Veranstaltungsbericht zur Buchvorstellung „Das Kind auf der Liste. Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie”

10.04.2018 19:00

Am 10. April stellten Peter Reif-Spirek als Vertreter der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und die Autorin Annette Leo ihre jüngste Studie zur Familiengeschichte und Deportation der Sintofamilie Blum vor.

Eine Frau liest an einem Mikrofon aus einem Buch
Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Der Titel „Das Kind auf der Liste. Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie” verweist auf die Verknüpfung der Geschichten Willy Blums und Stefan Jerzy-Zweigs, dessen Schicksal als Vorbild für den Roman „Nackt unter Wölfen“ diente. Lange Zeit wurde angenommen, dass politische Gefangene des Konzentrationslagers Buchenwald mit dem Versuch, das Kleinkind Stefan Jerzy-Zweig zu retten, in Kauf nehmen mussten, dafür ein anderes Kind auf den Transport in das Vernichtungslager Auschwitz und damit in den sicheren Tod zu schicken. Annette Leo zeichnete nach ihren ausgiebigen Recherchen jedoch ein anderes Bild: Zum einen meldete sich Willy Blum freiwillig, soweit man ein solches Wort in diesem Zusammenhang überhaupt verwenden kann, zu dieser Deportation. Er wollte nicht von seinem kleinen Bruder Rudolf Blum getrennt werden, dessen Name auf der Liste stand. Beide Blums waren zuvor bereits für kurze Zeit in Auschwitz interniert gewesen und wussten infolgedessen, was sie dort erwartete. Zum anderen wies Leo darauf hin, dass auf der 200 Kinder und Jugendliche umfassenden Liste insgesamt zwölf Personen ausgetauscht wurden. Weshalb und von wem diese Austausche durchgeführt wurden, könne heute nicht mehr nachvollzogen werden. Von einem direkten Tausch der beiden Kinder bzw. Jugendlichen Willy Blum und Stefan Jerzy-Zweig könne folglich nicht ausgegangen werden.

Ein Mann und eine Frau sprechen vor Publikum
Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Annette Leo ließ an diesem Abend eine Welt nomadisch lebender Schauspielfamilien auferstehen, welche im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts ihre Kunst darboten und große Beliebtheit genossen. Sie gewährte Einblicke in die Geschichte der Familien Blum und Richter, denen Willy Blums Eltern entstammten. Detailliert schilderte Leo das Leben auf der Wanderbühne bis zum Schicksalsjahr 1942. So bot das Blumsche Marionettentheater Adaptionen vielfältiger und anspruchsvoller Stücke von Goethe bis Shakespeare.

Dem verzweifelten Versuch des Familienvaters Alois Blum, den entzogenen Gewerbeschein zurückzuerlangen, folgte schrittweise die Deportation der Familie, Zwangsarbeit und eine Odyssee durch eine Vielzahl verschiedener nationalsozialistischer Konzentrationslager. Auf wundersame Weise überlebte der Großteil der Familie die Tortur – nicht jedoch die beiden Brüder Rudolf und Willy Blum.

Bewegend und mit genauem, sensiblen Blick berichtete Annette Leo von den Schwierigkeiten, die die Familie noch nach Ende des Krieges zu erleiden hatte – von fortbestehender Diskriminierung und Ausgrenzung, von ausbleibenden Entschädigungen für die an ihnen begangenen Verbrechen und von Behörden, die noch häufig mit demselben Personal besetzt waren wie vor 1945 und rechtmäßige Ansprüche verweigerten.

Publikum hört eine Lesung
Foto: © Stadtverwaltung Erfurt

Leo sprach auch von ihren eigenen Höhen und Tiefen innerhalb der Recherche. Sie stand vor der Herausforderung, eine Familiengeschichte allein anhand offizieller Dokumente zu rekonstruieren, da von den Familienmitgliedern selbst keine schriftlichen Berichte vorhanden sind. Sie berichtete von Versuchen, Kontakt zu Nachkommen herzustellen oder der Suche nach dem nach Enteignung und Deportation verlorenem Marionettentheater.

Nach der Lesung wurde schnell deutlich, wie sehr die Geschichte das rund 50 Personen umfassende Publikum bewegte. Die mitgebrachten Exemplare des Buches waren schnell vergriffen und zum Podest hin standen Menschen in Reihe, um eine Signatur der Autorin zu erbeten. Lesung und Diskussion schienen noch viel mehr zu sein als nur die Vorstellung einer bewegenden Familiengeschichte – sie waren auch ein Plädoyer dafür, Menschen und Geschichte zusammenzubringen und sich immer wieder auf menschliche Art und Weise auf die Suche nach dem zu machen, was anderen in der Mitte unserer Gesellschaft zustoßen kann und wie wir miteinander verbunden sind.