Reinhard Schramm: Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Un-er-setz-bar"

01.06.2012 17:00

"'Unersetzbar' als Überschrift betrifft nicht nur die heute zu eröffnende Ausstellung und Veranstaltungsreihe. 'Unersetzbar' - das gilt in vollem Umfange auch für den Erinnerungsort Topf & Söhne selbst.

Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen

Farbfoto, ältere Mann steht hinter einem Rednerpult am Mikrofon
Foto: Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Dirk Urban

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Professor Deufel,
sehr geehrte Frau Dr. Schüle,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde,

ich möchte mich im Namen der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen herzlich für die Einladung zur heutigen Ausstellungseröffnung bedanken.

Mein Dank gilt insbesondere Frau Dr. Schüle und Frau Eckenstaler, aber auch allen anderen Beteiligten an der Ausstellung und an den Begleitveranstaltungen unter dem Titel "Un-er-setz-bar. Begegnung mit Überlebenden" am Erinnerungsort Topf & Söhne in unserer Landeshauptstadt Erfurt.

Begegnungen mit Überlebenden des nationalsozialistischen Völkermords lassen sich deshalb nicht durch andere Formen der Wissensvermittlung ersetzen, weil persönliche Schicksale berührender und damit meist überzeugender sind als Statistiken zu Millionen ermordeter Sinti, Roma und Juden.

Und das betrifft nicht nur die nationalsozialistischen Verbrechen.

Das gilt  genauso für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der jüngeren Vergangenheit wie in Kambodscha, Ruanda, im Sudan, im ehemaligen Jugoslawien und anderswo. Deshalb ist es folgerichtig, dass der Erinnerungsort Topf & Söhne z. B. mit der Begleitveranstaltung zu Ruanda auch diese Verbrechen einbezieht.

Denn nicht nur jeder neuen Generation muss immer wieder ein Zugang zur Vergangenheit erschlossen werden. Auch der Kampf gegen die Menschenrechtsverletzungen von heute muss engagiert geführt werden.

Wie notwendig das gegenwärtig in unserer Europäischen Union ist, zeigen die Morde an Muslimen in Deutschland, die Morde an Juden in Frankreich oder zahlreiche Pogromopfer unter den Roma in Osteuropa.

Wenn in Tschechien der Ruf erklingt "Tschechien den Tschechen, Zigeuner ins Gas", dann sind das erschreckende Alarmzeichen. Aber auch der erstarkende Neofaschismus in Ungarn oder die SS-Aufmärsche in Lettland sollten uns wachrütteln.

Unser Eintreten gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus in der Europäischen Union sollte noch leidenschaftlicher sein als Deutschlands gegenwärtiger Kampf um den Euro.

"Unersetzbar" als Überschrift betrifft nicht nur die heute zu eröffnende Ausstellung und Veranstaltungsreihe.
"Unersetzbar" – das gilt in vollem Umfange auch für den Erinnerungsort Topf & Söhne selbst.

Der Erinnerungsort Topf & Söhne verbindet die heutigen Bürger und ganz besonders die Überlebenden und Nachkommen der Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen mit einer der Quellen dieser Verbrechen. Dabei besteht die Einzigartigkeit des Erinnerungsorts Topf & Söhne darin, dass er wie kein anderer Ort in Europa die technische Seite der nationalsozialistischen Menschenvernichtung verdeutlicht.

Warum ist das so wichtig?
Schuld an dem Völkermord an den Sinti, Roma und Juden war nicht allein Hitler, schuld war auch nicht allein die SS.
Nein, bis auf rühmliche Ausnahmen machten sich im Nationalsozialismus alle Teile der Gesellschaft schuldig.
Zu den Mitschuldigen gehörten auch Lehrer, Ärzte, Gefängnisbeamte, Eisenbahner, Finanzbeamte, selbst Hausfrauen und Mütter und viele andere.

Zu den Mitschuldigen gehörten aber eben auch die Techniker und Angestellten von Industriebetrieben.
Der Erinnerungsort Topf & Söhne beweist das unwiderruflich.

Was haben die Lehrer in den Schulen meiner Heimatstadt Weißenfels gedacht, als sie alle jüdischen Kinder nach unendlichen Demütigungen aus der Schule warfen?

Was haben die Ärzte meiner Stadt gedacht, als sie dem sechsjährigen Bernd Wolfson die Behandlung verweigerten, so dass das jüdische Kind an einer Mittelohrvereiterung sterben musste?

Was hat der Gefängnisbeamte gedacht, der bei einem Gefängnisbesuch meiner Mutter einen jungen Zigeuner - wie man damals sagte - schlug und hinaus warf, nur weil er seine Mutter nicht auf Deutsch begrüßte?

Was haben die Frauen und Mütter unseres Wohnhauses gedacht, als sie meiner Mutter bei Bombenalarmen den Luftschutzkeller verweigerten, weil sie nicht neben einer Jüdin mit deren Baby sitzen wollten?

Was haben die Eisenbahner gedacht, als sie Tag und Nacht die Dresdner Bahnanlagen reparierten, um die letzten Juden aus den sogenannten "Mischehen"  meiner Stadt noch am brennenden Dresden vorbei in das KZ Theresienstadt zu bringen?

Was hat die Finanzbeamtin gedacht, als sie in kurzen Abständen die Akten meiner ermordeten Verwandten schloss und auf die Akte meiner Großmutter schrieb: "Jüdin Emma–Sarah Murr. Es ist zu löschen ALLES"?

Und was haben die Ingenieure von Topf & Söhne aus Erfurt gedacht, als sie trotz Kenntnis des Massenmordes in Auschwitz mit Ordnung, Fleiß und Pünktlichkeit immer leistungsstärkere Verbrennungsöfen gebaut und in Auschwitz aufgebaut haben.

Als Kind habe ich oftmals gedacht:

Ohne den Fleiß, die Ordnung und die Pünktlichkeit dieser deutschen Fachleute wären ihre Gaskammern nicht so dicht und die Leichenverbrennung unserer Angehörigen nicht so schnell gewesen.
Vielleicht wäre mir dann wenigstens meine Oma geblieben.

Heute sage ich aus tiefster Überzeugung:
Unsere deutschen Tugenden haben nur dann Sinn, wenn wir mit ihnen vor allem die Menschenrechte und unsere Demokratie verteidigen.

Das Team des Erinnerungsortes Topf & Söhne tut das.
Ich danke dafür.