Annegret Schüle: Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Un-er-setz-bar" in Gotha

07.08.2014 17:50

"Das Leben dieser Menschen bezeugt verschiedene Dimensionen der nationalsozialistischen Verfolgung, des Widerstands und der Rettung. Eigens für die Ausstellung geführte Film-Interviews, Dokumente und Fotos berichten von der Kindheit, den Lagererfahrungen und dem Schicksal der Familien."

Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes Topf & Söhne

weibliche Person mittleren Alters im hellen Blazer am Rednerpult mit Mikrofon
Foto: Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes Topf & Söhne Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Sehr geehrter Herr Dr. Wickler,
sehr geehrter Herr Dr. Klüsener,
sehr geehrter Herr Eckstein,
sehr geehrter Herr Prof. Schramm, lieber Reinhard,
sehr geehrte Damen und Herren,

Unersetzbar ist die Begegnung mit Überlebenden. Davon berichtet eindrücklich die Ausstellung des Erinnerungsortes Topf & Söhne, die wir heute hier am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Bildungszentrum der Thüringer  Steuerverwaltung in Gotha eröffnen.

Die Ausstellung ist fünf Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtung gewidmet.

Esther Bejarano wurde 1924 in Saarlouis als Esther Loewy geboren und ist Jüdin. Ihr Vater war Kantor der jüdischen Gemeinde. Sie überlebte das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau als Mitglied des sog. Mädchenorchesters, ihre Eltern fielen 1941 in Litauen einem Massaker der SS zum Opfer, ihre Schwester wurde 1942 von deutschen Grenzern schossen.

Günter Pappenheim wurde 1925 in Schmalkalden geboren und entstammt  einer sozialdemokratischen Familie. Sein Vater, der jüdische Wurzeln hatte, aber selbst Atheist war, wurde 1934 im KZ Börgermoor ermordet. Der Sohn Günter wurde 1943 wegen seiner Kontakte zu Zwangsarbeitern bei der Gestapo denunziert und ins KZ Buchenwald verschleppt.

Éva Pusztai wurde 1925 in Debrecen in Ostungarn geboren und ist Jüdin. Sie überlebte das Vernichtungslager
Auschwitz-Birkenau, wo 49 ihrer Verwandten ermordet wurden, darunter ihre Eltern und ihre 11-jährige Schwester.

Waltraud Reinhardt wurde geboren 1936 in Oberflockenbach bei Weinheim geboren und ist Sintezza. Als sie etwas sechs Jahre alt war, wurde der Wohnwagenplatz von der Polizei geräumt und das Mädchen von seiner Familie getrennt. Sie kam in ein Kinderheim, das sie nach Kriegsende an einen fahrenden Zirkus übergab. Ihre Mutter war 1942 von der Kriminalpolizei verhaftet und ins KZ Ravensbrück eingeliefert worden. In einem Außenlager von Buchenwald verliert sich ihre Spur. Waltraud heiratete mit 16 Jahren Daweli Reinhardt. Er, seine Eltern und sieben Geschwister erlitten und überlebten die Lager Auschwitz, Ravensbrück, Sachsenhausen, Mauthausen und Bergen-Belsen. Ein Bruder starb als Kleinkind in Auschwitz.

Reinhard Schramm wurde 1944 in Weißenfels geboren und ist Jude. Seit Dezember letzten Jahres ist er Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Als Kleinkind überlebte er gemeinsam mit seiner Mutter, zunächst geschützt durch deren Ehe mit dem nicht-jüdischen Vater, in den letzten zwei Kriegsmonaten dann in einem Versteck. Sein Onkel wurde im KZ Neuengamme ermordet. Seine Großmutter und ihre Schwester wurden ins KZ Ravensbrück verschleppt und in der "Euthanasie"-Anstalt Bernburg getötet. Eine weitere Schwester kam ebenfalls nach Ravensbrück, dort verliert sich ihre Spur.

Das Leben dieser Menschen bezeugt verschiedene Dimensionen der nationalsozialistischen Verfolgung, des Widerstands und der Rettung. Eigens für die Ausstellung geführte Film-Interviews, Dokumente und Fotos berichten von der Kindheit, den Lagererfahrungen und dem Schicksal der Familien.

Was es für die Überlebenden bedeutet, Zeugnis abzulegen von dem, was ihren Familien und ihnen angetan wurde, lässt sich von anderen kaum ermessen.
Éva Pusztai schwieg 59 Jahre über den Moment in ihrem Leben, als die Nationalsozialisten ihr gesamtes bisheriges Leben zerstörten. Mit einer Gruppe ehemaliger Häftlinge des KZ Buchenwald kam sie 2011 in den neu eröffneten Erinnerungsort Topf & Söhne. Sie war es, die uns mit ihrer Botschaft der Menschlichkeit zu dieser Ausstellung inspirierte. Zur Stunde spricht sie in der Gedenkstunde des Thüringer Landtages.

Neben Menschen, die es wie Éva Pusztai geschafft haben, zu sprechen, stehen andere, für die es bis heute zu schwer ist. Ihre Lebensgeschichte kennen nur wenige. Eine Dokumentation und öffentliche Thematisierung ist nicht möglich.

Unersetzbar ist die Begegnung mit den letzten Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtung auch deshalb, weil wohl niemand mehr Autorität hat, den Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus, ein Engagement für Demokratie und Mitmenschlichkeit zu verlangen. Ihre Forderung nach der Grundsolidarität des Menschen mit dem Menschen ist aus ihrer tiefen und lebensprägenden Erfahrung des Schmerzes und des Verlustes gewonnen.

Artikel 1 des Grundgesetzes lautet:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Dies war die Antwort der Gründungsväter und  -mütter auf den Nationalsozialismus, in dem die Massenverbrechen vom Staat ausgingen. Leitungskräfte und Angestellte der Verwaltung waren vor über 70 Jahren vielfach und oft maßgeblich daran beteiligt, die als Juden oder als Sinti und Roma verfolgten Bürger zu berauben, zu entrechten, zu vertreiben und zu ermorden. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Finanzverwaltungen haben vor über 70 Jahren daran mitgearbeitet, jüdische Bürger um ihr Eigentum zu bringen. Es waren nicht nur SS-Männer und Polizisten, die im Osten Millionen von Juden ermordeten. Es waren auch die Angehörigen der Zivilverwaltungen in Polen und in den besetzten sowjetischen Gebieten, die für die Judenmorde in ihrem Bereich Verantwortung tragen. Sie alle hatten Handlungsspielräume und zumeist haben sie diese gegen die Verfolgten genutzt.

Dass die Notwendigkeit des staatlichen und gesellschaftlichen Engagements für die Würde aller Menschen nichts an Aktualität verloren hat, zeigt – nur als ein Beispiel –  die aggressive Wahlwerbung der NPD gegen die ethnische Minderheit der Sinti und Roma zur Bundestagswahl vor wenigen Monaten. Was macht eine solche politische Kampagne mit Menschen, die dieser ethnischen Minderheit angehören? Was macht sie mit Menschen, deren Schicksal im Nationalsozialismus genauso von Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung geprägt war wie das der europäischen Juden? Ich habe die Familie der Sintezza Waltraud Reinhardt zwei Mal getroffen: Als wir 2012 in Koblenz mit ihr das Interview für die Ausstellung führten und als zwei Söhne und drei Enkel von ihr im Januar 2013 bei uns im Erinnerungsort als großartige Musiker auftraten. Die Reinhardts sind väterlicherseits seit 80 Jahren in Koblenz zu Hause. Die Sinti, eine Untergruppe der europäischen Roma, leben seit Hunderten von Jahren in Deutschland und sind – selbstverständlich – deutsche Staatsbürger. Und dennoch – und das ist mir nachdrücklich in Erinnerung geblieben – sprachen die Töchter von Waltraudt und Daweli Reinhardt immer noch von den Deutschen, wenn sie ihre Nachbarn meinten. Sie selbst rechneten sich nicht dazu. Im Interview erzählt Waltraud Reinhardt, dass sie nach Kriegsende im Alter von neun Jahren an einen fahrenden Zirkus übergeben wurde und wie sie dort ausgebeutet wurde. Es war der Familie Reinhardt sehr wichtig, dass der Name dieses Zirkus im Interview nicht genannt wird. Die Angst, andere gegen sich aufzubringen, auch wenn man selbst gar keinen Grund dafür geliefert hat, war deutlich zu spüren.

Die Ausstellung "Un-er-setz-bar. Begegnung mit Überlebenden" ist die erste eigene Sonderausstellung des vor drei Jahren eröffneten Erinnerungsortes. Wir freuen uns sehr, dass sie auf Initiative von Staatssekretär Rieder und gefördert vom Innenministerium auch als Wanderversion hergestellt werden konnte und als fünfte Station nach Erfurt, Meiningen, Eisenberg und Weimar-Buchenwald jetzt hier in Gotha eröffnet wird. Wir halten es nicht für selbstverständlich, dass die Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtung uns – dem Erinnerungsort Topf & Söhne – ihre Geschichte und ihre Zeugnisse anvertrauen. Denn das Handeln der Unternehmer und Techniker von J. A. Topf & Söhne, über die wir in unserem Erinnerungsort in Erfurt berichten, konfrontiert Überlebende und Nachkommen von Opfern des Nationalsozialismus mit einem besonders grausamen Aspekt des Schicksals ihrer ermordeten Verwandten: der technischen und betrieblichen Seite der Vernichtung und der Leichenbeseitigung. Umso wertvoller ist für uns, dass Überlebende und Familienangehörige diesen Ort unterstützen und dass gerade sie seine unbedingte Notwendigkeit betonen. Dieses Geschenk versetzt uns in die Lage, zwei sehr wichtige Dinge zu tun: Zum einen die berührenden und verstörenden Erfahrungen der Überlebenden mit der Öffentlichkeit zu teilen und Begegnungen zwischen den letzten Zeitzeugen und den Nachgeborenen, insbesondere der jungen Generation, zu ermöglichen. Und zum anderen mit Bildungsangeboten in unserer Dauerausstellung in Erfurt am Beispiel von Topf & Söhne zu zeigen, wie und von wem diese Verbrechen ermöglicht und durchgeführt wurden.

Im Rahmen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2012 erarbeiteten 15 Schülerinnen und Schüler eines Erfurter Gymnasiums die Radiosendung "Lebendige Erinnerung", die in der Ausstellung dokumentiert ist. Die Begegnung mit den Überlebenden "hat es ermöglicht, zu sehen, dass die Verantwortung in unserem Leben in jedem Einzelnen liegt." So lauteten die Schlussworte, die diese Schülerinnen und Schüler zur Eröffnung der Ausstellung im Erinnerungsort an unsere Besucherinnen und Besucher richteten. Etwas von ihren Eindrücken dieser Begegnungen und der Botschaft der Überlebenden wollten die Schüler/-innen weitergeben, deshalb gestalteten sie damals die öffentlichen Führungen durch die Sonderausstellung "Un-er-setz-bar" im Erinnerungsort mit.

Auch hier in Bildungszentrum in Gotha besteht die Möglichkeit für Schulklassen, in der Ausstellung selbstständig zu arbeiten. Wir haben dafür spezielle Arbeitsblätter zu den in der Ausstellung porträtierten Menschen, ihren Erfahrungen und Handlungen, entwickelt.

Wir freuen uns sehr, dass Reinhard Schramm, der jüngste der in der Ausstellung porträtierten Überlebenden, heute hier ist und zu Ihnen sprechen wird. Er ist nicht nur ein Botschafter der Verfolgungs- und Überlebensgeschichte des jüdischen Volkes, er ist als Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen auch ein Botschafter deutsch-jüdischer Gegenwart und Zukunft.

Heute, 69 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, der von Menschen gemachten Hölle, liegt es an uns, an jedem von uns, eine Gegenwart und Zukunft zu gestalten und verteidigen, in der Antisemitismus, Antiziganismus und jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit keinen Platz haben.

Ich danke Ihnen.