Gabi Ohler: Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Kicker, Kämpfer, Legenden"

08.05.2015 17:00

"Die Geschichte der deutschen Juden im Fußball ist eine Vorgeschichte des Holocaust. Die Sportler wurden ausgeschlossen, isoliert und viele von ihnen wurden ermordet."

Gabi Ohler, Staatsekretärin im Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport

Farbfoto; Frau spricht in ein Mikrofon
Foto: Gabi Ohler, Staatsekretärin im Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Tamara Thierbach,
Sehr geehrter Herr Stein,
Sehr geehrter Herr Rolf Rombach,
Sehr geehrter Herr Dr. Anselm Hartinger,
Sehr geehrte Frau Dr. Annegret Schüle,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Musiker,

Die Musiker haben uns daran erinnert, wie lebendig die 20er Jahre waren und gleichzeitig wissen wir, wie grausam die 30er Jahre dem ein Ende bereitet haben. Wir gedenken am 70. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus in Dankbarkeit der alliierten Truppen, die unter eigenen großen Opfern der nationalsozialistischen Diktatur ein Ende gemacht haben. Und wir gedenken der Verbrechen der Nationalsozialisten – in Trauer um die, die unter den Nazis gelitten haben und ermordet wurden, sowie im Bewusstsein dessen, dass mit diesen Verbrechen unser Land immer in einer besonderen Verantwortung stehen wird.

Die Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und dieses Haus helfen uns dabei, uns das Ausmaß der Verbrechen immer wieder aufs Neue zu vergegenwärtigen. Die Geschichte des deutschen Fußballsportes, die wir heute hier in der Ausstellung nachvollziehen können, hilft uns, zu begreifen, wie seit Beginn des Nationalsozialismus Ausgrenzung, Rassenhass und Antisemitismus den Alltag prägten und das Zusammenleben schleichend vergifteten.

Die Geschichte der deutschen Juden im Fußball ist eine Vorgeschichte des Holocaust. Die Sportler wurden ausgeschlossen, isoliert und viele von ihnen wurden ermordet. Wir schulden ihnen eine öffentliche Rehabilitierung. Die Ausstellung zeigt: Ohne jüdische Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Funktionäre und Mäzene wäre der deutsche Fußball heute nicht das, was er ist. Diese Erkenntnis setzt sich erst allmählich durch. Denn mit dem Ausschluss der Juden haben die Vereine und Verbände auch systematisch alle Erinnerungen und Würdigungen in Chroniken und Festschriften getilgt. Hier in der Ausstellung ist z. B. zu erfahren, dass das Fußballmagazin "Der Kicker" 1920 von dem jüdischen Sportjournalisten Walther Bensemann gegründet wurde. Er hat Vereine ins Leben gerufen, Länderspiele organisiert und dem "Deutschen Fußballbund" 1900 seinen Namen gegeben. Zu erfahren ist auch, dass die beiden jüdischen Spieler Gottfried Fuchs und Julius Hirsch 1910 den Karlsruher Fußball-Verband zum Meister machten. Damals waren sie legendär – heute dürfte sie kaum jemand mehr kennen.

Fußball ist keine Randerscheinung. Die rund 300 Saisonspiele der Bundesliga verfolgen durchschnittlich 40.000 Zuschauer im Stadion und Millionen Menschen via Rundfunk, Fernsehen oder neue Medien. Der Profifußball erzeugt jährlich über fünf Milliarden Euro Wertschöpfung und bindet rund 110.000 Jobs. Seine 6,8 Millionen Mitglieder machen den DFB zum größten nationalen Sportverband der Welt. Die mehr als 25.000 Vereine bestreiten im Schnitt 5.000 Spiele pro Tag. Fußball hat in Deutschland gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Relevanz. Und wenn man über das "Phänomen Fußball" in Deutschland spricht, gehört das Kapitel "Juden im deutschen Fußball" unbedingt mit dazu – vollständig und historisch-kritisch.

Die Aufklärung über das Schicksal jüdischer Fußballer ist wichtig, weil es ein mahnender Fingerzeig ist. Jeder kennt Beispiele rassistischer Beleidigungen, antisemitischer Parolen oder gewalttätiger Fanausschreitungen. Und das heute – im 21. Jahrhundert. Rechte Kräfte haben die Stadien und die gewaltbereiten Fans für sich entdeckt. Sie versuchen gezielt, neue Anhänger zu rekrutieren und Fanblöcke für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Diesen Übergriffen müssen wir entschieden entgegentreten.

In Thüringen haben wir gute Erfahrungen mit Fanprojekten gemacht. Es gibt sie in Erfurt, Jena und Gera. Sie helfen, die Gewalt im Zusammenhang mit Fußballspielen zu verringern – durch vorbeugende Angebote, Einzelfallhilfen und soziale Gruppenarbeit. Fanprojekte sind damit ein wichtiger Bestandteil präventiver Jugend- und Sozialarbeit. Das Land fördert sie deshalb mit mehr als 120.000 Euro.

Fußball hat gesellschaftliches Potential. Das Spiel bringt Menschen einander näher, überwindet Hürden und stiftet ein Gemeinschaftsgefühl. Es hat die integrative Kraft, die wir angesichts aktueller Herausforderungen brauchen. Täglich treffen Menschen in Deutschland, in Thüringen ein, die unserer Hilfe bedürfen. Menschen in größter Not; traumatisiert, herausgerissen aus ihrem kulturell-religiös-sprachlichen Umfeld, die sich hier fremd und isoliert fühlen. Hilfe bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als Essen und Obdach.

Der Sport bietet eine gute Gelegenheit, um den hier eintreffenden Menschen positive Erlebnisse und gesellschaftlichen Zugang zu verschaffen. Es gibt in Thüringen eine ganze Reihe von Initiativen und Ansätzen, die sich um das gute Zusammenwachsen verschiedener Kulturen über den Sport bemühen.
Gemeinsam mit dem Thüringer Fußballverband plant der Landessportbund für dieses Jahr ein Projekt, das Fußballangebote für Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften initiiert.

Ich wünsche dieser Sonderausstellung zahlreiche Besucherinnen und Besucher, die sich gern in dieses Kapitel deutscher Fußballgeschichte einführen lassen. Ich wünsche dieser Ausstellung einen langen Nachhall, ein Umdenken, eine neue Sensibilität bei den Themen Sport – Integration – Diskriminierung. Und ich wünsche dem umfangreichen Begleitprogramm eine rege Nachfrage vor allem unter den jungen Leuten.