Gerhard Laue: Ansprache zur Jochen-Bock-Preisverleihung am 25. Januar 2014

25.01.2014 18:00

"Für uns, die wenigen noch lebenden Schüler der legendären H2a der Handelsschule Erfurt von 1942 ist das heute ein ganz besonderer Tag."

Gerhard Laue, Mitschüler von Jochen Bock

älterer Mann am Mikrofon
Foto: Gerhard Laue, Mitschüler von Jochen Bock Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Martin Sengewald

Liebe Freunde, meine Damen, meine Herren!

Für uns, die wenigen noch lebenden Schüler der legendären H2a der Handelsschule Erfurt von 1942 ist das heute ein ganz besonderer Tag. Erinnert er doch an Geschehnisse, die fast 71 Jahre zurückliegen, die uns aber immer noch sehr präsent sind. Und wir freuen uns, dass sie jetzt – nach so langer Zeit – auch der
breiten Öffentlichkeit bekannt werden.

Wir gratulieren ganz herzlich den ersten Preisträgern des neu  geschaffenen Jochen-Bock-Preises:

  • Frau Éva Pusztai,
  • Herrn Wolfgang Nossen,
  • und meinem Freund und ehemaligen Klassenkameraden, dem Pfarrer im Ruhestand Karl Metzner.

Unser ehemaliger Klassenkamerad Jochen Bock, dem dieser Preis gewidmet ist, weilt schon lange nicht mehr unter uns. Er ist kurz nach der Befreiung durch die Amerikaner an den Folgen der sicher schlechten Haftbedingungen gestorben.

Ich vermute, dass der immer fröhliche, aber auch sehr sensible Jochen in seiner langen Haftzeit vor allem seelisch zugrunde gegangen ist. Das wird verständlich, wenn man weiß, dass Jochen Bock zum Zeitpunkt des Geschehens erst 16 Jahre alt gewesen ist. Die anderen 4 Mitstreiter waren gerade mal 15.

Wir hatten auf der Handelsschule damals Lehrer, die anders waren als die Pauker in den staatlichen Schulen. Sie kamen meist aus der Praxis. Sie wollten aus uns tüchtige, weltoffene Kaufleute machen. Natürlich vergaßen sie nicht die Pflichtübungen, die das System vorgegeben hatte. Aber sie versuchten auch, uns auf der fachlichen Linie ein freies – also liberales – Gedankengut zu vermitteln. Ohne das kann ein selbstständiger Kaufmann nicht erfolgreich sein. Bei uns Schülern fielen diese Thesen auf fruchtbaren Boden. Für uns begann damals die Phase des selbstständigen Denkens.

In einer Diktatur, die in allen Bereichen des Lebens gleichgeschaltet ist, ist das alles andere als gewünscht und noch weniger gern gesehen. Für jeden, der klar denken konnte, war der Krieg nicht mehr zu gewinnen. Wir von der H2a haben damals klar gedacht!

Um das zu erkennen, genügte doch nur ein Blick auf den Globus! Da lag hier das kleine, kaum wahrzunehmende "Deutsche Reich". Und ringsum lag die ganze große Welt, die uns feindlich gegenüberstand. Und diese ganze große Welt mussten wir erobern, um diesen Krieg zu gewinnen – ein Ding der Unmöglichkeit.

Jeder von uns begann an der Richtigkeit dessen, was uns tagtäglich erzählt wurde zu zweifeln. Aber jeder für sich allein. Darüber zu sprechen wagte sich niemand.

Um noch besser informiert zu sein, hörten wir des Nachts BBC und Radio London. Für Erwachsene stand darauf die Todesstrafe! Aus dieser Stimmungslage heraus fasste Jochen Bock den Entschluss aktiv zu werden. Sehr schnell fand er einige Klassenkameraden, die bereit waren, mitzumachen. Und sie schritten schnell zur Tat. Gemeinsam entwarfen sie ein Flugblatt mit Anti-Hitler und Anti-Kriegs-Parolen.

Karl Metzner schrieb es auf seiner Schreibmaschine. Er vervielfältigte es auch. Heute würden wir sagen, mit Mitteln aus der Steinzeit! Es war eine Fleißarbeit mit viel Pauspapier.

Diese Flugblätter warfen sie aus der fahrenden Straßenbahn. Das Gelingen hatte Mut gemacht. Sie beschrifteten daraufhin Schutzhütten im Steiger mit den gleichen Parolen. Sicher hat es zur gleichen Zeit in Erfurt auch andere Widerstandsgruppen gegeben. Aber die Gruppe um Jochen Bock war die Einzige, die es wagte, in die Öffentlichkeit zu gehen. Zur Gruppe um Jochen Bock gehörten noch seine Klassenkameraden Karl Metzner, Gerd Bergmann, Helmut Emmerich und Jochen Nerke.

Stellvertretend für alle gehört heute Karl Metzner zu den ersten Preisträgern des neu geschaffenen Jochen-Bock-Preises.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Karl!

Dich in Erfurt vorzustellen, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Du hast dich in zwei Diktaturen nicht verbiegen lassen – bist immer den geraden Weg gegangen – Als Pfarrer des Friedens und der Versöhnung hast du dir in unserer Heimatstadt einen Namen gemacht. Besonders die Versöhnung mit Israel lag dir am Herzen.

Mit Helmut Emmerich ist ein weiteres Mitglied der Widerstandsgruppe heute anwesend. Er hat die für ihn beschwerliche Reise aus Fürth auf sich genommen, weil er unbedingt mit dabei sein wollte. Ich freue mich, dich heute wiederzusehen, lieber Helmut!

Aus Eisenach ist Rita Bergmann, die Witwe unseres Freundes Dr. Gerd Bergmann, zusammen mit Tochter und Schwiegersohn angereist. Auch Gerd Bergmann gehörte zu der Gruppe des Widerstands. Ich freue mich auch dich, liebe Rita hier wieder zu sehen.

Auch gegen mich und vier weitere Klassenkameraden wurde damals ermittelt. Im Gegensatz zu unseren Freunden wurden wir aber nach dem Gestapo-Verhör nicht verhaftet. Als Mitwisser wurden wir aber auf Geheiß der Gestapo vom Schulbesuch suspendiert. Während dieser schweren Zeit gab mir unser Klassenlehrer Herr Schulz heimlich und väterlich Hilfe und Halt. Herr Schulz hat damit seine eigene Existenz aufs Spiel gesetzt. Ich denke mit Hochachtung und mit großem Respekt an diesen stillen Helden zurück.

Derweil warteten unsere Freunde im Gefängnis auf ihren Prozess. Jedes Urteil ist möglich gewesen. Und das hat uns Angst gemacht.  Der totalitäre Staat musste auf die Jugend der Angeklagten keine Rücksicht nehmen. Gerüchteweise waren die Todesurteile bekannt geworden, die über die Geschwister Scholl und Freunde verhängt worden waren. Und mit ihrer Flugblattaktion, weswegen sie zum Tode verurteilt worden sind, haben sie nichts anderes getan als Jochen Bock und seine Gruppe. Meine Freunde wurden wegen "der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens" angeklagt. Und nicht auf "Hochverrat". Dieser kleine Unterschied hat ihnen möglicherweise das Leben gerettet. Bei Hochverrat wären die Richter gezwungen gewesen, die Todesstrafe zu verhängen. Wir lebten 1943 in der Zeit des "Totalen Krieges". Goebbels hatte ihn verkündet – mit den heute unglaublich klingenden Worten, "Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, totaler und schrecklicher als es ihn jemals in der Geschichte gegeben hat?!!" Und die Massen im Berliner Sportpalast haben tatsächlich "Jaaaaa!" geschrien. Unglaublich, aber leider wahr. Sie haben nicht damit gerechnet, dass dieser totale Krieg in der Hauptsache gegen die eigene Bevölkerung geführt werden würde. Die Strafen wurden verschärft. Auch bei kleinsten Delikten – wie dem Erzählen von politischen Witzen – kam es zu Todesurteilen. Todesurteile wurden wie am Fließband verhängt. Meist war der Henker mit seinen Vorbereitungen schon fertig, als die Verhandlung noch lief. Mit dem "totalen Krieg" schafften sich die Nazis auch die Legitimation für den Massenmord an jüdischen Mitbürgern in ganz Europa, an Sinti und Roma. Ziel war die Ausrottung ganzer Bevölkerungsgruppen. Es war eine grausame Zeit für uns alle, in den letzten Kriegsmonaten wussten wir nicht, was wir mehr fürchten mussten: Unsere eigenen Leute oder die Rache der Sieger.

Wir befinden uns hier an einem geschichtsträchtigen Ort. Besser, er wäre das nicht geworden!

In diesem Gemäuer wurden nach der berüchtigten Wannsee-Konferenz im Jahre 1942 die Pläne für die Gasöfen erarbeitet, die dann ab Mitte 1943 nach Auschwitz‚ Treblinka, Sobibor und andere Vernichtungslager geliefert wurden. Millionen unschuldiger Menschen verloren in den letzten beiden Kriegsjahren ihr Leben. Sie mussten sterben, weil sie einer anderen Rasse angehörten, oder weil sie eine andere Hautfarbe hatten. Diese Schuld wird unser Volk noch lange verfolgen!

Ich möchte meine Ausführungen nicht beenden, ohne noch ein paar mahnende Worte an die jüngere Generation zu richten. Ich bitte euch inständig: Lehnt euch nicht zufrieden zurück und denkt: So etwas kann heute nicht mehr passieren. Aus der schlimmen Erfahrung meiner Kinderjahre kann ich nur sagen: Seid wachsam und wehret den Anfängen.

Jeder aufkommende Rechtsextremismus muss schon im Keime erstickt werden. Tut ihr das nicht, dann kann es zur Gegenwehr leicht zu spät sein. Auch Hitler wurde anfangs verlacht und unterschätzt. Noch nach seiner Berufung zum Reichskanzler würde er von den mitregierenden Parteien nicht ernst genommen. Das Ergebnis ist bekannt.

Nichts im Leben ist von Dauer, Nichts ist selbstverständlich. Nichts ist fest in Beton gegossen. Auch nicht Frieden und Wohlstand. Die Generation meiner Eltern und Großeltern können ein Lied davon singen. Da gab es die Gründerzeit, die die man die goldenen Jahre nannte. Das ganze Land blühte auf. "Made in Germany" war
weltweit ein Gütesiegel. Wohlstand führt oft zur Überheblichkeit. Und in der Überheblichkeit liegen die Wurzeln zum Untergang.

Genau das hat die Generation meiner Eltern und Großeltern erlebt. Auf die goldenen Jahre folgte eine lange Periode von Kriegen, von Not und Elend.

Es liegt an uns, die Lehren aus der jüngeren Geschichte zu ziehen. Es lohnt sich, ja es ist geradezu eine Pflicht, für einen dauerhaften Frieden und für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen.

Für Rassenhass und Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft kein Platz mehr sein!

So, das musste ich noch loswerden.

Herzlichen Dank!