Annegret Schüle: Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung „Die I.G. Farben und das KZ Buna-Monowitz“

23.03.2018 18:00

„Für das Erfurter Unternehmen J. A. Topf & Söhne wie für den I.G. Farben-Konzern war der Weg nach Auschwitz, in die Beteiligung am Menschheitsverbrechen des Holocaust, weder vorgegeben noch zwingend.“

Annegret Schüle, Oberkuratorin Geschichtsmuseen, Erinnerungsort Topf & Söhne

Eine Frau spricht an einem Rednerpult vor Publikum.
Foto: PD Dr. Annegret Schüle, Oberkuratorin Neuere und Zeitgeschichte, Geschichtsmuseen Erfurt Foto: © Stadtverwaltung Erfurt/ D. Urban

Sehr geehrte Frau Hoyer,
lieber Gottfried Kößler,
herzlichen Dank für Ihre und Eure Worte zu unserer neuen Sonderausstellung.

Warum ist diese Ausstellung an diesem Ort, dem ehemaligen Firmengelände von J. A. Topf & Söhne so interessant und lehrreich?

Trotz der großen Unterschiede zwischen J. A. Topf & Söhne, einem Erfurter Familienbetrieb, und dem I.G. Farben-Konzern, einem Chemiegiganten mit Standorten in ganz Europa, gibt es große Parallelen.

Weder Topf & Söhne noch der I.G.-Farben-Konzern zeigten vor 1933 ein deutliches Interesse, der NSDAP zur Macht zu verhelfen. Bei Topf & Söhne hatte die Unternehmerfamilie enge Kontakte zu Erfurter Juden, der I.G Farbenkonzern wurde 1925 von jüdischen Unternehmern mitgegründet.

Doch nachdem sich die politischen Verhältnisse 1933 änderten, richteten sich das Erfurter Unternehmen und der in Frankfurt am Main ansässige Konzern genauso wie der Großteil der deutschen Wirtschaft auf das neue Regime aus. Sie alle erkannten in den Kriegsvorbereitungen einen neuen gigantischen Markt, in dem man Geschäfte machen konnte und wollte.

Für das Erfurter Unternehmen wie für den Konzern war der Weg nach Auschwitz, in die Beteiligung am Menschheitsverbrechen des Holocaust, dennoch weder vorgegeben noch zwingend.

Als der I.G. Farben-Konzern eine neue chemische Fabrik in Osteuropa bauen wollte, bot sich Auschwitz wegen der oberschlesischen Kohlevorkommen und der günstigen Transportwege an. Dass die SS die Häftlinge aus dem KZ Auschwitz als billige Arbeitskräfte anbot, war dabei kein Problem, im Gegenteil. Es war ein weiterer Standortvorteil.

Als die SS immer mehr Öfen brauchte, weil sie begonnen hatte, die nach Ausschwitz deportierten Juden in "arbeitsfähig" und "nicht arbeitsfähig" einzuteilen und die große zweite Gruppe deshalb zu ermorden, sah Topf & Söhne darin ein gutes Geschäft.

"Die Wirtschaft kennt eben keine Moral", hören wir immer wieder bei Führungen in unserer Dauerausstellung – zum Beispiel von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften. Um zum wirtschaftlichen Mittäter an einem Verbrechen zu werden, gehört einerseits viel: Man muss jede Regung der Mitmenschlichkeit in sich unterdrücken, wie es die Dokumente in unserer Dauerausstellung zeigen.

Gleichzeitig gehört wenig dazu, wie die zwei Beispiele von Topf & Söhne und I.G. Farben zeigen.

Wenn Menschen in Beruf und Wirtschaft ihre persönliche Moral aufgeben, weil die politischen und staatlichen Verhältnisse das fördern und fordern, dann kann der Weg bis nach Auschwitz führen – das ist das Interessante und Lehrreiche an dieser Sonderausstellung in Kombination mit unserer Dauerausstellung: Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften wie für alle anderen.

In diesem Spannungsfeld der eigenen Verantwortung bewegt sich unser vielfältiges Begleitangebot von Führungen und Projekten bis zu Vorträgen, Weiterbildungen, Lesungen und Konzerten.

Mir bleibt zu danken:

Dem Fritz Bauer Institut in Frankfurt, das uns mit dieser Ausstellung an den Ergebnissen seiner profunden Forschung und langjährigen Ausstellungserfahrung teilhaben lässt.

Dem Gestaltungsbüro Funkelbach aus Leipzig, das eine für Wanderausstellungen außergewöhnlich ansprechende gestalterische Form gefunden hat. Die Überlebenden bekommen in dieser Ausstellung eine Bühne. Sie sind die Hauptpersonen, die uns ihre Wahrheit des Lebens und Sterbens im KZ Monowitz mitteilen.

Und ich danke wie immer meinem Team, der Gedenkstättenpädagogin Rebekka Schubert und all den jungen engagierten Freiwilligen, ohne die es unseren lebendigen Erinnerungsort nicht geben könnte.