Christoph Matschie: Ansprache zur Preisverleihung des Museumspreises 2014

02.12.2014 11:00

"Wir haben natürlich sehr viele Museen in Hessen und in Thüringen, die hervorragende Arbeit machen, aber ab und zu ist es wichtig, einige besonders herauszuheben. Dieser schwierigen Aufgabe haben Sie sich gestellt. Dafür ein großes Dankeschön und Ihnen herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis!"

Christoph Matschie, Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur

Mann am Rednerpult vor Publikum
Foto: Christoph Matschie, Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Sehr geehrter Andreas Bausewein,
sehr geehrter Herr Dorst,
sehr geehrter Herr Wurzel,
sehr geehrter Herr Rodekamp,
sehr geehrte liebe Frau Schüle,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir kennen alle die Namen, die untrennbar verbunden sind mit dem Holocaust, mit dem Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten. Die Konzentrationslager lagen hier ganz in der Nähe: Buchenwald, Mittelbau-Dora. Wir kennen aber auch andere, wie Sachsenhausen, Majdanek und natürlich Auschwitz. Und wir kennen die intensive Debatte um diese Erinnerungsorte, die Täter, die dort millionenfachen Mord zu verantworten hatten. Was nicht so in der öffentlichen Debatte und im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, ist das, was hinter dieser Vernichtungsmaschine stattgefunden hat, im ganz alltäglichen Leben, in Unternehmen, an Arbeitsplätzen. Das sichtbar zu machen, ist ein großes Verdienst dieser Gedenkstätte hier.

Lieber Andreas Bausewein, ich will mich an dieser Stelle auch noch einmal ganz ausdrücklich bedanken bei allen in der Stadt, die den Mut hatten, diesen Weg zu gehen; die ihn befördert haben, die ihn begleitet haben - und natürlich zuallererst Ihnen, liebe Frau Schüle, die Sie diese Arbeit auf den Weg gebracht haben und zu einer Qualität geführt haben, die diesen Museumspreis auf jeden Fall rechtfertigt. Ihnen und Ihrem Team ein ganz großes Dankeschön.

Man muss sich darauf einlassen. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber mir treibt dies immer wieder Schauer über den Rücken, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ein Ingenieur dieser Firma wie Fritz Sander, der darum weiß, dass mit diesen Öfen massenweise Menschen verbrannt werden, von sich aus auf die Idee kommt: "Ich trete doch mal an die Lagerleitung in Auschwitz heran mit einer besseren Idee, wie man noch schneller noch mehr Menschen verbrennen kann." Wenn man sich vorstellt, dass da Ingenieure mit der Stoppuhr gemessen haben, wie der Durchsatz an Menschenleichen in diesen Verbrennungsöfen ist oder Ingenieure Ideen entwickelt haben, wie man die Gaskammern noch effektiver und effizienter betreiben kann, geht das unter die Haut. Es ist ein großes Verdienst dieser Ausstellung, uns diese Dimension von Menschheitsverbrechen im ganz alltäglichen Leben, durch Beschäftigte in Unternehmen, nahezubringen und deutlich zu machen. Dann stellt sich mit sehr viel größerer Wucht und Konsequenz die Frage an jeden Einzelnen: "Welche Verantwortung trage ich eigentlich an meinem Arbeitsplatz mit meinem Tun?".

Nun geht es heute sicher nicht darum, diese Frage in einem verbrecherischen System zu stellen. Aber auch wir tragen heute unsere Verantwortung für die großen Fragen der Menschheit: Wie gehen wir mit unserer Umwelt um? Was hinterlassen wir unseren Kindern? Was ist unser Beitrag für eine glückliche Welt? Was tun wir zu einem sozialen Funktionieren der Gesellschaft? Ich finde gerade, dass junge Menschen - die in der Ausbildung stehen, erste Erfahrungen im Beruf machen - von der Art und Weise dieser Ausstellung angesprochen werden, die deutlich macht, wie weit diese Frage nach der Verantwortung ins ganz persönliche Leben und ins Berufsleben hineinreicht. Ich finde es sehr gut, dass die Jury diesen Ort für den Museumspreis ausgewählt hat und damit die großen Anstrengungen würdigt, dieses Projekt auf den Weg zu bringen und zur heutigen Qualität zu führen. Ich will mich bei den Jurymitgliedern ganz ausdrücklich bedanken, die keine leichte Wahl hatten. Insgesamt 42 Museen standen auf der Liste der Jury und ich bin froh, dass es diese Gedenkstätte geworden ist, die Anerkennung für den Weg des Erinnerungsortes zeigt.

Sie sind mittendrin dabei, eine internationale Wanderausstellung vorzubereiten, so habe ich gehört. Sie soll in Polen, in Frankreich, in Israel und den USA gezeigt werden. Ich wünsche Ihnen für das Vorhaben, Ihre Arbeit ein Stück weiter über die Landesgrenzen hinaus zu tragen, alles, alles Gute. Sie haben die Unterstützung des Bundes und ich will an dieser Stelle auch sagen, - auch wenn heute gerade die alte Landesregierung ihre letzte Kabinettssitzung hatte und am Freitag eine neue Regierung ins Amt kommt - dass ich davon ausgehe, dass auch die zukünftige Landesregierung diese Arbeit unterstützen wird. Ich bin sicher, auch die Stadt wird ihren Beitrag in Zukunft leisten und Verantwortung übernehmen für das, was sie hier auf den Weg gebracht hat.

Die Gedenkstätten nehmen einen ganz wichtigen Platz in der Kulturpolitik dieses Landes ein. Im Kulturkonzept des Freistaats gilt dies natürlich zuallererst für die Stiftung Buchenwald und Mittelbau-Dora, die ein ganz wichtiger Ort des internationalen Erinnerns und Gedenkens ist. Das gilt für die Gedenkstätte Topf & Söhne, das gilt aber auch für die Gedenkstätten im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Hier hat Erfurt mit der Andreasstraße einen ganz wichtigen Gedenk-und Lernort. All das muss auch in den nächsten Jahren intensiv begleitet und weiterentwickelt werden.

Wir sind gerade dabei, mit dem Bund darüber zu diskutieren, die Ausstellung "Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg", die international unterwegs ist, dauerhaft hier nach Thüringen zu holen. Wir wollen sie in Weimar platzieren, im ehemaligen Gauforum, das ist der Platz, von wo aus die Zwangsarbeiter durch Fritz Sauckel koordiniert wurden. Wir glauben, dass das der richtige Ort ist. Wir haben den Bund noch nicht ganz überreden können, das Projekt mitzufinanzieren, aber wir sind da hartnäckig. Ich glaube, am Ende werden wir auch gemeinsam erfolgreich sein.

Ich darf zum Schluss noch einmal sagen: Herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis und herzlichen Dank insbesondere an die Sparkassen-Kulturstiftung, die mit dem hessischen Museumsverband und dem Museumsverband Thüringen gemeinsam diesen Preis trägt. 2002 ist er das erste Mal verliehen worden. Danke für diese Kontinuität. Sie ist wichtig, um die Arbeit unserer Museen zu würdigen und besonders hervorzuheben. Wir haben natürlich sehr viele Museen in Hessen und in Thüringen, die hervorragende Arbeit machen, aber ab und zu ist es wichtig, einige besonders herauszuheben. Dieser schwierigen Aufgabe haben Sie sich gestellt. Dafür ein großes Dankeschön und Ihnen herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis!