten aus dem KZ-Geschäft auszusteigen. Stattdessen hielten sie ihn mit einer Gehaltserhöhung im Betrieb (siehe Abb. 2).

Stets zu Diensten – und keine Ende

grobe Landkarte mit Ortsnamen und Symbolen für Topf- und Kori-Öfen
Karte: Verbrennungsöfen: Standorte, Hersteller, Typen Karte: © Stadtverwaltung Erfurt

Noch im Februar 1945, als Auschwitz schon durch sowjetische Truppen befreit war, plante die SS, die Vernichtungsanlagen von Birkenau in Österreich wieder aufzubauen. Es war abzusehen, dass das Projekt aufgrund des nahen Kriegsendes keine Chance auf Verwirklichung hatte. Dennoch wurde die SS auch bei diesem Vorhaben von Topf & Söhne tatkräftig unterstützt.

Insgesamt lieferte die Firma mindestens 25 Öfen mit 76 Verbrennungskammern in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau, Mauthausen, Gusen, Auschwitz, Groß-Rosen und Mogilew. Bei Bedarf stellte Topf & Söhne der SS auch immer wieder mobile Verbrennungsöfen zur Verfügung.