Annegret Schüle: Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Industrie und Holocaust" in der Gedenkstätte Auschwitz

22.03.2017 13:00

"Im Namen des gesamten Teams des Erinnerungsortes, das vollständig hier ist und dessen gemeinsame Anstrengung diese Wanderausstellung erst ermöglicht hat, danke ich den Kolleginnen und Kollegen der Gedenkstätte Auschwitz für unseren deutsch-polnischen Dialog der Erinnerung und Mahnung, den wir mit Ihrer Ausstellung aus Polen vor einem Jahr beginnen konnten und der heute mit der Eröffnung von "Industrie und Holocaust" seine Fortsetzung findet."

Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes Topf & Söhne

Frau spricht ins Mikrofon
Foto: PD Dr. Annegret Schüle, Kuratorin des Erinnerungsortes Topf & Söhne Foto: © Stadtverwaltung Erfurt, Staatskanzlei Thüringen

Ich schließe mich den persönlichen Begrüßungen meinen Vorredner an.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

Im Frühjahr 2016 eröffneten wir in Erfurt gemeinsam mit dem Kurator Miroslaw Obstarczyk und unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Bodo Ramelow die Ausstellung "Deutsches nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz". Diese Ausstellung der Gedenkstätte Auschwitz, die wir noch bis Ende April zeigen und mit vielfältigen Bildungsangeboten verbinden, beginnt mit den Anfängen des Lagersystems Auschwitz, als die SS hier vor allem Polen quälte und ermordete. Sie veranschaulicht die unmenschlichen Bedingungen im Lageralltag und erläutert den Ausbau zum Zentrum der Vernichtung der europäischen Juden.

Weil die Ausstellung alle Facetten der Lagergeschichte von Auschwitz beleuchtet, ist sie für uns eine wichtige Perspektiverweiterung und stößt auf großes Besucherinteresse. Umgekehrt können wir nun mit der Ausstellung über Topf & Söhne, die wir heute hier eröffnen, einen exemplarischen Beitrag zu einer speziellen, aber dennoch bedeutenden Frage der Geschichte von Auschwitz leisten: Wer waren die zivilen Partner, die mit ihrer Technik den industrialisierten Massenmord in den Krematorien von Auschwitz erst ermöglichten, und was waren ihre Motive?

Von März bis Juni 1943 wurden alle vier Krematorien in Auschwitz-Birkenau in Betrieb genommen, genau heute vor 75 Jahren das sog. Krematoriums IV. Heute Morgen standen wir Erfurterinnen und Erfurter vor den Ruinen dieser Krematorien, in denen sich die Monteure von Topf & Söhne monatelang aufhielten, um sie zu "Todesfabriken" auszubauen. Die vor den Nationalsozialisten in die USA geflohene deutsche Jüdin Hanna Arendt sagte 1963: "Das Entscheidende ist ja nicht '33, jedenfalls für mich nicht. Das Entscheidende ist der Tag gewesen, an dem wir von Auschwitz erfuhren. […] Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. [..] Dies hätte nie geschehen dürfen. Und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer. Sondern ich meine die Fabrikation der Leichen […] Da ist irgendetwas passiert, womit wir alle nicht mehr fertig werden."

Von den mindestens elf Firmen, die diese "Todesfabriken" errichteten und ausstatteten, war Topf & Söhne der wichtigste Partner für die SS. Der Ofenbau-Ingenieur Kurt Prüfer, der mindestens ein Dutzend Mal von Erfurt nach Auschwitz reiste, hatte bei ihr eine Vertrauensstellung und Schlüsselrolle. Weder Zwang noch Unwissen, wozu die von ihnen entwickelte Technik diente, können angeführt werden, um das Handeln der Inhaber und Mitarbeiter von Topf & Söhne zu erklären. Am Anfang stand Ignoranz für die Folgen des eigenen beruflichen Tuns, am Ende Mittäterschaft am Massenmord in den Gaskammern.

"Der Holocaust war für uns die absurdeste Zeit in der Geschichte der Menschheit. In dieser Zeit gab es Menschen, aber es gab keine Menschlichkeit". So lautet das gemeinsame Fazit von Karolina und Clara, zwei 17-Jährige aus Polen und Deutschland, die sich im August 2016 hier in der Gedenkstätte Auschwitz bei einem internationalen Jugendsommercamp des Erinnerungsortes und der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste trafen. Sie beschäftigten sich mit der Lagergeschichte und der Rolle von Topf & Söhne beschäftigten und erarbeiteten einen gemeinsamen Beitrag für den Webdialog.

Erinnern im 21. Jahrhundert und für das 21. Jahrhundert, wie es dieser heute online gehende Webdialog anstrebt – damit wollen und können wir als Gedenkorte an die nationalsozialistischen Verbrechen einen Beitrag leisten für eine menschliche und friedliche Gegenwart und Zukunft. Im Namen des gesamten Teams des Erinnerungsortes, das vollständig hier ist und dessen gemeinsame Anstrengung diese Wanderausstellung erst ermöglicht hat, danke ich den Kolleginnen und Kollegen der Gedenkstätte Auschwitz für unseren deutsch-polnischen Dialog der Erinnerung und Mahnung, den wir mit Ihrer Ausstellung aus Polen vor einem Jahr beginnen konnten und der heute mit der Eröffnung von "Industrie und Holocaust" seine Fortsetzung findet.