Anselm Hartinger: Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Kicker, Kämpfer, Legenden"

08.05.2015 17:00

"Und nicht zuletzt ist diese Wanderausstellung vor allem in ihrem Thüringer Teil in eher ungewöhnlicher Weise als eine echte Forschungsausstellung konzipiert."

Anselm Hartinger, Direktor Geschichtsmuseen der Landeshauptstadt Erfurt

Farbfoto; Mann spricht in ein Mikrofon
Foto: Dr. Anselm Hartinger, Direktor Geschichtsmuseen der Landeshauptstadt Erfurt Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Schiri, wir wissen, wo Dein Auto steht!
Hängt ihn auf, das schwarze Schwein!
Ihr seid Preußen, asoziale Preußen, ihr schlaft unter Brücken, oder in der Bahnhofsmission!
Berlin, Berlin, Juden-Berlin!

Das sind schlimme Sätze - ja es ist wohl kaum möglich, in wenigen Worten so viele diskriminierende Aussagen auf einmal zu versammeln. Und doch sind dies nur ausgewählte Beispiele jener zahllosen Slogans, wie sie noch heute in vielen Fußballstadien dieses Landes erklingen. Und es sind Sprüche, die ich auch selbst in meiner Jugend – die sich zu einem beträchtlichen Teil auf dem Dammsitz eines Stadions im Leipziger Stadtteil Leutzsch abspielte – immer wieder zu Gehör bekam; Ausländer, bei denen man "Raus!" hätte rufen können, gab es damals ja noch fast keine in der DDR. Mein Vater jedenfalls ist bei diesen fragwürdigen "Fangesängen" immer sehr still geworden und ich werde nie vergessen, wie er mich dabei am Arm fasste und so unmissverständlich deutlich machte, dass wir vor allem jenen letzten bösen Spruch keinesfalls mitsingen werden. Mich hat diese kleine, aber bewusste und selbstgewählte Distanzierung, dieses gar nicht selbstverständliche Heraustreten aus der großen Gruppenidentität eines Stadionrunds damals sehr verstört. Es waren doch die "Unseren", die da lautstark etwas äußerten, was eigentlich Gemeinschaft stiften sollte. Und die dabei doch Grenzen überschritt und selbst wieder Ausgrenzung provozierten – und zwar nach innen und nach außen zugleich.

Ich möchte noch eine weitere persönliche Begebenheit dieser Zeit beisteuern, die eher eine Betroffenheit ist und viel mit früher Sensibilisierung für Gewaltprojektionen im Sport zu tun hat. Auch dies eine Fußballgeschichte, die in einer Leipziger Straßenbahn der frühen 1980er Jahre spielt. Auch hier werde ich nie vergessen, was geschah, als plötzlich eine Gruppe von radikalisierten Fußballfans zustieg und binnen kurzem sämtliche Anwesende mit Hassgesängen und physischen Drohgebärden terrorisierte, die eindeutig antisemitisch und gewaltverherrlichend waren. Merkwürdigerweise waren dies nun jedoch die Anhänger des Berliner Fußballklubs Dynamo, jenes allseits verhassten BFC, der ja als Prestigeobjekt der Staatssicherheit mit Hilfe der Obrigkeit und der Schiedsrichter noch jedes Spiel und jede Meisterschaft gewann und dessen Fans also eigentlich sozialistische Vorzeigejugendliche hätten sein müssen. Es waren aber – ohne dass ich diesen Begriff damals schon kannte – in Tat und Wahrheit Nazi-Hooligans im modernen und schlimmsten Sinne. Dann, auf dem Platz, wo sich der Fußball als eines der wenigen halbwegs offenen Ventile der Staatskritik erwies, begannen sich die Maßstäbe erneut zu verschieben. Wurden doch von den ob der staatlichen Schiebungen und nicht nur sportlichen Zurücksetzungen erbosten Leipziger Anhängern nun wiederum die Hauptstädter Schläger samt ihrer Mannschaft als "Berliner Juden" beschimpft – obwohl sicher kein einziger Mensch jüdischer Abstammung auf dem Platz stand und es sich bei den beschimpften Anhängern des Vereins selbst ja offenkundig um rechtsradikale Judenhasser handelte. Dass im Stadion eines Landes, das ja eigentlich mit Faschismus und Rassenhass aufräumen wollte, dann dennoch und sogar wechselseitig antijüdische Slogans skandiert wurden, hat mich seinerzeit ebenfalls verstört und mir deutlich gemacht, welch vielgestaltige Formen Ausgrenzung, Feindbilder und Stellvertreterkriege auch im Fußball annehmen können. Dass es also auch in diesem scheinbar unpolitischen Feld um die Instrumentalisierung von Geschichte ging und geht – und damit sind wir mitten in unserem Thema, mitten in unserer Arbeit hier in den Erfurter Geschichtsmuseen.

Sehr geehrte Frau Staatssekretärin,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin,
sehr geehrte Vertreter der Jenaer und Erfurter Fußballvereine,
meine Damen und Herren,

ich möchte sie sehr herzlich begrüßen zu dieser Ausstellungsvernissage. Sie reiht sich ein in eine ganze Serie von Neueröffnungen, mit denen die Erfurter Geschichtsmuseen in diesem Monat an die Öffentlichkeit treten. Diese reicht von der neuen Mitmachausstellung im barocken Rentamt der Wasserburg Kapellendorf über eine Sonderpräsentation zu 800 Jahren Erfurter Ratsgeschichte im Stadtmuseum bis zu einer Diapräsentation, die unter dem Titel "Erfurt in Farbe" die Veränderungen des Stadtbildes und Lebensalltags in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in den Blick nimmt. Nun also "Juden im deutschen" und besonders "im Thüringer Fußball". Fürwahr, ein spannendes, ein weites Feld, das gewiss mehr als die standardisierten Mindestmaße von 60 mal 90 Metern umfasst. Für uns ist dieser frühlingshafte Mai daher tatsächlich eine Zeit der musealen Aussaat – denn es ist ja ein Irrtum, zu denken, mit der Eröffnung einer Ausstellung würde man bereits die Ernte der vorher eingebrachten Mühen einfahren. Kann sie doch nur der Beginn eines Denk- und Erlebnisprozesses sein, der in den Besuchern und Mitarbeitern zugleich wächst und Platz greift. Insofern vermag eine Ausstellung wie diese zunächst auch nur das Spielfeld zu bereiten – dies ist kein Kalauer, sondern ein treffendes Wort, denn auch Museen sind gewissermaßen Spielfelder der Ideen und Kontroversen, auf denen Menschen – und zwar damals wie heute, über Epochen und Vorurteile hinweg – miteinander in Dialog treten.

Es ist dies nun unverkennbar eine besondere Ausstellung, was schon allein mit der Tatsache zu tun hat, dass es eine Doppelausstellung ist: "Kicker, Kämpfer, Legenden: Juden im Deutschen Fußball", dies eine Wanderausstellung des Zentrum Judaicum, die mit "Vom Platz vertrieben" einen spezifisch Thüringer Teil zugesellt bekommen hat, der weit mehr als eine bloße Ergänzung ist. Ich möchte daher Frau Dr. Schüle, Frau Schubert und dem ganzen Team des Erinnerungsortes meinen Glückwunsch und mein Kompliment aussprechen, dass sie sich sie sich dieses Thema gewählt und damit ein wirklich spannendes Feld nicht nur bereitet, sondern es regelrecht umgepflügt haben. Das war nicht selbstverständlich, sondern eine mutige und ungewöhnliche Entscheidung, wobei ich dahingehend nur drei Aspekte herausgreifen möchte.

Zum einen handelt es sich um ein äußerst populäres und doch schwieriges Thema. König Fußball regiert die Welt, gerade auch in Deutschland – und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb ist diese Materie von besonders vielen Tabus umstellt. Ich nenne nur die Bereiche Doping und Homophobie, die rechtsradikale Verstrickung von Teilen der Fankultur und eben die Geschichte dieses Paradesportes, die auf vielfältige und lange verdrängte Weise mit Strukturen und Inszenierungen der Macht, mit Ausgrenzung, mit Schuld und gespaltener Erinnerung verwoben ist.

Zum anderen ist dies ein Thema, das auf den ersten Blick nicht zum typischen Repertoire eines Industrieortes und einer NS-Erinnerungsstätte mit ihren jeweils charakteristischen Erzählsträngen, Programmlinien und Quellengattungen gehört und das insofern eine gewisse Bereitschaft zur Neuorientierung voraussetzt – ich denke da nur an unsere gemeinsame Aktion kürzlich während eines Heimspiels im Erfurter Steigerwaldstadion. Es ist dafür aber ein Thema, das die Gelegenheit bietet, auch einmal in spielerischer Weise an die heutige Lebenswelt anzuknüpfen – gerade im Begleitprogramm – und das damit zeigt, dass die Anbindung des Erinnerungsortes Topf & Söhne an Erfurt und seine Geschichtsmuseen sowie an das Netzwerk Jüdisches Leben nicht nur eine Strukturentscheidung auf Strategiepapieren und Organigrammen ist, sondern dass es dort unübersehbar lebendige Bezüge gibt, bei denen wir gerade erst damit begonnen haben, sie auszuschöpfen. Sie zeigen, dass Erfurt diesen Ort nicht nur einfach im Bestand seiner Museen mitlaufen lässt, sondern dass es ihn für seine Geschichtskultur nachgerade braucht! Und zwar nicht nur als Brandmal und offene Flanke gegen jedwede unbefragte Traditionspflege, sondern als veritables Spielfeld, auf dem Dinge und Themen möglich werden, die so an keinem anderen Ort in Erfurt glaubhaft dargestellt werden könnte. So wie im Umkehrschluss dieser Erinnerungsort seine Erfurter Anbindungen und die konkreten Geschichten dieser Stadt benötigt, um sein spezifisches Profil im Reigen der NS-Gedenkstätten zu erhalten und immer wieder aufs Neue zu bestimmen.

Und nicht zuletzt ist diese Wanderausstellung vor allem in ihrem Thüringer Teil in eher ungewöhnlicher Weise als eine echte Forschungsausstellung konzipiert – keine für derartige Fälle eher typische Zweitverwertung, mit der man nach erfolgreicher Erstpräsentation bestimmte Wissensstände in verdichteter Form auf die Reise schickt, sondern ein ganz originäres Erkenntnistableau, in das bis in die letzten Tage hinein noch aktuelle Neuentdeckungen eingeflossen sind. Kein Wunder, dass bis zuletzt um jede Zeile und jedes Bild gerungen wurde, und diese Ausstellung ist daher auch ein überzeugendes Beispiel dafür, dass Museen nicht nur aus passiv bespielbaren Wänden und Flächen bestehen, auf denen man entweder Objekte bestaunt oder aber wissenschaftliche Ergebnisse in vereinfachter Form an den Mann oder die Frau bringt. Nein, sie können sehr wohl Orte einer praxisbezogenen Forschung sein, und zwar gerade dann, wenn sie auch in der Fachwelt so gut vernetzt sind wie Frau Dr. Schüle und der Erinnerungsort. Und ich rechne es ihr und ihrem Team deshalb hoch an, dass man aus den Ausstellungen dieses Hauses immer klüger herauskommt, als man hineinging – und dies sage ich ganz dezidiert als jemand, der durchaus für einen gewissen Unterhaltungs- und Erlebnischarakter von Museen steht und eintritt.

Mir bleibt zu danken: Dem Freistaat für die Förderung, den zahlreichen Partnern für die Kooperation beim Begleitprogramm und den Bildungsangeboten – namentlich den Fußballvereinen und Fanprojekten in Erfurt und Jena –, Frau Dr. Schüle als Kuratorin, Frau Zielinski als wichtige Forschungspartnerin und dem durch Studierende und Praktikanten erweiterten Team des Erinnerungsortes.

Ich wünsche der Ausstellung, dass sie möglichst viele erreicht, zum Nachdenken anregt und Geschichte damit auf spielerische Weise erlebbar macht. Vielleicht wird es dann – und damit möchte ich die schlimmen Slogans des Beginns in eine nicht nur politisch korrektere, sondern auch stimmigere und kreative Version überführen: irgendwann auch einmal über diesen Erinnerungsort heißen:

Erfurter wissen, wo man denken lernt!

oder

Ihr seid Forscher, engagierte Forscher, ihr zeigt uns Geschichten, und zugleich die Freude daran!

oder, ein weiterer Fußballstadion-Klassiker:

Über Erfurt, über Jena, über dem Thüringer Fußball lacht die Sonne, über Rassismus die ganze Welt!