Schüler/-innen des Königin-Luise-Gymnasiums: Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Un-er-setz-bar"

01.06.2012 17:00

"Denn Zeitzeugen können leider nicht ewig leben. Aber in dieser Ausstellung können ihre Worte für jeden hörbar und zugänglich gemacht werden."

Florian Funk, Juliane Schulz und Henry Ulrich, Schüler/-innen des Königin-Luise-Gymnasiums

Farbfoto, sieben junge Menschen stehen in einer Reihe, eine junge Frau spricht ins Mikrofon
Foto: Schüler/-innen des Königin-Luise-Gymnasiums Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Dirk Urban

Florian Funk

"Un-er-setz-bar". Das ist der Name der neuen Sonderausstellung hier im Erinnerungsort und genauso "unersetzbar" war auch die Woche, die wir, Schülerinnen und Schüler des Königin-Luise-Gymnasiums, unter dem Leitthema "Lebendige Erinnerung" erlebt haben.

Zum einen wurden wir in die Grundzüge der Radiotechnik eingeführt und bekamen Einblicke in den Arbeitsalltag eines Redakteurs im Radio. Wir führten Umfragen durch, erstellten unsere eigenen Beiträge und lernten so vieles vom Radio kennen. Auf der anderen Seite wurden wir aber auch hier, im Erinnerungsort Topf & Söhne, an die Historie Erfurts im "Dritten Reich" herangeführt.  Besonders natürlich an die Firma Topf & Söhne. Wir hatten also zwei Ebenen kennengelernt. Auf der einen Seite das moderne Medium Radio und auf der anderen Seite ein stückweit Vergangenheit Erfurts und diese zwei Themen galt es zu verknüpfen. Ob und vor allem wie das gelungen ist, dazu werden ihnen gleich Juliane und Henry etwas sagen. Zuvor möchte ich Ihnen aufzeigen, warum sich eine Gruppe von Schülern überhaupt mit einem solchen Thema beschäftigen sollte.

Da ist zunächst natürlich das bei jedem Projekt als Grund angeführte "Raus aus dem Grau". Es ist äußerst wichtig, beim vielen Lernen in der Schule nicht zu vergessen, einen Praxisbezug zur Außenwelt herzustellen. Diese Möglichkeit bot uns das Projekt. Wir hatten sowohl die Möglichkeit, unsere Deutschkenntnisse beim Verfassen der Beiträge anzuwenden, als auch unser Geschichtswissen zu erweitern und zu vertiefen. Uns wurde eine Möglichkeit geboten, Verknüpfungen zu schaffen. Verknüpfungen zwischen Historie und Heute. Zwischen dem fehlenden Verantwortungsbewusstsein dieses Betriebs und der Verantwortung, die unsere Generation hat, aufzuklären und vor allem das Vergessen zu verhindern. Auch heute füllen in Griechenland wieder Karikaturen von Bundeskanzlerin Merkel vor dem Hakenkreuz die Tageszeitungen. Und das zeigt uns, dass noch ein weiter Weg vor uns liegt, um nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland dafür zu sorgen, dass begriffen und verinnerlicht wird, dass das "Dritte Reich" nicht mehr existiert, aber auch nie mehr existieren darf.

Das Projekt "Lebendige Erinnerung" soll genau dazu beitragen. Das Vergessen zu verhindern und die Erinnerung lebendig zu halten. Auch das war sicherlich einer unserer Beweggründe, an diesem Projekt teilzunehmen. Wir alle, denke ich, können stolz darauf sein, dass wir es geschafft haben. Ein Stück Erinnerung, in Form von Gesprächen mit Zeitzeugen, zu konservieren, so dass auch die nach uns kommenden Generationen an die Schrecken und vor allem an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden können. Denn Zeitzeugen können leider nicht ewig leben. Aber in dieser Ausstellung können ihre Worte für jeden hörbar und zugänglich gemacht werden.  Ich hoffe, dass Sie, wenn Sie nachher durch die Ausstellung gehen, so wie wir auch "unersetzbare" Impressionen mitnehmen und vor allem über diese nachdenken.

Juliane Schulz

In den fünf Tagen des Projektes haben wir Umfragen durchgeführt, Zeitzeugen interviewt und eigenständig zu  Themen wie zum Beispiel "Die Opfer des Nationalsozialismus" und "Topf & Söhne" recherchiert. Außerdem haben wir Beiträge geschnitten und eingesprochen, die am Ende zusammen mit den Live-Interviews im Programm von Radio Frei zu hören waren.

Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich sehr stolz auf das Endprodukt war und noch bin und ich meine, dass auch die anderen Schüler so denken. Jeder hat für sich eigene Erfahrungen bei der Arbeit mit Medien und Geschichte gemacht. Wenn ich mich mit Bianca und Theresa über dieses Projekt unterhalte, sind wir zum einen sehr ernst, aber zum anderen lachen wir auch viel. Die Gespräche mit den Zeitzeugen haben uns tief berührt und regen uns noch heute zum Nachdenken an. Die Umfragen, das Schneiden der Beiträge und die Arbeit mit anderen haben uns sehr viel Spaß gemacht. Wir haben herausgefunden, dass es ein Motto gibt, welches man unbedingt auch bei Umfragen anwenden sollte. Gib nicht gleich beim ersten Mal Versagen auf. Wir fragten geschätzte 30 Passanten auf der Straße, ob sie schon mal was von Topf und Söhne gehört haben und von den 30 Passanten haben circa 20 die Aussage verweigert. Diese Umfrage haben wir gleich am ersten Tag des Projektes durchgeführt und gleich am ersten Tag das Schwierige an der Arbeit als Journalist kennengelernt. Wir drei hatten außerdem auch das Problem, dass wir immer erst den Mut fassen mussten, fremde Menschen anzusprechen. Und wenn dann noch der- oder diejenige einen gar nicht mal beachtet oder abwinkt, fiel es von Mal zu Mal schwieriger, neuen Mut zu fassen und jemanden anzusprechen. Aber dennoch haben wir es geschafft. Zumal uns einige Leute echt tolle Antworten geliefert haben.

Generell fand ich die Arbeit eines Journalisten sehr interessant und ich denke, dass dieses Projekt auch mit anderen Schülern fortgesetzt werden sollte. Denn die Erfahrung, ein Gespräch mit einem Zeitzeugen, der zum Beispiel in Auschwitz-Birkenau war, zu führen, sollte jeder Mal gemacht haben. Dann erst kann man die dunkle Seite dieser Zeit ein wenig besser erfassen.

Henry Ulrich

Zeitzeugen – ein starker Titel. Stark deshalb, weil sie viel Mut und Kraft zeigen, über ihre Leidenswege zu sprechen, um somit gerade jüngeren Menschen einen Einblick in vergangene Epochen zu ermöglichen. Ich hatte während des Projektes die Ehre und das Glück zugleich, Albert van Dijk zuhören zu dürfen. Ein Zeitzeuge, der mir eben jene Chance gab. Ich finde, Albert van Dijk strahlte Beruhigung und Gelassenheit aus, als er die Eindrücke Revue passieren ließ. Wie ein Großvater, der sich in seinen Ohrensessel setzt und seinen Enkeln eine Geschichte erzählt. Und die Enkel hörten gespannt zu. Er hat es geschafft, mit einer unvorstellbaren Sachlichkeit und emotional über die Jahre im KZ Mittelbau-Dora zu sprechen. Sachlich – weil er innerlich so damit abgeschlossen hatte, um mit uns darüber reden zu können. Emotional – weil es eine Geschichte war, die so nah und aus seinem Leben gegriffen war, dass sie allgegenwärtig schien. Mädchen neben mir waren so betroffen, dass sie anfingen zu weinen.

Die Frage, die bleibt: Was hat mir das gebracht? Zwar war ich vorher schon über die Grausamkeiten geschockt, über die vielen Leidtragenden und Opfer des Nazi-Regimes. Hohe Zahlen, erschütternde Zahlen aber doch so ungreifbar und fremd. Albert van Dijk hat es mir ermöglicht, die Geschichte dahinter zu sehen und dass die Verantwortung in unserem Leben bei jedem einzelnen liegt.