Kathrin Hoyer: Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung "Die I.G. Farben und das KZ Buna-Monowitz"

23.03.2018 18:00

„Die Ausstellung stellt differenziert das Handeln und die Rechtfertigungsstrategien der Täter dar und gibt im Perspektivenwechsel den vielfältigen Zeugnissen der Opfer Raum.“

Kathrin Hoyer, Beigeordnete für Umwelt, Kultur und Sport zur Eröffnung

Eine Frau spricht an einem Rednerpult vor einer Menschenmenge.
Foto: Kathrin Hoyer, Beigeordnete für Umwelt, Kultur und Sport der Landeshauptstadt Erfurt Foto: © Stadtverwaltung Erfurt/ D. Urban

Sehr geehrte Damen und Herren,

Erfurt ist die erste Station der Wanderausstellung "Die I. G. Farben und das Konzentrationslager Buna-Monowitz. Wirtschaft und Politik im Nationalsozialismus" nach ihrer Eröffnung in der Goethe-Universität Frankfurt, im I.G. Farben-Haus, zu Beginn dieses Jahres.

Dank an das Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt am Main, das diese Ausstellung erarbeitet hat und uns zur Verfügung stellt. Herzlich willkommen, Gottfried Kößler, stellvertretender Direktor des Fritz-Bauer-Instituts und Projektleiter der Ausstellung, der uns in das Thema der Ausstellung einführen wird.

Uns als Stadt ermöglicht diese Kooperation mit dem Fritz-Bauer-Institut eine wichtige Erweiterung unseres Kernthemas am Erinnerungsort Topf & Söhne. Hier an diesem ehemaligen Firmensitz von J. A. Topf & Söhne geht es darum, wie im Nationalsozialismus Menschen im beruflichen Alltag ohne Not und Zwang zu Mittätern an den Massenverbrechen wurden. Dadurch ergeben sich viele Bezüge zum Handeln der Manager und Angestellten des I.G. Farben-Konzerns.

In der Ausstellung, die wir heute eröffnen, können Sie ein Schreiben lesen, in dem Otto Ambros, ein Prokurist der I.G. Farben, 1941 zwei Direktoren des Konzerns von der "neuen Freundschaft mit der SS" in Auschwitz berichtet, die sich "sehr segensreich" auswirke: "Anlässlich eines Abendessens, das uns die Leitung des Konzentrationslagers gab, haben wir weiterhin alle Maßnehmen festgelegt, welche die Einschaltung des wirklich hervorragenden Betriebs des KZ-Lagers zugunsten der Buna-Werke betreffen".

Seit 1940 betrieb die SS in Oświęcim, das sie in Auschwitz umbenannte, ein Konzentrationslager. In der heute dort befindlichen Gedenkstätte haben wir im vergangenen Jahr als erste Station unsere Wanderausstellung „Industrie und Holocaust: Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“ gezeigt und sind mit einer Bürgerdelegation aus Erfurt zu Gast gewesen. 

Im Konzentrationslager Auschwitz sah der I.G.-Farbenkonzern einen "Standortvorteil", als er 1941 nach einem Areal zum Aufbau eines neuen chemischen Werkes zur Produktion von Buna, einem künstlichen Kautschuk, suchte. Mit der Wahl des bei Auschwitz liegenden Monowitz ging es ihm darum, die Häftlinge des KZ Auschwitz als Arbeitssklaven ausbeuten zu können. Damit nutzte die I.G. Farben nicht nur den Terror der SS in Form der Existenz dieses Konzentrationslagers für die eigenen Zwecke, sondern fügte ihm durch Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen auf der riesigen Baustelle der Fabrik noch eine weitere mörderische Facette hinzu. Um den Fußmarsch der Häftlinge des KZ Auschwitz auf die Baustelle des neuen Werkes im wenige Kilometer entfernten Monowitz einzusparen, errichtete die I.G. Farben 1942 sogar auf ihrem eigenen Firmengelände direkt neben der Baustelle ein eigenes Konzentrationslager, das KZ Buna-Monowitz, und ließ es von der SS betreiben.

"Und könnte aus unserem Lager eine Botschaft hinausdringen zu den freien Menschen, so lautete sie: Sorget, daß euch in eurem Heim nicht geschehe, was uns hier geschieht!" schrieb der Häftling des KZ Buna-Monowitz Primo Levi. Er appelliert an die Menschen, die frei sind, ihr Handeln zu entscheiden und die für dieses Handeln die Verantwortung tragen. Die Verantwortlichen der I.G. Farben waren freie Menschen, doch sie nutzten ihre Freiheit, um Menschen wie Primo Levi leiden zu lassen. 30.000 Männer wurden auf der Baustelle von I.G. Farben in Monowitz zu Tode gequält oder in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet, weil sie zu schwach geworden waren zum Arbeiten. Vor allem ihr Leiden erhält durch die Zeugnisse von Überlebenden wie Primo Levi in der Ausstellung eine Stimme.

Der Appell von Primo Levi ist eine Botschaft auch heute an alle Menschen. Er ist eine Botschaft an uns, dafür Sorge zu tragen, dass Menschen nicht aufgrund ihrer Religion, Ethnie, Hautfarbe oder anderen Unterscheidungsmerkmale ausgegrenzt, verfolgt, eingesperrt oder sogar um ihr Leben gebracht werden.

Die Ausstellung stellt differenziert das Handeln und die Rechtfertigungsstrategien der Täter dar und gibt im Perspektivenwechsel den vielfältigen Zeugnissen der Opfer Raum. Sie ist so ein wichtiges Medium, um Jugendliche mit der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen zu erreichen, sie zu einer eigenständigen Bewertung zu ermutigen und damit zur Reflektion darüber anzuregen, was dies mit ihnen heute zu tun hat.

Rund um die Ausstellung hat das Team des Erinnerungsortes um Annegret Schüle ein vielfältiges Begleitprogramm und ansprechende Vermittlungsangeboten gestaltet, die vielen Erfurtern und ihren Gästen die Möglichkeit bietet, sich zu informieren und mit ihren Fragen an der Diskussion teilzunehmen.

Dank an den Erinnerungsort für sein sehr engagiertes Programm, seine Netzwerk- und Vermittlungsarbeit, der auch diese Ausstellung zu einer großen Wirkung verhelfen wird.