Rolf Rombach: Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Kicker, Kämpfer, Legenden"

08.05.2015 17:00

"Nach dem Zweiten Weltkrieg spielten Juden nie wieder eine vergleichbare Rolle im deutschen Fußball. Ihre Verdienste wurden verdrängt, gerieten in Vergessenheit."

Rolf Rombach, Präsident des FC Rot-Weiß Erfurt e. V.

Farbfoto; Mann spricht in ein Mikrofon
Foto: Rolf Rombach, Präsident des FC Rot-Weiß Erfurt e. V. Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

"Fußball verbindet". Das ist nicht nur ein Spruch, der die letzten Jahre, vor allem seit der WM 2006 durch aller Munde geht. Heute ist es Normalität, dass Leute mit unterschiedlichen Wurzeln zusammen spielen. Ein Blick auf die Aufstellung für die WM 2014 genügt, um das zu sehen. Es spielt ein Lukas Podolski (Polen) mit einem Jérome Boateng (Ghana) und einem Mesut Özil (Türkei) zusammen mit einem Thomas Müller, Manuel Neuer, Bastian Schweinsteiger. Bestes Beispiel ist neben der Nationalmannschaft auch unser Verein Rot-Weiß Erfurt. Neben Philipp Klewin und Carsten Kammlott spielen bei Rot-Weiß Steve Gohouri (Elfenbeinküste)und Okan Aydin (Türkei).

Leider war dies nicht immer so! In der Zeit des Nationalsozialismus war es für jüdische Spieler, Trainer und Funktionäre unmöglich, in Deutschland ihren Sport weiter auszuüben. Unmittelbar nach der Machtübernahme begannen die Nationalsozialisten mit der Verfolgung und Diskriminierung der Juden in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Deutsche Juden haben entscheidend zur Entwicklung des Fußballs und seiner Organisation in Deutschland beigetragen. Die Juden hatten in den Vereinen entweder leitende Positionen oder standen den Vereinen als finanzielle Förderer zur Seite, so z. B. Kurt Landauer als Präsident des FC Bayern München oder die Brüder Fritz und Lothar Adler, die zusammen mit Walter Neumann die Schuhfabrik J. & C. A. Schneider leiteten und Eintracht Frankfurt unterstützten. Aber dem DFB kam es sehr gelegen, dass sich ihm nun durch die Rassenideologie der Nationalsozialisten eine Möglichkeit bot, gegen die einflussreichen jüdischen Befürworter des Berufsfußballs vorzugehen. Im April 1933 verkündete der DFB, dass "Angehörige der jüdischen Rasse" in "führenden Stellungen der Verbandsinstanzen und Vereine […] nicht tragbar" seien.

Ohne die deutschen Juden würde es nicht diese Strukturen geben, wie sie heute vorherrschen: Sie wirkten bei der Gründung vieler Vereine mit, trugen wesentlich zur Gründung des DFB bei, dessen Namen einer von ihnen (Walter Bensemann) vorschlug, und stellten in vielen Mannschaften Spieler. Die jüdischen Fußball-Pioniere wurden umjubelt, verehrt und respektiert. Sie spielten in Vereinen wie Bayern München, Hamburger SV, Eintracht Frankfurt, 1. FC Nürnberg, Schalke 04, Stuttgarter Kickers, Alemannia Aachen. Darunter waren auch zwei Nationalspieler, Julius Hirsch mit sieben und Gottfried Fuchs mit sechs Berufungen. Fuchs erzielte in einem Spiel gegen Russland zehn Tore, ein Rekord, der bis heute nicht wieder erreicht wurde.

Unter den Nationalsozialisten änderte sich die Situation schlagartig. Nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 wurden in wenigen Wochen die jüdischen Mitglieder aus vielen Vereinen ausgeschlossen. Bereits am 9. April 1933 betonten 14 Vereine aus dem Süden und Südwesten der Republik in einer gemeinsamen Resolution, sich "der nationalen Regierung freudig und entschieden" zur Verfügung zu stellen und "insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen" mit den neuen Machthabern zusammenzuarbeiten. Der Kreis der unterzeichnenden Vereine dieser sogenannten Stuttgarter Erklärung liest sich wie das damalige Who is who des südwestdeutschen Fußballs: Stuttgarter Kickers, Karlsruher FV, Phönix Karlsruhe, Union Böckingen, FSV Frankfurt, Eintracht Frankfurt, 1. FC Nürnberg, SpVgg Fürth, SV Waldhof, Phönix Ludwigshafen, FC Bayern München, TSV 1860 München, 1. FC Kaiserslautern und FK Pirmasens. Lediglich einzelne Vereine wie Bayern München hielten zumindest den Kontakt aufrecht und ließen ihre jüdischen Mitglieder so lange wie möglich am Vereinsleben teilhaben. Ernsthafte Versuche, die jüdischen Mitglieder in Schutz zu nehmen oder für sie einzutreten, obwohl sie vielfach schon seit dem Kaiserreich dazu gehörten, sind kaum bekannt. Umso wichtiger ist das in dieser Ausstellung dargestellte Beispiel aus Schwarza im Thüringer Wald.

Jüdische Fußballer wurden schon in den ersten Jahren der NS-Herrschaft in eine Art sportliches Ghetto abgedrängt: in getrennte Ligen, auf getrennte Plätze, fast ohne Berührungspunkte mehr mit dem übrigen deutschen Sport. Zwei konkurrierende Verbände warben im jüdischen Leben um die Sportler. Der Deutsche Makkabikreis und der Sportbund Schild. Den größten Zulauf verzeichneten beide Verbände 1935 und 1936. In diesen Jahren waren rund 40.000 Sportler, darunter rund 10.000 Fußballer, in 213 Vereinen organisiert. Es mag aus heutiger Sicht verwunderlich sein, warum gerade der Sport im Leben der jüdischen Bevölkerung in einer Zeit extremer Verfolgung eine so große Bedeutung gewann. Erinnerungen von Zeitzeugen lassen vor allem zwei Schlüsse zu: Zum einen wurde der Sportplatz zu einer Art Schutzraum, wo Aktive und Zuschauer die Sorgen ihres Alltags für ein paar Stunden vergessen konnten. Zum anderen bot der Sport für Juden in der NS-Zeit eine fast einzigartige Möglichkeit, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und entgegen der nationalsozialistischen Propaganda sich selbst und ihrer Umwelt zu demonstrieren, zu welchen Leistungen sie fähig waren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg spielten Juden nie wieder eine vergleichbare Rolle im deutschen Fußball. Ihre Verdienste wurden verdrängt, gerieten in Vergessenheit.

Für die Aufarbeitung der Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die Fußballgeschichte in Deutschland sind solche Ausstellungen von großer Bedeutung. Wir dürfen nicht die Augen verschließen vor dem, was war. Unsere jüdischen Mitbürger haben einen großen Anteil an der heutigen Fußballwelt in Deutschland. Dieses darf nicht in Vergessenheit geraten! Wir als Rot-Weiß Erfurt werden unser Bestmögliches tun, um die Aufarbeitung aktiv zu unterstützen!