Elfriede Begrich: Laudatio für Wolfgang Nossen zur Jochen-Bock-Preisverleihung am 25. Januar 2014

25.01.2014 18:00

"Und Sie Bruder Nossen, Sie haben das so schön immer zusammenbringen können: die nötige Erinnerung und das ebenso nötige Erleben des Lebendigen, wieder da seienden jüdischen Lebens."

Elfriede Teresa Begrich, ehem. Pröbstin Erfurt-Nordhausen

Frau spricht ins Mikrofon
Foto: Elfriede Teresa Begrich, ehem. Pröbstin Erfurt-Nordhausen Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Martin Sengewald

"Baruch atta adonai." So beginnen alle jüdischen Lobgebete. Kann man sich merken, braucht man nicht viel hebräisch dazu. "Baruch atta adonai." Und dann wissen wir ja, manche, geht`s weiter: "...elhenu mäläch ha olam" – "Gelobet seist Du, Herr unser Gott, du König der Welt" – Und dann geht’s noch ein bisschen weiter: "...ha noten lanu" – "... der du uns gegeben hast" – Und dann schaut man aus dem Fenster, den Schnee und dann sagt man die Galgen und Flöten, und das Brot und den Wein und da kommt so alles Mögliche dazu und wer Anatevka gesehen hat weiß, da gibt’s so diesen Anfang: "Rabbi gibt es auch einen Segen für die Nähmaschine? Natürlich gibt es einen Segen für die Nähmaschine."
Aber heute heißt dieser Satz ganz deutlich so: "Baruch atta adonai eluhenu mäläch ha olam ha noten lanu et ha ach hazä Wolfgang Nossen!" – "Gelobet seist du, Herr, unser Gott, König der Welt, der du uns diesen Bruder gegeben hast, Wolfgang Nossen!" Diesen und keinen anderen. Gelobet seist du!

Sehr geehrte Anwesende!

Lieber Bruder Nossen!

Liebe Frau Erdmann!

So ist das. Das allererste Lob geht ganz nach oben. "Baruch atta adonai!" – "Gelobest seist du!" Ganz nach oben: Gelobet seist Du, Herr, unser Gott, dass Du diesen Bruder genau diese Wege geführt hast und hast gehen lassen. Ja, wir kennen ja die Stationen von Breslau über Erfurt nach Israel zurück, Umweg Bayern, nach Erfurt. Sie haben das so oft erzählt und das ist auch immer wieder nachzulesen. Und erzählt als einen Lebensweg der, wie an einem goldenen Faden geleitet sich hindurch zieht. Und Sie haben das immer so erzählt, dass man den goldenen Faden nicht so viel durchschimmern sieht. Weil es aber gut ist, dass man manchmal  auch sieht was man glaubt habe ich Ihnen ein Stück von diesem ewigen goldenen Faden mitgebracht.

Sie haben einmal gesagt – Zu dem Knoten sag ich gleich noch was. – Sie haben einmal gesagt: Ich arbeite nicht, um irgendwelche Auszeichnungen zu bekommen, hab ich gelesen. Und trotzdem entgehen Sie den Auszeichnungen ja nicht. Das ist nun ganz sichtbar. So sind wir Menschen eben und das ist auch gut so. Und Er, hochgelobt sei Er, hat mit Gewissheit seine Freude jetzt, denn jetzt sieht er,  es hat sich gelohnt was ich dem da alles mitgegeben habe. Nichts war umsonst. Also zum Überleben, zum Weiterleben, ganz früh schon auch in dunkelster Zeit – Da gibt’s den schönen Satz, das ist so ein richtiger Wolfgang Nossen Satz: "Ich war ein begnadeter Dieb". Er war ein begnadeter Dieb! Das war auch nötig. Das ist, da alles schon erkennbar in diesem kleinen Satz: Sein waghalsiger Mut, sein Einsatz fürs Leben und Überleben, sein Blick für das Alltäglich notwendige, um für die Zukunft bereit zu sein und das Verantwortungsbewusste in, schon als Heranwachsender und sein Humor, den wir nun alle lieben, mit dem  eben auch die manchmal schlimmen Augenblicke die Sie zu erzählen haben auszuhalten sind.

Auch mit Liebe und Sehnsucht hat Er, hochgelobt sei Er, nicht gespart bei seinem Knecht Wolfgang Nossen. Natürlich kann eine Elisabeth nur in Thüringer Luft wirklich atmen. Sagt ja schon der Name. Geht gar nicht anders. Und damit war die Entscheidung gefällt: Hier in Erfurt wird Ihre gemeinsame Zukunft sein, für all die Tage die er Ihnen noch schenkt, wollen wir mal ganz deutlich sagen, ist so. Und da hat er beschlossen, gut jetzt mach ich in die beiden getrennten Fäden einen Knoten, deshalb ist da nämlich ein Knoten drin und da hat er beide an einer Hand, hat er auch nicht so viel Arbeit. Viel besser. Und damit war auch klar diese von himmlischer Hand so ganz, dieses ganz lang geplante Wiedersehen musste Folgen haben. Und an den Folgen haben wir alle teil.

Und die Schwester der Liebe ist die Sehnsucht. In Ihnen wohnt eine Sehnsucht nachdem Land ihrer Wurzeln, nach dem Land Israel, das sie ja mit aufgebaut haben, in drei Kriegen verteidigt und in dem ein großer Teil ihrer Familie lebt. In allen Reden – und derer sind Legionen ja – die sie gehalten haben Sie immer die entscheidende Balance zu wahren gewusst zwischen dem Grundrecht der Existenz Israel und den Fehlern den ein politischer Staat macht, eine Regierung, wie alle in der Welt. Und so ist Wolfgang Nossen zu der wichtigsten Stimme für Israel in Thüringen geworden. Und das hat ganz genaues Hinsehen gebraucht und Hinhören. Seine frühen Warnungen vor neonazistischem Denken, Reden und Tun, als Viele noch abwiegelten und wegsahen, sein öffentliches Einschreiten gegen Antisemitismus und sein bleibendes Ausharren am Ort, dahin wo er sie hingestellt hat, die sprechen von dem Verantwortungsbewusstsein und von dem Mut, das sind zwei ganz wertvolle anstrengende Gaben, mit denen sie auch (– ja –) 16, 17, 18 sogar 19, hab ich gelesen, Jahre die jüdische Landesgemeinde geleitet haben. Dass man nicht so richtig weiß wie viele Jahre waren's denn nun wenn man so im Internet nachliest heißt erst mal, vertrau nicht dem Internet und zum anderen eigentlich war das schon immer da. So klingt das, wenn man so nachliest. Sie werden mir nachher verraten wie viele Jahre es wirklich waren, ja?

Ich hab`s ganz oft erlebt, Sie sicher alle auch: Auf Friedhöfen, in Schulen, in der Staatskanzlei, im Rathaus, im Kaisersaal, in Weimar – Buchenwald, in Mühlhausen, in Jena, in – ja – Mittelbau Dora, im Theater, bei Gedenkfeiern, in den Medien, auf Demos, beim Staatsbankett, in Synagogen, Gemeindehäusern, und Kirchen: Wolfgang Nossen war schon, bevor er den Mund aufmachte, ein erwarteter und gefürchteter Redner, denn seine Rede ist klar und deutlich und selbst die Zwischentöne klingen wie Posaunenschall. Geht ein Mensch so, kann das auch von mir sagen, aber geht so ein Mensch festlich und fröhlich gekleidet zum Chanukkaball, dann werden ihm vor dem koscheren Essen erst mal die ganz und gar nicht koscheren Dinge genannt, die schwarzen Abgründe im schönen grünen Thüringen. Und bevor es den israelischen Wein zu trinken gibt, hören alle Anwesende von der Bedrohung der Weinberge in Israel. Also der erste Gang wird von Wolfgang Nossen serviert: Und es ist ein Gang durch die Landes - und Weltpolitik, kritisch und klar, mit den Augen der Gerechtigkeit, der Wahrheit und manchmal auch mit den Augen und der Stimme des Zorns, wenn`s nötig war. Und dann wurde gegessen, getrunken und getanzt. Das Eine nicht ohne das Andere. Auch für dieses, diese Klammer zwischen Mahnung und Menü sagen wir Ihnen sehr herzlichen Dank. Es ist die Liebe zu den Menschen und die Liebe zur Wahrheit, die ist beides zusammen, die ineinander fallen und die uns so ein Spiegel, allen die zuhörten, ein Spiegel vorgehalten haben. Weil die Wahrheit mit Liebe gesagt wird und die Liebe nur mit Wahrheit ehrlich ist, darum sind die Worte so eindringlich von Wolfgang Nossen. Der Ewige liebt die Menschen, sind wir uns einig, denk ich jetzt. Der Ewige liebt die Menschen, also liebt er auch die Rechtsradikalen. Aber er liebt sie nicht als Rechtsradikale und darum, also Wolfgang Nossen geh hin und kämpf gegen sie, weil ein Kämpfen für sie zum Menschsein gut sein wird. So ähnlich muss der Auftrag geklungen haben, auch als Sie dann Vorsitzender von Mobit wurden, im Jahr 2000, und, ja man kann eigentlich gar nicht so richtig aufhören, ich mach das trotzdem gleich. Was noch deutlich war, worum ich ihn auch oft bewundert habe, weil ich das nicht so gut konnte: Die guten Beziehungen zu den Verantwortlichen in der Politik Thüringens, die hat Ihnen ja nun jetzt auch gerade den Thüringer Verdienstorden eingebracht und ich bin sehr sehr froh, dass dieser, ist ja kein Orden, aber es ist eine Auszeichnung , dass dieser Preis nach einem Menschen genannt, der nicht viel älter ist als Sie selbst, dass wir den jetzt an diesem Ort hier Ihnen verleihen dürfen. Und auch deshalb gilt dieses, dieser  Dank zuerst nach oben – Nichts ist selbstverständlich, das wird an dem Namensgeber deutlich und an diesem Ort natürlich auch. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass wir hier im Haus von Topf & Söhne diese Preisverleihung vornehmen können. Aus allen Mauerspalten atmet hier Erinnerung. Und Sie Bruder Nossen, Sie haben das so schön immer zusammenbringen können: die nötige Erinnerung und das ebenso nötige Erleben des Lebendigen, wieder da seienden jüdischen Lebens. Sie könnten sagen trau keinen grünen Hügeln, schon gar nicht Richtung Osten, wir wissen was der Blick daraus uns sagt und Sie können aber genauso gut erzählen von dem was jüdisches Leben hier in Erfurt und Thüringen jetzt ist. Und das ist so etwas ganz wunderbares, wenn man das beides zusammen kriegt und deshalb sind Sie so die Verkörperung jüdischen Lebens des Bedrohten und des fröhlich Lebendigen. Und deshalb ist es so schön, dass Sie uns an dem immer haben teilhaben lassen, an den Sitten, an den Gebräuchen, an den Inhalten.

Manchmal das weiß ich wünschen Sie sich ein bunteres jüdisches Leben in ihrer Gemeinde, aber ich denke über alles Sorgen und über alle Schwierigkeit hinweg steht ein ganz großer kurzer Satz, der heißt: Am jisraelchai – Das Volk Israel lebt – Und manchmal ist es ja sogar draußen vor dem Rathaus zu sehen, das wissen wir. Danke lieber Bruder Nossen, dass wir mit Ihnen gehen konnten, danke für das Miteinanderstreiten und das Beieinanderstehen. Baruch atta adonai, der uns Wolfgang Nossen geschenkt hat, der sagt, was er denkt, und dann auch noch tut, was er sagt. Anlässlich dieser Preisverleihung glaub ich wird uns allen bewusst: alles Leben ist Geschenk, und Sie, Bruder Nossen, haben das Geschenk Leben ausgewickelt, Schicht um Schicht, Päckchen um Päckchen und wir durften dankbare Teilhaber sein.

Deshalb alles Gute und Danke!
Mazzel tov und todah!