Annegret Schüle: Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Kicker, Kämpfer, Legenden"

08.05.2015 17:00

"Mit unserer Ausstellung befinden wir uns an einem Schnittpunkt von zwei Themen, die jeweils für sich allein große Bedeutung haben und viele Menschen interessieren."

Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes Topf & Söhne

Farbfoto; eine Frau steht am Rednerpult und unterschreibt auf einem Fußball
Foto: Dr. Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsort Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Sehr geehrte Frau Staatssekretärin Ohler,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Thierbach,
sehr geehrter Herr Dr. Hartinger,
sehr geehrter Herr Rombach,
sehr geehrter Herr Stein,
sehr geehrter Herr Prof. Schramm, lieber Reinhard,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Fußballfreunde,

Zu einer Ausstellung über Fußball gehören Bälle. Dieser ist neu, mit ihm darf und soll gespielt werden. Auch in der Ausstellung werden Sie Bälle finden, davon einen mit einer sehr besonderen Geschichte. Er wanderte als Symbol für Fairplay, Weltoffenheit und Toleranz 2010 von London nach Südafrika und wurde auf seiner völkerverbindenden Reise von 1000en Menschen gespielt und unterschrieben. Dieser Ball hier, noch ganz jungfräulich, aber ebenso wie der Ball zur Weltmeisterschaft in Südafrika ein Projekt von "Spirit of Football", wird nun unser Symbol für diese Ausstellung. Wir laden alle Rednerinnen und Redner ein, den Ball aufzunehmen und zu signieren. Auch Sie, liebe Gäste, laden wir ein, nachher mit dem Ball zu spielen und ihn zu unterschreiben. Er wird dann in den nächsten Monaten von den Jugendlichen unterschrieben werden, die in unseren Bildungsangeboten zur Ausstellung - gefördert vom Lions Club Meister Ekkehard - auch selbst kicken können.

Mit unserer Ausstellung befinden wir uns an einem Schnittpunkt von zwei Themen, die jeweils für sich allein große Bedeutung haben und viele Menschen interessieren. Auf der einen Seite König Fußball. Er ist noch jung, erst vor 150 Jahren brachten fußballbegeisterte Deutsche die als "Fußlümmelei" verspottete "englische Krankheit" in das von der Turnbewegung dominierte Kaiserreich. Auf der anderen Seite die deutsch-jüdische Geschichte. Sie ist alt, in Erfurt reichen ihre Spuren fast eintausend Jahre zurück.

Ich möchte mit dem zweiten Thema beginnen, um dann auf das erste zurückzukommen. Mit der Reichsgründung 1871 erhielten die deutschen Juden endlich die vollen Bürgerrechte, auch wenn die Judenfeindschaft in der Gesellschaft – nun als Rassenhass, als Antisemitismus – fortexistierte. Nun kam es zur Blütezeit in der deutsch-jüdischen Geschichte, in der die jüdischen Bürger ihre neuen Chancen nutzten und die deutsche Gesellschaft in hohem Maße von ihrer jüdischen Minderheit profitierte. Zahlenmäßig war diese mit rund ein Prozent der Bevölkerung marginal, doch als Pioniere einer modernen Gesellschaft waren sie von großer Bedeutung. Sie brachten ihre Erfahrungen als Kosmopoliten ein - Ergebnis ihrer Verfolgung und Vertreibung -, ihre Kompetenzen im Handels-und Finanzgeschäft - Ergebnis des jahrhundertelangen Verbots anderer Berufe - und ihr starkes gesellschaftliches Engagement - Ergebnis der handlungsbasierten Ethik im Judentum.

Das alles hat auch dem deutschen Fußball genutzt. Die ersten internationalen Begegnungen deutscher Mannschaften ab 1893 verdanken wir Walter Bensemann, fußballbegeisterter Sohn eines jüdischen Bankiers in Berlin, der diesen Sport auf einem englischen Internat in der Schweiz kennenlernte. Die Internationalisierung und die Professionalisierung des deutschen Fußballs – für uns heute eine Selbstverständlichkeit – war eine von jüdischen Sportlern und Vereinsfunktionären formulierte und mit durchgesetzte Perspektive. Das Besondere ist nicht, dass sich damals jüdische Bürger diesem modernen Sport verschrieben und sich für ihn engagierten. Das Besondere ist, dass wir davon so wenig wissen – und bis zu dieser Ausstellung so gut wie nichts, was Thüringen angeht.

Als Fans von Fairplay und Weltoffenheit fügen wir heute mit wissenschaftlicher Kompetenz, unermüdlichem Forschergeist und Unterstützung aus der Fußballszene und der Bürgerschaft wieder zusammen, was die Nationalsozialisten mit ihrem Vernichtungs-Antisemitismus getrennt haben: den Fußball und die jüdische Geschichte. Was gibt es für ein besseres Argument gegen die unsägliche Beschimpfung der gegnerischen Mannschaft als "Juden", wenn Fußballfans von den historischen Leistungen jüdischer Bürger für ihren Verein erfahren? Wir haben in den Flyer für die Ausstellung ein Foto mit dem Banner "Juden Dresden" aufgenommen, das 2005 im Cottbuser Fanblock beim Spiel Dynamo Dresden gegen Energie Cottbus hochgehalten wurde. Wir haben uns dafür entschieden, auf Beispiele aus unserer Region zu verzichten, wollen diese Fragen aber am 8. Juli bei einer Podiumsdiskussion mit dem Thüringer Fußballverband, den Fanprojekten und Spirit of Football produktiv diskutieren. Es gilt alle jene zu stärken, die sich gegen Antisemitismus und Rassismus im Stadion engagieren, und deshalb freut es mich sehr, dass die Vereine Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena, ihre Fanprojekte und das Projekt "Spirit of Football" mit in unserem Team sind.

Weil wir die Fußballfans dort erreichen wollen, wo sie mit ihren Gefühlen sind, bei ihrem Verein, bei ihrer Stadt oder ihrer Gemeinde, war es für uns unverzichtbar, zur Wanderausstellung "Kicker, Kämpfer, Legenden. Juden im deutschen Fußball" des Centrum Judaicum eine eigene regionale Ausstellung zu erarbeiten. Wir haben sie "Vom Platz vertrieben. Juden, Fußball und Nationalsozialismus in Thüringen", genannt und ebenfalls als Wanderausstellung konzipiert, so dass sie ab Dezember auch anderswo, zum Beispiel von Vereinen gezeigt werden kann. Es war mühevoll und teilweise auch vergeblich, die Spuren jüdischer Fußballer in Thüringen finden zu wollen. Es fehlen Vereinsmitgliederlisten, Protokolle und oftmals auch Vereinszeitungen. Weitgehend fehlt auch die Auseinandersetzung in der DDR mit diesem Teil der Vereinsgeschichte, als noch Zeitzeugen hätten befragt werden können. Nur in einem Fall, in Gera, hat Werner Simsohn, dessen jüdischer Vater in Auschwitz ermordet wurde, über Jahre hinweg die Geschichte der Juden in Gera zusammengetragen und dabei auch dem Selbstbehauptungskampf der jüdischen Sportgruppe Bar Kochba 1935 ein Denkmal gesetzt. Er selbst war begeisterter Handballer und wurde von seinem nichtjüdischen Trainer im Nationalsozialismus unterstützt. Viele Spuren verdanken wir – das werden Sie in der Ausstellung sehen – den jüdischen Zeitungen, die nach 1933 nur noch eingeschränkt und eine gewisse Zeit erscheinen konnten. Auch sie sind, das spürt man in der Berichterstattung über die Sportereignisse, Foren der Selbstermutigung und gegenseitigen Hilfe in einer immer feindlicher werdenden Umgebung.

Heute vor 70 Jahren wurde der zweite Weltkrieg endlich beendet. Wir haben den Termin zur Ausstellungseröffnung im Gedenken an jene gewählt, für die dieses Ende viel zu spät kam. Vor 73 Jahren, am 9./10. Mai 1942, begann mit der ersten Deportation aus Thüringen die Vernichtung der Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft in unserer Region. Sammelplatz für die Menschen aus 42 Orten war die vor kurzem abgebrannte Viehauktionshalle in Weimar.

Im Informationsblatt des Vorstandes der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen vom März dieses Jahres wird die Frage gestellt, "welche Gemeinschaft es auf Dauer aus(hielte), von ihrer Mitwelt nur als Verkörperung ewiger Opfer und stets wiederkehrender Leiderfahrung wahrgenommen zu werden. (…)" Und weiter: "Um dem Empfinden eigener Machtlosigkeit durch Lügen, Hassparolen, Ausgrenzung und Gewalttaten zu entgehen, ist selbstbewusstes Auftreten unabdingbar. (…) Jüdisch zu sein, heißt nicht zuletzt, das Leben eigenverantwortlich zu gestalten und auf eine Verbesserung der Welt hinzuwirken."

Diesem jüdischen Selbstbewusstsein wollen wir mit unserer Ausstellung eine Facette hinzufügen.
Noch nie zuvor haben wir schon im Vorfeld einer Ausstellungseröffnung so viel mediales Interesse wecken können und Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten. Auch die Bereitschaft vieler vor allem junger Menschen, bei der Erarbeitung dieser Ausstellung zu helfen, war unerwartet groß. Ich möchte hier explizit allen danken, die uns mit Hinweisen, Materialien, Leihgaben und durch ihre Mitarbeit unterstützten. Die lange Liste der Namen können Sie im Impressum unseres Ausstellungsteils nachlesen. Herzlichen Dank auch für die finanzielle Förderung der Erarbeitung der Ausstellung durch den Freistaat.

Wir wollen mit dieser Ausstellung in den Köpfen der Menschen etwas bewirken: neue Einblicke in eine scheinbar vertraute Geschichte, auch die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen. Sie alle können unsere Multiplikatoren sein. Kommen Sie mit Ihren Kollegen, Freunden, mit Ihrem Sportverein. Die auf dem Flyer ausführlich beschriebenen Bildungsangebote sind kostenfrei, Spenden sind willkommen.
Die Ausstellung befindet sich am anderen Ende dieser Etage. Aus baulichen Gründen ist der Raum nur für 50 Personen zugelassen. Ich bitte Sie also gegebenenfalls um etwas Geduld bei einem Glas Sekt oder Wein, zu dem Sie der Förderkreis des Erinnerungsortes einlädt. Bevor wir noch ein Musikstück des Offhausgräbnertrios mit Johannes Gräbner an der Klarinette und Thomas Offhaus an der Gitarre hören und Sie sich anschließend auf der Leinwand die Ballreise von London nach Südafrika anschauen können, noch einen kurzen Ausblick auf unser umfangreiches Begleitprogramm. Es beginnt am 17. Mai, dem Internationalen Museumstag, mit einer öffentlichen Führung um 15;00 Uhr. Ab 14:00 Uhr lädt der Förderkreis zum Informationscafé zum Motto dieses Tages "Museum. Gesellschaft. Zukunft" und seinem eigenen zivilgesellschaftlichen Engagement für diesen Ort der Verantwortung ein.

Am 20. Mai findet unsere erste Abendveranstaltung in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung statt. Der Soziologieprofessor Stefan Kühl spricht über die staatlichen und gesellschaftlichen Organisationen im Nationalsozialismus, die mit ihrem "normalen Funktionieren" den Holocaust erst möglich gemacht haben – für uns als Ort der "normalen" Mittäterschaft von Technikern und Unternehmern ein wichtiges Thema.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit. Die Ausstellung ist hiermit eröffnet.