Dietrich Hagemann: Überbringung der Grüße des Erfurter Oberbürgermeisters Andreas Bausewein

12.04.2018 19:00

"In Erfurt wurden die Hauptkapitel dieser Geschichte, die in ihrer Unmenschlichkeit und Ignoranz irritierender nicht sein könnte, geschrieben. In Mainz fand der Epilog statt."

Dietrich Hagemann, Beigeordneter der Stadt Erfurt für das Ehrenamt

Ein Mann spricht an einem Mikrofon
Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Ebling,
sehr geehrte Mitglieder des Stadtrates,
sehr geehrte Frau Dr. Schüle, Kuratorin der Ausstellung,
sehr geehrter Herr Bender, Vorsitzender des Förderkreises Erinnerungsort Topf & Söhne,
sehr geehrter Herr Steinmetz, Projektleiter in Mainz,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich überbringe Ihnen die Grüße des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Erfurt, Andreas Bausewein, den ich heute hier vertreten darf.

Die Städte Mainz und Erfurt haben eine sehr lange und besondere historische Beziehung, die in das achte Jahrhundert zurückreicht, als Erfurt an das Erzbistum Mainz angegliedert wurde. Unsere über tausendjährige gemeinsame Geschichte findet heute in vielfältigen Partnerbeziehungen ihre lebendige Fortsetzung.

Nun kommt mit der Präsentation der internationalen Wanderausstellung des Erfurter Erinnerungsortes eine wichtige Facette hinzu.

Sie sehen hier in der Ausstellung Firmendokumente aus Erfurt, die auf den ersten Blick alltäglich sind: Geschäftsbriefe, Telefonnotizen, Arbeitszeitnachweise und Pläne. Es geht um technische Anlagen, die konstruiert, produziert, geliefert und in Betrieb genommen wurden. Das zutiefst Verstörende ist: Diese Anlagen brachten keinen technischen Fortschritt, verbesserten nicht das Leben der Menschen, wie es Ingenieurskunst eigentlich anstrebt. Die in Erfurt entwickelten Anlagen dienten allein der Vernichtung von Menschen und der Beseitigung der Spuren dieses Großverbrechens.

Von Erfurt aus schickten Topf & Söhne die Einzelteile der extra für die Leichenverbrennung in den Konzentrationslagern entwickelten Öfen nach Buchenwald, Dachau, Auschwitz, Mauthausen, Gusen und Groß-Rosen. Von Erfurt aus wurden die Gaskammern im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mit Be- und Entlüftungsanlagen ausgestattet. Und von Erfurt aus reisten die Ingenieure und Monteure in die Lager, um vor Ort den Aufbau der Öfen durch die Häftlinge zu überwachen und mit "Probeverbrennungen" und "Probevergasungen" ihre Anlagen zu testen und zu optimieren.

In Erfurt wurden die Hauptkapitel dieser Geschichte, die in ihrer Unmenschlichkeit und Ignoranz irritierender nicht sein könnte, geschrieben. In Mainz fand der Epilog statt. Hierher hatte Ernst Wolfgang Topf die Firma J. A. Topf & Söhne 1954 verlegt, die er drei Jahre zuvor in Wiesbaden ins Handelsregister hatte eintragen lassen, nachdem sie in Erfurt aufgrund der Verstaatlichung gelöscht worden war. J. A. Topf & Söhne, 1878 in Erfurt als feuerungstechnisches Baugeschäft gegründet, wurde 1963 in Mainz formell aufgelöst.

Als Stadt Erfurt ist es uns nicht leichtgefallen, uns diesem historischen Erbe angemessen zu stellen. Es ist leichter, stolz auf die Geschichte seiner Region oder seines Landes sein zu können, als sich einzugestehen, dass sich ein renommiertes und weltweit erfolgreiches Unternehmen aus der eigenen Stadt in eine Geschäftspartnerschaft mit der SS begab und zum Helfer am Völkermord wurde.

Aber diese Taten sind evident, und wir zeigen seit über sieben Jahren im ehemaligen Verwaltungsgebäude von Topf & Söhne, wie hier Verbrechen industriell unterstützt worden sind. Dies tun wir nicht nur mit Hilfe unserer Dauerausstellung, sondern auch und vor allem durch ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm und eine hervorragende Gedenkstättenpädagogik.

Unsere internationale Wanderausstellung "Industrie und Holocaust: Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz" wurde im März letzten Jahres in einer polnisch-englischen Version in der Gedenkstätte Auschwitz eröffnet und dort bis Oktober von 30.000 Menschen gesehen. Ich danke der Stadt Mainz für ihre Bereitschaft, diesen wichtigen Beitrag zu einer internationalen Erinnerungskultur nun hier zu zeigen und wünsche dieser Ausstellung viele nachdenkliche Besucherinnen und Besucher.