Tamara Thierbach: Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Kicker, Kämpfer, Legenden"

08.05.2015 17:00

"Weil Forschung, innovative Ausstellungsarbeit und Pädagogik hier am Erinnerungsort auf sehr gelungene Weise kombiniert werden, gewinnen wir neue hochinteressante Einblicke in unsere Erfurter und Thüringer Geschichte."

Tamara Thierbach, Bürgermeisterin der Landeshauptstadt Erfurt

Farbfoto; ältere Frau spricht in ein Mikrofon, linke Hand ist erhoben
Foto: Tamara Thierbach, Bürgermeisterin der Landeshauptstadt Erfurt Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Sehr geehrte Frau Staatssekretärin Ohler,
sehr geehrter Herr Rombach,
sehr geehrter Herr Stein,
lieber Herr Dr. Hartinger,
liebe Frau Dr. Schüle,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich im 20. Jahrhundert, in dem die nationalsozialistischen Verbrechen nicht ihre Spuren hinterlassen haben. Manchmal ist uns das gar nicht bewusst. Mit den Menschen ist oft auch die Erinnerung an ihr Leben und an ihre gesellschaftliche Leistung vernichtet worden. Dies nun für den Fußball, eine der beliebtesten und am weitesten verbreiteten Sportart weltweit, zu zeigen, ist ein großes Verdienst der Ausstellung. Herzlichen Dank an das Centrum Judaicum für die Wanderausstellung "Kicker, Kämpfer, Legenden. Juden im deutschen Fußball" und an alle im Team des Erinnerungsortes, die an der Erarbeitung des regionalen Ausstellungsteils "Vom Platz vertrieben. Juden, Fußball, Nationalsozialismus in Thüringen" beteiligt waren sowie an alle Bürger, Archive und Vereine, die uns mit Hinweisen und Leihgaben unterstützt haben.

Weil Forschung, innovative Ausstellungsarbeit und Pädagogik hier am Erinnerungsort auf sehr gelungene Weise kombiniert werden, gewinnen wir neue hochinteressante Einblicke in unsere Erfurter und Thüringer Geschichte. Dass der jüdische Schuhfabrikant Alfred Hess die Stadt Erfurt zur modernen Kunstmetropole machte, ist allgemein bekannt. Dass er auch den Vorgängerverein von Rot-Weiß Erfurt, den Sport-Club Erfurt großzügig finanziell unterstützte und ihm 1909 einen eigenen Sportplatz bei der Cyriaksburg kaufte, weit weniger. Vergleichbare Geschichten berichtet die Ausstellung aus Jena, Gera, Schwarza und Meiningen. Nicht nur bei den großen Vereinen wie FC Bayern München, Eintracht Frankfurt oder dem 1. FC Nürnberg waren jüdische Bürger als Gründer, Trainer, Spieler und großzügige Förderer beteiligt. Der Erinnerungsort entdeckte nun bei seinen Forschungen auch die Spuren fußballbegeisterter Thüringer, die ihre Vereine als Spieler, Fan, Funktionär oder Mäzen unterstützten – und nach 1933 als Juden aus den Vereinen ausgeschlossen, zur Emigration gezwungen oder ermordet wurden. Die Vertreibung der Juden aus dem Sport und die Zerstörung der jüdischen Sportbewegung bis 1938 ist die Geschichte eines großen Verlustes, der jahrzehntelang vergessen war. Ich danke allen, die mitgeholfen haben, dass dies nun auch Thema für Thüringen ist.

Die Ausstellungsmacherinnen und -macher haben nicht nur in den Archiven geforscht und die Spuren emigrierter Juden verfolgt. Sie haben auch Fußballfans, ihre Vereine und ihre Fanprojekte einbezogen. Die Ausstellung ist zu einem gemeinsamen Statement geworden, dass eine Kultur des Respekts gegenüber anderen Menschen unabhängig von ihrer Meinung, Herkunft, Religion und sexuellen Orientierung in den Fußballstadien so wichtig wie in der gesamten Gesellschaft ist. Das vielfältige Begleitprogramm zur Ausstellung ermöglicht unbekannte Einblicke in die Fußballgeschichte und thematisiert gemeinsam mit den Fanprojekten, wie sich Antisemitismus, Rechtsextremismus und Rassismus im Fußball heute zeigt und bekämpft werden kann.

Wie Sie wissen, gehört es zu meiner politischen Aufgaben, den ankommenden Flüchtlingen nach dem Verlassen ihrer zerstörten Heimat, nach Terror und Krieg ein menschenwürdiges Leben hier in Erfurt zu ermöglichen. Auch deshalb begrüße ich Initiativen wie diese, die mit einem Blick zurück in die menschenverachtende Politik im 20. Jahrhundert für unsere heutige Verantwortung für die Menschenrechte sensibilisieren.

Ich freue mich sehr, Wolfgang Nossen, den langjährigen Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde und unermüdlichen Mahner gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus, hier in dieser Ausstellung von einer neuen Seite kennenzulernen. Auf zwei Medienstationen können Sie sich ein Interview anschauen, in dem er über sein Leben berichtet. Er kam 1945 mit seinen Eltern und seinen Schwestern aus Breslau nach Erfurt. Wolfgang war erst vierzehn und hatte schon die Verhaftung des Vaters, Zwangsarbeit, Misshandlung und Todesangst hinter sich. Gemeinsam mit seinem Vater Max, einem leidenschaftlichen Sportler, organisierte er sich hier in Erfurt in der neugegründeten jüdischen Sportgemeinschaft Hakoah. Hakoah heißt Kraft. Es erfüllt mich mit besonderer Freude, dass Wolfgang Nossen für einen doppelten Neubeginn der jüdischen Gemeinschaft steht – jenen zarten und schnell wieder bedrohten nach 1945 und jenen nach 1989. Heute ist jüdisches Leben hier in Erfurt ein fester, unverzichtbarer und sehr bereichernder Teil unserer Bürgergesellschaft und wir werden alles dafür tun, dass dies so bleiben kann.

Ich wünsche mir, dass diese Ausstellung viele Menschen erreicht, weil sie in den Köpfen etwas verändern kann. Annegret Schüle und ihr engagiertes Team beweisen, dass ein Geschichtsmuseum eine Inspirationsquelle für neue Blicke auf unsere Geschichte und für die lebendige und produktive Begegnung mit ihr sein kann. Nicht umsonst hat dieses Haus vor wenigen Monaten den Museumspreis der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen erhalten. Weiter so!